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Tagesschau-Sprecherin im Interview : Linda Zervakis: Die Harburger Deern, Griechenland und die Nachrichten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis spricht mit shz.de über ihr Leben zwischen zwei Kulturen, die Krise in Griechenland und ihre TV-Karriere.

Hamburg | Es ist früh am Tag, aber das Literaturcafé Leonar im Hamburger Stadtteil Grindel ist schon ziemlich voll, als Linda Zervakis (41) in Jeans und Turnschuhen den Raum betritt. Ein Interview mit Publikum am Nebentisch, das kommt nicht alle Tage vor. „Macht nichts“, sagt Linda Zervakis und lacht, „so viele Geheimnisse habe ich ja nicht“. Die Mutter von zwei kleinen Kindern lacht viel an diesem Morgen, während sie aus ihrem Leben zwischen zwei Kulturen erzählt.

Ihre Eltern kamen in den Sechzigern als Gastarbeiter aus Griechenland nach Deutschland. Als die Arbeit knapp wurde, machten sie sich selbstständig mit einem Kiosk-Geschäft in Harburg, das die Kindheit von Linda Zervakis prägte. Wie sehr, das erzählt sie in ihrem Buch „Die Königin der bunten Tüte“, aus dem sie am 15. Dezember im Hamburger Völkerkundemuseum liest. Mit dem Erlös des Abends wird die soziale Arztpraxis und Poliklinik Ellinikó in Athen unterstützt, in der seit 2011 Ärzte, Apotheker und Pflegekräfte unentgeltlich notleidende Griechen behandeln oder Kleinstkinder mit Babynahrung versorgen. Allein 2014 konnten so rund 45.000 Menschen medizinische Hilfe erhalten, die sie sich aufgrund der Finanzkrise ihres Landes sonst nicht hätten leisten können.

Frage: Wie viel Griechenland steckt noch in Ihnen?
Linda Zervakis: Wenn ich mir mein Temperament hin und wieder anschaue, offenbar noch eine Menge. Ich bin zum Beispiel oft laut und lache viel. Außerdem bin ich leidenschaftliche Autofahrerin, das ist mein Yoga, denn ich komme zur Zeit leider nicht zum Sport...

Und was ist an Ihnen typisch deutsch?
Ich mag Kontinuität und Verlässlichkeit, nicht dieses „Komm' ich heut' nicht, komm ich morgen“. Wenn man sich verabredet, dann ist man auch zu dem Zeitpunkt da. In Griechenland sagt man, wir fahren in einer halben Stunde los und dann wird das zwei Stunden später. Das macht mich wahnsinnig. Andererseits gibt es bei mir eine gewisse griechische Gelassenheit, nicht immer alles so ernst zu nehmen. Die Koffer am Vorabend vor der Abreise zum Flughafen zu bringen, auf diese Idee würde ich im Leben nicht kommen.

Sie kamen 1975 als Kind griechischer Gastarbeiter in Harburg zur Welt. Kannten Sie als Kind so etwas wie Sehnsucht oder Heimweh nach der Heimat Ihrer Eltern?
Ich kann mich erinnern, dass mir meine Verwandten, wenn wir zu Besuch waren, immer eingeredet haben, dass Griechenland viel besser ist und wir zusehen sollten, möglichst bald wieder zurück zu kommen. Das hat mich sehr beschäftigt, weil das den griechischen Teil in mir angesprochen hat und ich nach unseren Sommerferien immer ein wenig verwirrt war. Ich brauchte dann ein bisschen, bis ich wieder im Alltag angekommen war. Für mich war Hamburg meine Heimat, deshalb musste ich mich nach den Ferien auch erst mal wieder sortieren.

Sie mussten schon früh als Kind im Kiosk Ihrer Eltern helfen, das war doch eher typisch für südeuropäische und griechische Familienbetriebe.
Das war immer ein Zwiespalt für mich, weil mich ganz viele deutsche Freunde gefragt haben, wieso machst du das denn und bekommst du wenigstens Geld dafür? Das Verständnis von Familie war hier komplett anders. Für uns war einfach klar, wenn wir nicht mithelfen, dann haben wir ein Existenzproblem. Und für meine Eltern war klar, wir können hier keine fremde Person reinlassen, der wir nicht vertrauen. Deshalb standen sie täglich 15 Stunden im Laden. Warum sollte ich Geld nehmen, es waren doch meine Eltern?

