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Pinneberger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 08:41 Uhr

Männer ohne Gewissen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bitterböse Grotekse über drei Unternehmensberater / Kammerspiel nimmt die Abgründe des Turbokapitalismus unter die Lupe

von
erstellt am 20.Mai.2014 | 16:08 Uhr

Bei der Nachwuchsreihe „Perspektive Deutsches Kino“ der Berlinale gab es in diesem Februar einen Film, der alle anderen überstrahlte: „Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber. Nun startet die extrem schwarzhumorige Groteske um drei Unternehmensberater am Rande des Wahnsinns in den deutschen Kinos. Mit Devid Striesow („So glücklich war ich noch nie“), Katharina Schüttler („Oh Boy“) und Sebastian Blomberg („Der Baader Meinhof Komplex“) ist die deutsche Komödie prominent besetzt. Es ist dies der zweite lange Spielfilm Nabers nach seinem mit dem Max Ophüls-Preis ausgezeichneten Erstling von 2011 „Der Albaner“.

Seit geraumer Zeit schon touren Frank Öllers (Striesow) und Kai Niederländer (Blomberg) als Berater von einer Mega-City zur nächsten, ohne dabei je die scheinbar heile Welt der immergleichen Luxussuiten zu verlassen. Längst sind sie zerfressen und zermürbt vom eigenen Ego- und Zynismus; die Hoffnung aber, demnächst endlich zum Partner der „Company“ befördert zu werden, lässt sie weitermachen.

Als sich ein Teamkollege aus dem Bürofenster stürzt, rückt eine junge Kollegin nach: die so ehrgeizige wie undurchschaubare Bianca März (Schüttler). Können die beiden ihr vertrauen oder hegt sie böse Absichten? Dann soll auch noch die „Company“ verkauft werden, derweil in Lagos, wo sich die drei Consultants gerade aufhalten, bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.

„Zeit der Kannibalen“ lebt in großem Maße von seinen formidablen Darstellern – mit Leichtigkeit spielen sich Striesow, Schüttler und Blomberg die Bälle zu. Stets spürt man den enormen Spaß, den das Trio bei den Dreharbeiten gehabt haben muss. Wobei vor allem Blomberg mit einer konstant starken Leistung überrascht: Sein so paranoider wie unglaublich arroganter Niederländer („Wenn sie mich auf die Mittagsmaschine buchen, dann hacke ich ihnen den Kopf ab!“) erinnert mal an George Clooney in „Up In The Air“, vom Habitus hie und da aber auch an Tommy Lee Jones in „Men in Black“. Striesow ist stark wie eigentlich immer, sein Öllers changiert zwischen irrem Arschloch und besorgtem Papi. Auch Schüttler – streng gescheitelt, noch strengere Brille – ist wunderbar als ehemalige Mitarbeiterin einer NGO, halb Gutmensch, halb Berater-Tussi.

Unbedingt zu loben ist auch das Skript von Stefan Weigl (Co-Autor „Waschen, schneiden, legen“). Immer wieder bleibt einem im Verlauf des Films ob der pointierten, herrlich bösen Dialoge das Lachen im Halse stecken. Etwa wenn Öllers seiner Kollegin erklärt, warum er den Berater-Job überhaupt macht: „Der Kapitalismus soll diese Welt zerstören!“. Oder auch wenn Kompagnon Niederländer davon spricht, Öllers Sohn leide an „Neurodermitis im Endstadium“. Man hat derartig freche Dialoge, die sich wenig scheren um die Regeln der politischen Korrektheit, länger nicht gehört im hiesigen Film.

Beim Kinobesucher führen sie zu einer kathartischen Wirkung. Auch das von den Protagonisten im Munde geführte, kaum erträgliche Business-Esperanto sorgt für Heiterkeit: „Gib uns bitte deine Milestones durch, aber pronto!“. Johannes Naber ist ein so komischer wie erschreckender, teils theaterartiger Film gelungen: komplett im Studio eingefangen bestehen die Kulissen vor den Hotelfenstern aus nicht mehr als Pappmaché und Bühnennebel. Zwar bedient „Zeit der Kannibalen“ etliche der Klischees, die in Sachen Global Economy kursieren. So karikaturhaft Öllers und Co. aber auch angelegt sind, so sehr lässt einen Naber im letzten Drittel des Films doch spüren, dass sich hinter den Masken der lässigen Alphatiere sehr wohl menschliche Wesen verstecken. Ganz am Ende schließlich, als sich die Situation im nigerianischen Fünf-Sterne-Hotel zuspitzt, da tut es einem fast etwas leid, das ach so coole Trio aus „Zeit der Kannibalen“, diesem fürs deutsche Kino so ungewöhnlich radikalen Werk.

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