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Pinneberger Tageblatt

24. August 2017 | 07:08 Uhr

Pinneberg : Lieben gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Eine Pinnebergerin berichtet aus ihrem Leben mit ihrem demenzkranken Mann. Alzheimergesellschaft hilft Angehörigen mit neuer Gruppe.

Pinneberg | „Eigentlich bin ich immer noch fassungslos.“ Die Traurigkeit ist Brigitte Vietinghoff anzusehen. Ihr Mann ist seit Jahren dement, lebt in einem Pflegeheim. Vorher hatte sie sich selbst um den 73-Jährigen gekümmert. Aber sein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Irgendwann wurde es der 71-jährigen Pinnebergerin zu viel. Vietinghoff sieht mit ihrem akkurat geschnitten Bob elegant und jung geblieben aus. Doch ihr Alltag hat sie an ihre Belastungsgrenze gebracht.

Es war schwer für sie und ihre zwei Töchter, mit anzusehen, wie sich das Gedächtnis des Ehemanns und Vaters verschlechterte. „Das Schlimmste ist, dass er nicht mehr der Mann ist, mit dem ich seit 50 Jahren zusammen bin.“ Der Prozess war langsam, schleichend. Er vergaß Dinge, die sie ihm gesagt hatte. „Ich dachte, er hört mir einfach nicht aufmerksam genug zu, so wie viele Männer.“ Doch so war es nicht.

Zuvor waren Durchblutungsstörungen im Gehirn festgestellt worden, die wohl später zur Krankheit führten. Im Jahr 2008 folgte der Befund: vaskuläre Demenz. Die Folgen sind die gleichen wie bei Alzheimer, die Ursachen unterschiedlich.

Zunächst ging es dem Pinneberger noch gut. Das Paar konnte Konzerte besuchen, reisen, normal weiterleben. Doch mit der Zeit wurde es schlimmer. Ihr Mann habe sehr darunter gelitten. „Er hat gesagt, er sei ein Idiot und könne überhaupt nichts mehr. Er war wütend, verzweifelt und traurig. Das war sehr schlimm. Wenn man merkt, wie unglücklich der andere Mensch ist, ist das schon hart.“ Aggressionen seien dazu gekommen. „Er hat geschimpft, oder Dinge nach mir geworfen. Aber immer etwas Weiches. So weit konnte er noch denken.“ Sie habe versucht, ihn zu trösten. „Er hat so viel geweint, ganz verzweifelt geweint.“

Heute sei es nicht mehr möglich, sich mit ihrem Mann zu unterhalten. „Er redet wirr und unverständlich.“ Die Pflege wurde für die 71-Jährige immer anstrengender. Er weigerte sich zu duschen, ins Bett zu gehen. Die Betreuung tagsüber reichte nicht mehr.

Vietinghoff wollte ihren Mann im Heim anmelden, bekam aber keinen Platz. In einer großen Einrichtung konnte er aufgenommen werden, fühlte sich aber nicht wohl. „Er wirkte so verloren.“ Heute lebt er in einem kleinen Heim. Und trotzdem: „Es ist ein ganz furchtbarer Einschnitt, den Partner wegzugeben.“

Geholfen hat ihr die Gruppe für Angehörige, die sich einmal im Monat trifft und von der Alzheimer Gesellschaft organisiert wird. Sie bekommt Tipps im Umgang mit Patienten, aber auch Verständnis, weil andere ihre Probleme wirklich verstehen können. Auch wenn es um Rechtliches, den Umgang mit der Krankenkasse geht, wird ihr dort geholfen. Mit der Unterbringung im Heim hat sie ihren Frieden gemacht. „Da fühlt er sich wohl. Und ich mich auch.“

Nach aktuellen Schätzungen leidet in Deutschland etwa eine Million Menschen unter Demenz. Die „Alzheimergesellschaft Kreis Pinneberg“ bietet Angehörigengruppen in Wedel und Elsmhorn an. Neu ist die Gruppe in Pinneberg, die sich am 2. Dienstag im Monat von 16 bis 17 Uhr trifft. Eine gleichzeitige Betreuung des erkrankten Angehörigen ist möglich. Informationen unter der Telefonnummer 04101-842331.
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erstellt am 31.Mai.2014 | 10:00 Uhr

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