In Ihrem Buch „Die Königin der bunten Tüte“ erzählen Sie von Ihrem Leben im Kiosk. Was machte Sie denn zur Königin?
Ich war vielleicht zwölf, als ich anfing zu helfen. Ich wusste, wie man bunte Tüten zusammenstellt, denn ich war für die Süßigkeiten zuständig und praktisch Chefeinkäuferin. Wir haben all das gekauft, was ich in der Werbung gesehen und meinen Eltern als wichtig suggeriert hatte. Mit den Tüten habe ich mich bei meinen Mitschülern eingeschleimt.

Auf dem Gymnasium in Harburg waren schon damals mehr Kinder aus so genanntem „gutem Hause“, das sah man schon an den Klamotten. Ich konnte nicht nur nicht mithalten, sondern hatte dazu das Dilemma, dass ich die Kleidung meines großen Bruders auftragen musste. Man hat mir einfach angesehen, bei mir ist nicht viel zu holen. Also habe ich diese bunten Tüten zusammengestellt und in der großen Pause verteilt. Und siehe da, sie sind auf diesen Trick reingefallen und ich hatte eine recht angenehme Schulzeit. (lacht)

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„Dass ich diesen Job
machen darf, ist für mich wie
ein Sechser im Lotto.“
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Sie haben für Kiosk und Familie auf Ihr Studium verzichtet, denn der Studienplatz wäre in Berlin gewesen. Haben Sie das schon mal bedauert?
Nein, ich bin im Nachhinein eigentlich sogar ganz froh. Ich war nicht die Selbstbewussteste als Schülerin und als junges Mädchen, bis ich Anfang Zwanzig war. Dann hatte ich das Glück, bei einer Werbeagentur anfangen zu können. Als wir uns dann bei der Bild am Sonntag um den Zuschlag für einen Werbeauftrag beworben haben, sind zwei Ideen von mir in den Entwurf eingegangen. Das war das erste Mal, dass ich besondere Anerkennung und Wertschätzung bekam und nicht nur Mitläuferin war. Ich hatte meine ersten Erfolgserlebnisse, was meiner Persönlichkeit gut getan hat. Ich weiß nicht, ob mir das im Studium genauso gegangen wäre.

Wie groß ist die Sehnsucht nach Ihrer zweiten Heimat?
Ganz groß, das habe ich früher als Kind gar nicht so wahrhaben wollen...

...wie oft sind Sie überhaupt noch dort?
Viel zu selten, jetzt nur noch etwa alle zwei Jahre. Ich gehöre wohl zur einzigen exilgriechischen Familie, die in Griechenland kein Eigentum besitzt. Und ich habe ein bisschen Angst, dass mir meine Wurzeln abhanden kommen. Ich habe den ganz dringenden Wunsch, mal eine längere Zeit dort zu sein, mindestens ein halbes Jahr, damit ich mal sehe, wie viel Griechenland eigentlich noch in mir steckt.

Am 15. Dezember lesen Sie auf einer Benefiz-Veranstaltung aus Ihrem Buch, der Erlös kommt der sozialen Poliklinik Ellinikó in Athen zugute. Warum gerade Ellinikó?
Es gibt ja nicht nur die reichen Griechen und Steuerflüchtlinge. Wenn man die Bilder der Krise in Griechenland sieht und erlebt, dann sieht man viele Menschen, die sich gar nichts mehr leisten können. Ich musste mit meiner Mutter vor drei Jahren in ein ganz normales städtisches Krankenhaus, sein Zustand war wirklich wie in einem Dritte-Welt-Land, die medizinischen Geräte, die Einrichtung. Dort wurden zum Teil noch Krücken aus Holz verteilt, die man sich unter die Achsel klemmen muss, wichtige Medikamente fehlten.

