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Auf der Zielgeraden : Maisernte im Kreis Pinneberg

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Erntezeit läuft. Noch. Dabei lassen sich Lärm und Dreck nicht immer vermeiden. Der Maisbedarf für Biogas allerdings sinkt. Insgesamt gibt es etwa 6000 Hektar Anbaufläche im Kreis Pinneberg.

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2016 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Sie sind wieder unterwegs; vier Meter hoch, mehr als 30 Tonnen schwer, 40 Stundenkilometer langsam und wegen der breiten Reifen laut. Sie fahren von morgens bis abends, auch am Wochenende und feiertags: die Erntegespanne. Auch im Kreis Pinneberg setzen die Maisbauern zum Endspurt an, noch ungefähr eine Wochen lang werden die etwa 6000 Hektar Anbaufläche im Kreis Pinneberg abgeerntet.

Klaus-Hermann von Döhren verteilt die Silage auf seinem Stock.
Klaus-Hermann von Döhren verteilt die Silage auf seinem Stock. Foto: Roolfs

Diese Zeit ist anstrengend: Für die Bauern, die jetzt häckseln wollen und müssen, um die Pflanzen zum optimalen Zeitpunkt zu ernten. Für die Handvoll Lohnunternehmer im Kreis, die ihre Maschinen von früh bis spät im Einsatz haben. Und für Anwohner und Autofahrer: Sie müssen Lärm ertragen und mit rutschigen Straßen rechnen, wo die Gespanne in ihren tiefen Reifenprofilen Dreck vom Acker auf die Straßen tragen. Wobei das Problem in diesem Jahr bisher eher klein ist: Die Böden sind relativ trocken, es kommt vergleichsweise wenig Erde auf den Asphalt. „Letztes Jahr war es ganz schlimm“, erinnert sich Landwirt Klaus-Hermann von Döhren aus Groß Nordende: „Wir haben geschoben und sind mit dem Besen hinterher, trotzdem war es noch rutschig“.

Bauernverband und Polizei bitten um Verständnis für die Belästigungen durch die Ernte. Ihre Appelle gehen an beide Seiten: Bürger werden um Toleranz gebeten, Landwirte und Lohnunternehmer um Rücksicht. In Ortschaften sollen die Gespanne freiwillig Tempo 30 fahren, wenn möglich, soll der Ernteverkehr im Kreissystem organisiert werden. Für die Ernte gelten zwei wichtige Vorschriften: Zum einen dürfen die Landwirte in dieser Zeit auch nachts und am Wochenende arbeiten. „Das kann auch mal bis Mitternacht gehen“, sagt Georg Kleinwort, der Vorsitzende des Kreisbauernverbands. Zum anderen müssen die Bauern dafür sorgen, dass die Straßen hinterher wieder sauber sind. Wer sich über dreckige Wege ärgert, soll den verantwortlichen Landwirt ansprechen, raten Polizei und Bauernverband.

Die Arbeit ist eng getaktet. Und es kann durchaus vorkommen, dass auch um Mitternacht noch Maschinen unterwegs sind.
Die Arbeit ist eng getaktet. Und es kann durchaus vorkommen, dass auch um Mitternacht noch Maschinen unterwegs sind. Foto: Roolfs
 

„Der größte Teil der Bevölkerung hat Verständnis“, findet Bauernfunktionär Kleinwort. „Es gibt Gebiete und einzelne Personen, die Probleme haben“, beobachtet Bauernverbands-Geschäftsführer Peer Jensen-Nissen. Da parken denn schon mal Autos als Hindernisse auf den Straßen. Was im Endeffekt das Problem verschärft, erläutert Andrea Münster, deren Mann ein Lohnunternehmen in Bilsen führt: „Es dauert länger und wird lauter“, beschreibt sie die Folgen, wenn die Gespanne an den Schikanen bremsen und wieder anfahren müssen. Angestellte ihres Mannes haben schon erfahren, wie der Zorn über die Erntearbeit hochkochen kann: Ein Unbekannter attackierte im Sommer einen Trecker und schlug mit einem Hammer Tür und Fenster ein. Bei der folgenden Anzeige ist allerdings „nix ’rausgekommen“, sagt Münster.

Jensen-Nissen illustriert das Problem: Er zitiert Studien, denen zufolge das Vertrauen der Menschen in die Landwirte vor Ort groß sei. Aber wenn es um „die“ Landwirtschaft als solche geht, sieht es wesentlich schlechter aus. Für genervte Anwohner hat er einen Trost parat: „Es wird immer weniger Mais angebaut.“ Er verweist darauf, dass die Biogasanlagen – sie sind Mais-Großverbraucher – umgestellt werden und mit weniger Mais auskommen. Drei Viertel des Maises, der im Kreis angebaut wird, wird allerdings als Rinderfutter genutzt.

„Mais ist eines der wichtigsten Futtermittel“

Klaus-Hermann von Döhren.

Klaus-Hermann von Döhren.

Foto: Roolfs

„Zu wenig Körner“, Klaus-Hermann von Döhren, Lanwirt aus Groß Nordende, ist nicht so recht zufrieden mit der Maisernte. Den Fahrern des Lohnunternehmens gibt er die Anweisung, beim nächsten Feld die Stängel länger stehen zu lassen, damit das Verhältnis zwischen Gesamtmasse und Maiskörnern günstiger wird. Dann steigt er wieder in seinen kleinen Radlader und fährt auf den Silostock, den die Erntekolonne auf seinem Hof in Lander in Groß Nordende aufschüttet. Mit der Schaufel verteilt er das Häckselgut und fährt es fest, das Schwanken seines Gefährts sieht bedrohlich aus.

