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Pinneberger Tageblatt

18. Dezember 2017 | 08:44 Uhr

Rellingen : Männer, Masten und Matrosen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Literaturkritiker und Autor Rainer Moritz erklärt in der Rellinger Rathaus-Galerie, wie Seemanns-Schlager funktionieren

shz.de von
erstellt am 24.Nov.2014 | 16:00 Uhr

„Junge, komm bald wieder“, dürften sich wohl die rund 100 Schlagerfreunden einig sein, die in der Rathaus-Galerie einen musikalisch-literarischen Abend besonderer Güte erlebten. Zu Gast war Germanist, Literaturkritiker und Autor Rainer Moritz. Die Besucher ließen sich von dem 1958 in Heilbronn geborenen Leiter des Hamburger Literaturhauses mit auf große Fahrt nehmen.

Ganz nach dem Motto „Und das Meer singt sein Lied“ entführte der humorvolle Schwabe seine „Mannschaft“ binnen 90 Minuten nicht nur über die sieben Weltmeere, zu „schönen Mädchen“ und den Capri-Fischern. Er brachte sie auch zu der Erkenntnis, dass „kein Bier auf Hawaii“ sowohl im „Treetboot in Seenot“ als auch „in einem knallroten Gummiboot“ keinen echten Seemann erfreuen kann.

Moritz zeigte anhand der Entwicklung des Schlagers mit zeitlichem Schwerpunkt 1945 bis 1985 ebenso deutlich auf, wie sinnig oder unsinnig auch in der Welt leicht eingängiger Gesangsstücke Emanzipation und Feminismus voranschritten. Dazu bediente sich der ehemalige Lektor einiger Kapitel seines gleichnamigen Buchs „Und das Meer singt sein Lied“: Es ist eine Hommage, mit der sich der am Neckar aufgewachsene Autor im Erscheinungsjahr 2004 endgültig der Welt als Schlagerfan mit speziellem Hang zu maritimen Stücken outete. In seinem Werk analysiert Moritz 360 mehr oder weniger bekannte Songs und die oft vorhandene Eintönigkeit des maritimen Schlagers der 1950er und 1960er Jahre.

„So ein Buch gab es nie zuvor. Und das kann zweierlei Gründe haben. Entweder braucht es keiner. Oder keiner kam auf eine so geniale Idee“, so Moritz, der eher zur zweiten Erklärung tendiert. In den alten Meeresschlager-Texten drehe es sich meistens um die wartende Frau, die einsam am Kai stünde und sich nach ihrem weitgereisten Seemann sehne. „Nicht nur bei Freddy Quinn“, sagt Moritz schmunzelnd. „Ich weiß, dass ein Seemann sich oft verliebt, solange es Häfen und Mädchen gibt“, habe schließlich auch schon Liselotte Malkowsky geheißen. Und auch Lolita im Jahr 1960 („Seemann, deine Heimat ist das Meer“) – und das, während Lale Andersen mit ihrem Song „Männer, Masten und Matrosen“ wohl schon eine böse Vorahnung gehabt haben dürfte. Beim Personal wären in Meeresschlagern unterdessen die Kapitäne am besten weggekommen, während Matrosen und Gehilfen sich meistens mit Namen wie Johnny, Jim oder Joe begnügen mussten.

Und während zum „griechischen Wein“ am schönen Abendhimmel „die goldene Sonne im Meer versinkt“, seien es meistens schöne „weiße Boote“ gewesen, die zunächst südeuropäische, und mit zunehmender Reiselustigkeit auch ferne Ziele bis nach Shanghai oder Hawaii ansteuerten.

Doch wohin die Reise auch ging: Zwischen seinen Erzählungen spielte Moritz auch immer wieder angesprochene Stücke an, die sein bestens amüsiertes Publikum das ein oder andere Mal laut Mitsingen ließen. „Ich hatte mir den Abend ganz anders vorgestellt. Das man Schlager so toll erklären kann, hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagte Lieselotte Philipp (76) aus Rellingen am Ende der Veranstaltung staunend. Das Publikum spendete unterdessen langanhaltenden Applaus.

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