Es war erschreckend. Dass es nicht auch noch Plumpsklos gab, wirkte fast schon wie ein Wunder. Ich habe viel über den Gründer von Ellinikó erfahren, den Kardiologen Giorgos Vichas. Der verdient in Athen so viel wie hier bei uns ein Friseur, das ist ein Witz. Nach seiner Arbeit, behandelt er zusammen mit anderen Ärzten und Pflegern notleidende Patienten ehrenamtlich, das imponiert mir, das hat mich sofort berührt. Und auch die Tatsache, dass Deutsche und Griechen gemeinsam und sehr konkret helfen, ist vielleicht ganz gut, weil das Verhältnis zwischen den Ländern ja doch etwas gelitten hat.

Was empfinden Sie, wenn Sie in der aktuellen Tagesschau die neusten Entwicklungen in Griechenland über Sparauflagen und Reformdruck aus Europa verkünden müssen und die Not der Menschen eigentlich aus eigener Anschauung besser kennen?
In der Sendung selbst schalte ich das aus. Wenn ich das an mich ranlassen würde, würde man mir das sofort ansehen. Ich bin froh, dass ich etwas habe wie Ellinikó, da kann ich konkret helfen und etwas verändern.

Sie sind eine Harburger Deern und werden trotzdem immer als erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund bezeichnet. Ärgert Sie das?
Nein, so ist das ja und es gab vorher tatsächlich keine. Ich bin schon froh, dass ich nicht auf meine Haarfarbe reduziert werde. Bei Susanne Daubner gab’s damals tatsächlich die Schlagzeile „die erste Brünette“. Das finde ich viel despektierlicher als den Migrationshintergrund.

Müssen Frauen mit solchen Attributen leben? Man hört ähnliche Typisierungen bei männlichen Sprechern mit italienischem Namen oder mit Halbglatze und Brillenicht.
(lacht laut) Wir Frauen müssen offenbar noch immer schön ins Regal gestellt werden, in welches auch immer. Was soll ich mich aber darüber groß ärgern und dagegen angehen. Als dunkelhaarige mit Migrationshintergrund lasse ich das mal lieber (lacht wieder laut).

Sie haben beide Staatsbürgerschaften, welche wiegt schwerer?
Keine, das entspricht genau dem, wie ich mich fühle. Ich habe beides in mir, ich bin weder das eine ganz, noch das andere. Wenn man mich dazu nötigt, mich entscheiden zu müssen, sage ich, ich bin Europäerin. Und damit komme ich gut klar.

Sie sind nicht nur Tagesschau-Sprecherin, sondern auch gelernte Journalistin. Wie lange halten Sie das aus, „nur“ Nachrichten vorzulesen.
(lacht erneut) Dass ich diesen Job machen darf, ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Die Tagesschau ist die Institution in Deutschland, die es mehr als 60 Jahre gibt. Es erfüllt mich mit Stolz dabei sein zu dürfen. Vielleicht mache ich irgendwann noch etwas Zusätzliches zur Tagesschau, aber das müsste schon zu mir passen. Die Lesungen zum Beispiel sind ein Geschenk. Der Kontakt mit den Menschen, ihre Reaktionen, die Frage: Schaffe ich es, sie zu unterhalten? Das macht mir sehr viel Spaß.

Linda Zervakis persönlich
Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... der Hafen und die Elbe, besonders wenn ich von Harburg komme und Richtung Elbtunnel fahre und hinter den Kränen und Containerbrücken die Sonne untergeht.

Meine Lieblingsbeschäftigung zum Abschalten ist... (überlegt länger) wann schalte ich mal ab? In Ruhe ein Buch lesen.  Leider viel zu selten.

Die Küche ist... immer noch der perfekte Ort, wo eine Party beginnen und enden sollte.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist... nicht immer einfach.

Sport ist... etwas, was ich im nächsten Jahr wieder häufiger betreiben möchte: Schwimmen, einmal die Woche oder Laufen und Pilates.

Meine liebste Fernsehsendung ist... der Tatort. Serien schaffe ich momentan einfach nicht zu gucken.

Mein wichtigstes Hobby... fragen Sie mich in zehn Jahren noch mal.

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erstellt am 10.Dez.2016 | 10:00 Uhr

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