Auf 33 Hektar hat von Döhren Mais angebaut, die Flächen werden seit vergangener Woche abgeerntet. Mehr als 1200 Tonnen Maishäcksel liegen allabendlich auf seinem Hof. Die Masse wird gepresst und zum Schluss mit Folie abgedeckt; unter der Plane lassen Milchsäurebakterien die Häcksel dann silieren, der Prozess ist im Prinzip der gleiche wie beim Sauerkraut. Die Maissilage wird von Döhren verfüttern. Er hält gut 150 Milchkühe und mästet Kälber. Für Rinderhalter ist wichtig, dass der Mais klein gehäckselt ist. Je größer die Oberfläche, desto besser kann das Verdauungssystem der Tiere die Nährstoffe aufnehmen. Vor allem die Körner müssen angeschlagen werden: Sie sind von einer Wachsschicht umgeben, unzerstört würden sie unverdaut hinten aus dem Rind wieder herauskommen.

1968 baute ein Landwirt in Groß Nordende den ersten Mais im Kreisgebiet an. Anfängliche Skepsis, ob das Getreide in der Gegend gedeiht, ist schon lange verflogen, neue Züchtungen haben den Mais zum unverzichtbaren Futtermittel  werden lassen.

Für von Döhren wird der Tag anstrengend und lang. Er nimmt es gelassen: „Wenn fünf Kühe kalben und eine ist krank, dann ist der Stress größer“, meint er. Der Milchbauer schlägt beim Thema Maisernte einen ganz großen Bogen, um Verständnis einzuwerben: „Was ist wichtig? Gesundheit, Nahrung und ein Dach über dem Kopf“, sagt er. Aber gerade die Versorgung mit Nahrungsmitteln, sein Gewerbe, werde als selbstverständlich hingenommen: Essen solle vor allem billig sein, neuester Technik etwa im Handy werde mehr Aufmerksamkeit zugewandt. Klar weiß auch von Döhren, dass die Maisernte mit Belästigungen verbunden ist. Aber: „Wenn Sie an der Kieler Straße wohnen, haben sie auch Lärm, und zwar das ganze Jahr lang.“

Fünf Fahrzeuge gehören zu einer Maisernte

Wenn Swen Bobka auf seinen Sitz will, steigt er erstmal eine Leiter hoch. Dann nimmt er Platz in der Kabine seines knapp 500 PS starken Maishäckslers, verbrennt pro Stunde 60 bis 80 Liter Diesel und sieht für ein paar Stunden vor allem grün, wenn er das Gefährt durch die Pflanzen steuert. Oder automatisch fahren lässt: Tastarme vorn halten das Fahrzeug automatisch zwischen den Pflanzenreihen, damit die volle Arbeitsbreite von acht Reihen Maispflanzen ausgenutzt wird. Ebenfalls vorn an der Maschine ist ein Metalldetektor angebracht: Es kommt vor, dass Unbekannte versuchen, die Maisernte mit Stangen zwischen den Pflanzen zu sabotieren. Wenn alles gut läuft, erntet Bobka mit seinem Häcksler drei Hektar Acker pro Stunde ab. Als Durchschnittswert ist das aber nicht zu schaffen: Im Kreis Pinneberg gibt es viele relativ kleine Flächen bis fünf Hektar Größe, da muss die Maschine immer wieder neu ansetzen. Das kostet Zeit. Ein Hektar umfasst eine Fläche von 100 mal 100 Metern oder knapp anderthalb Fußballfelder.

Swen Bobka steigt in den  500-PS-Maishäcksler.
Swen Bobka steigt in den 500-PS-Maishäcksler. Foto: Roolfs

Der Häcksler ist eines von fünf Fahrzeugen, die zu einer Mais-Erntekette gehören. Um den Mais abzutransportieren, sind normalerweise drei Schlepper mit Ladewagen im Einsatz. Die Gespanne fahren neben oder – in der ersten Reihe eines Feldes – hinter dem Häcksler, in den Anhängern wird der gehäckselte Mais aufgefangen. In etwa

40 Tonnen werden pro Hektar geerntet. Das fünfte Fahrzeug ist ein Walzschlepper: Das ist ein großer Trecker, der mit etwa 15 Tonnen Gewicht und einem Schild vorn das abgeladene Häckselgut verteilt und presst. Luft im Silostock kostet Energie im fertigen Futter, also fährt der Walzschlepper stundenlang auf dem Haufen vor und zurück.

Die Maschinen sind alle mit Funk ausgestattet, die Fahrer verständigen sich untereinander, um Begegnungen auf engen Feldwegen zu vermeiden oder Anweisungen auszutauschen. Die Zahl der Ladegespanne hängt bei der Maisernte von der Entfernung zwischen Acker und Silostock ab: je weiter, desto mehr Trecker pro Häcksler.

Die großen Maschinen gehören in der Regel Lohnunternehmen; teilweise helfen die Bauern mit eigenen Traktoren und Anhängern mit. Bezahlen muss der Landwirt den Ernteeinsatz pro Maschine und Stunde.

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