Kreis Pinneberg : Männer in der Kita sind die Ausnahme

Zuhören, wenn Erzieher Marcel Weigandt vorliest, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen von den jungen Prisdorfern Orlando (v. l.), Sophie, Janne und Emely.
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Zuhören, wenn Erzieher Marcel Weigandt vorliest, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen von den jungen Prisdorfern Orlando (v. l.), Sophie, Janne und Emely.

Marcel Weigandt ist in der Kita Prisdorf der einzige männliche Angestellte. Besonders Scheidungskinder suchen nach Vorbildern.

shz.de von
20. Januar 2015, 14:00 Uhr

Prisdorf | Janne hält ihr rosafarbenes Einhorn fest im Arm und kuschelt sich an Erzieher Marcel Weigandt. Mit ihrem Barbie-Auto in beiden Händen gesellt sich Sophie hinzu. Und mit Emely und Orlando wird es in der Vorlese-Ecke der Kita schon recht eng. Als der 24-Jährige vorliest, hat er die volle Aufmerksamkeit seiner jungen Zuhörer. Der Erzieher aus Hohenaspe in der Nähe von Itzehoe ist einer von immer noch wenigen Männern, die in Kindertagesstätten arbeiten. In Prisdorf ist er der einzige, im Kreis Pinneberg sind gerade mal sechs Prozent männlich – damit liegt der Kreis leicht unter dem Landesdurchschnitt (6,04 Prozent). Die Zahl stagniert seit Jahren. Bundesweit sind es aber gerade mal 3,3 Prozent.

Nebenan am Tisch sitzt Erzieherin Kathrin Kirchner (54). Von der männlichen Unterstützung ist sie begeistert: „Die Kinder genießen das total, eine männliche Bezugsperson zu haben. Nicht nur die Jungs – auch die Mädchen finden das toll.“ Damals in ihrer Ausbildung seien die Männer noch „Exoten“ gewesen. Sie verstehe aber das mangelnde Interesse an dem Beruf durchaus. Von dem Gehalt – bei Berufseinsteigern ab 1200 Euro brutto – eine Familie zu ernähren sei schlicht nicht möglich. Weigandt findet das Gehalt „gar nicht so schlecht“. Zudem gebe es Fortbildungsmöglichkeiten, „wenn man sich anstrengt“. Der 24-Jährige will später noch ein Studium dranhängen. Er glaubt, dass das Desinteresse auch deshalb so stark ist, weil sich Männer in dem Alter, in dem sie die Ausbildung beginnen, noch nicht allzu sehr mit Kindern beschäftigen.

Bisher sei er in den Einrichtungen, in denen er gearbeitet hat, immer gut aufgenommen worden. In seiner Gruppe gebe es zwar zurzeit keine Scheidungskinder, bei früheren Praktika habe er aber schon gemerkt, dass die Kinder besonders anhänglich werden, wenn der Vater aus dem Leben der Kleinen verschwunden ist. „Damals war eine Mutter sehr zerstritten mit dem Vater und die beiden Söhne wollten mich komplett vereinnahmen.“ Er merke schnell, wenn einem seiner Schützlinge der Vater fehlt. Ersetzen könne er das Familienmitglied zwar nicht, er bemühe sich aber, den Kindern das Leben leichter zu machen. „Ich will ihnen helfen, besser mit der Situation umzugehen.“

Nachdem der Erzieher fertig vorgelesen hat, kommt Luis angelaufen. „Mein Auto ist kaputt.“ Geduldig repariert der 24-Jährige das Spielzeug. Danach klemmt er Janne noch die rosafarbene Spange zurück ins Haar.

Sport und Bewegung dürfen nicht zu kurz kommen

Wichtig ist dem Erzieher, dass Sport und Bewegung nicht zu kurz kommen: Toben, Fußball spielen, fangen, laufen: Zunächst fordern das vor allem die Jungen ein, später auch die Mädchen, erzählt er. Vorlesen, basteln und kuscheln gehören für ihn aber genauso dazu. „Das Tollste ist, zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln und verändern, manchmal von Woche zu Woche.“

Außer all dem positiven Feedback gibt es jedoch auch eine dunkle Seite am Beruf des Erziehers – dem Verdacht, die Kinder zu missbrauchen. Bisher hat Weigandt noch nicht die Erfahrungen gemacht, dass Eltern Vorbehalte hätten. Bundesweit sieht das anders aus: Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums haben 42 Prozent schon an die Gefahr eines möglichen Missbrauchs durch männliche Erzieher gedacht. Befragt wurden Träger, Kitaleitungen und Eltern. Weigandt hat sich in seiner Abschlussarbeit selbst mit dem Thema beschäftigt. Von solch einem Generalverdacht hält er nichts. Allerdings: „Hätten Eltern Einwände beim Wickeln, würde ich das aber akzeptieren.“ Falls jedoch von ihm verlangt würde, ein Kind nicht mehr in den Arm zu nehmen, obwohl es Trost braucht, würde er den Eltern erklären, dass das ganz sicher nicht im Sinne des Kindes ist.

Um eine Ausbildung als Erzieher oder Erzieherin zu beginnen, ist mindestens ein Realschulabschluss notwendig. Üblicherweise dauert die Ausbildung drei Jahre und muss selbst finanziert werden. Sie besteht aus einer fachtheoretischen Ausbildung von zwei Jahren an der Fachschule für Sozialpädagogik inklusive Kurzpraktika in sozialpädagogischen Einrichtungen. Es folgt ein einjähriges Berufspraktikum. Der Verdienst für Berufseinsteiger liegt zwischen 1200 und 2000 Euro. Mit Berufserfahrungen kann das Gehalt auf 2200 bis 2700 Euro brutto gesteigert werden. Da Eltern seit 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz haben, werden viele Berufseinsteiger gesucht. Die Ausbildung  dient auch als Basis, da es einige Fortbildungsmöglichkeiten gibt. Beispielsweise kann man die Prüfung zum Fachwirt/in für Erziehungswesen ablegen oder mit einer Hochschulberechtigung einen Bachelorabschluss im Studienfach Erziehungs-, Bildungswissenschaft erwerben.
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