zur Navigation springen

125-Jahre Hamburger Arbeiter-Kolonie : „Lücken in den Sozialsystemen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Landespastor Heiko Naß spricht im Interview über die Grenzen und Möglichkeiten des Stiftungswesens in Deutschland.

von
erstellt am 03.Dez.2016 | 14:30 Uhr

Appen | Während der 125-Jahr Feier der Hamburger Arbeiter-Kolonie in Appen hat Landespastor Heiko Naß einen Vortrag zum Thema Stiftungen gehalten. Im Interview spricht der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein über Lücken im Sozialsystem, Grenzen des Stiftungswesens und eine nötige Weiterentwicklung des Stiftungsrechts.

Herr Naß, in Ihrem Vortrag beschäftigen Sie sich damit, ob Stiftungen eine „Chance oder ein Lückenbüßer für den Sozialstaat“ sind. Welche Rolle spielen Stiftungen denn derzeit in der Gesellschaft?
Heiko Naß: Wir erleben trotz aller Anstrengungen immer wieder Lücken in den Sozialsystemen. Ein Beispiel dafür sind die finanziellen Herausforderungen für Blinde. Wenn sich Sozialversicherungen und Krankenkassen darüber streiten, wer für die Förderung oder Versorgung eines erblindeten Menschen zuständig ist, erhalten die Betroffenen zunächst keinen Leistungen. Das sind oft quälend lange Verfahren. Gemeinnützige oder wohltätige Stiftungen reagieren darauf, in dem sie diese unzumutbaren Verzögerungen überbrücken. Stiftungen sind in diesem Fall tatsächlich Lückenbüßer, weil sie die Chancen bieten, um aufkommende Härten und Defizite schnell abzumildern.

Was entgegnen Sie denjenigen, die gemeinnützige Stiftungen als Entlastung staatlicher Aufgaben kritisieren?
Stiftungswirken und staatliches Handeln stehen weder in Konkurrenz noch in einer Entlastungsfunktion zueinander. Beides ergänzt sich vielmehr sinnvoll, jedenfalls wenn die Verantwortungsträger die Chancen eines prosperierenden Miteinanders in den Kommunen oder gesellschaftlichen Bereichen erkennen. Dies ist auch regelmäßig der Fall. Dennoch müssen gemeinnützige Stiftungen natürlich darauf achten, insbesondere bei klammen öffentlichen Kassen, nicht als „Notgroschen“ in Anspruch genommen zu werden.

Was können Stiftungen tun, um nicht der Lückenbüßer zu werden?
Sie müssen in Wort und Tat deutlich machen, dass sie niemals als Ersatz für legitime staatliche oder institutionelle Leistungen in Anspruch genommen werden können. Stifter und Stiftungsgeschäftsführungen haben dafür in der Regel eine feine Antenne und wissen sich dagegen zu wehren, falls solche Versuche unternommen werden.

Wo liegen die Grenzen des Stiftungswesens?
Stiftungen können niemals Ersatz für staatliche Leistungen und Maßnahmen sein. In der Balance zwischen individuellem Solidaritätshandeln und sozialstaatlicher Verantwortung haben Stiftungen einen wichtigen, aber nachgeordneten Platz. Egal ob sich diese auf sozialem, kulturellem, schulischem oder welchem Gebiet auch immer bewegen. Es wäre auch schlecht um ein freiheitlich demokratisches Staatswesen bestellt, wenn es sich auf Stiftungswirken abstützen müsste. Stiftungen setzen wichtige Impulse, federn gesellschaftlichen Wandel ab und wirken insbesondere dort, wo staatliches Handeln aufgrund schneller Veränderungen oder fehlender sehr individueller Förderungsmöglichkeiten für Einzelne an Grenzen stößt.

Stifter, Staat und Zivilgesellschaft – wer profitiert am meisten von der Einrichtungsform der Stiftung?
Eine gute Frage. Wer profitiert am meisten? Am meisten profitieren diejenigen, die in den Genuss der Zuwendungen aus Stiftungsleistungen kommen oder durch die Arbeit der Stiftungen eine öffentliche Aufmerksamkeit für ihr Thema erhalten, so dass der Sozialstaat zum Handeln veranlasst wird.

In welchen Aspekten müsste der Staat bzw. das Land sich mehr beteiligen?
Es wäre wünschenswert, wenn neben der rein formalen Stiftungsaufsicht auch politischer Gestaltungswille im Sinne von Netzwerkförderung, aber auch im Sinne von grundsätzlicher Weiterentwicklung der Stiftungslandschaft zu spüren wäre. So könnten Kooperationen und gemeinsame Projekte gefördert werden. Aber auch die Weiterentwicklung des geltenden Stiftungsrechts wäre wichtig. So ist es bislang kaum möglich, Stiftungen formal miteinander zu verschmelzen oder Stiftungsziele an gesellschaftliche Entwicklungen anzupassen.

Heiko Naß hat Theologie in Kiel, Bonn und Heidelberg studiert. Sein Vikariat absolvierte er in der Stephanus-Gemeinde in Kiel und war dann Pastor in Garding (Nordfriesland). Von 2009 bis 2014 war er Oberkirchenrat und Dezernent für Theologie und Publizistik im Nordelbischen Kirchenamt und im anschließenden Landeskirchenamt der Nordkirche. Seit Ende 2014 ist Heiko Naß Landpastor und Sprecher des Vorstandes des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. ira
Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen