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Reizkerkompott mit Vanilleeis : Lernen vom Pilzexperten aus Rellingen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Seit mehr als 50 Jahren widmet Dieter Sydow einen Großteil seiner Freizeit dem Sammeln von Pilzen. Sein Wissen gibt der Rellinger an andere Menschen weiter.

Rellingen | Wenn die Sonne wieder früher unter den Horizont gleitet und sich die Blätter der Bäume langsam verfärben, dann ist Dieter Sydow eher selten in den heimischen vier Wänden anzutreffen. Anstatt zuhause zu bleiben, geht der 73-Jährige auf die Pirsch. Nicht mit Fernglas und Flinte. Die Utensilien seiner Wahl sind vielmehr ein scharfes Messer, eine Lupe und ein luftdurchlässiger Korb. Sydow istPilzsammler und Experte für die seltsamen Lebewesen, die sich weder der Tier-, noch der Pflanzenwelt zuordnen lassen. Dabei zieht er nicht nur für den Eigenbedarf in Wald und Flur, sondern berät auch zweifelnde Sammler und gibt Seminare an verschiedenen Volkshochschulen in der Region.

Sein Wissen über Pilze hat sich der Rellinger selbst angeeignet. Mit ein wenig Distanz schaut er deshalb auf studierte Mykologen, wie die entsprechenden Wissenschaftler heißen. „Ich bin im Herzen immer Küchensammler geblieben, was für mich kein Schimpfwort ist. Die Frage: ,Kann ich dich essen?’ interessiert mich mehr als die Frage ,Wer bist du?“, sagt er.

Geboren in Hamburg, erlag Sydow der Faszination Pilze vor 55 Jahren – als er gerade volljährig geworden war. ,,Ich bin damals mit einem Kumpel von Barmbek-Uhlenhorst aus, wo ich gewohnt habe, in ein Ferienhaus nach Lüneburg gefahren. Dort sind wir eher ein bisschen aus Langeweile in den Wald gegangen. Aber als sich dann ziemlich schnell Funde einstellten, war ich infiziert“, erinnert er sich.

In die Lüneburger Heide fährt Sydow mit seiner ebenso pilzbegeisterten Ehefrau Ursula auch heute noch gern zum Sammeln. Auch Dänemark sei ein lohnendes Revier. „Dort war das Pilzesammeln bis vor einigen Jahren noch ein völlig unbekanntes Hobby. Das hat sich mittlerweile zwar ein bisschen verändert. Die Wälder sind aber immer noch relativ unberührt“, sagt er. Doch auch im heimischen und verhältnismäßig waldarmen Schleswig-Holstein ließen sich Pilze finden – an Stellen, an denen es Laien oft nicht vermuteten. „Auf Wiesen, in Parks, am Straßenrand, in Knicks. Essbare Pilze gibt es eigentlich fast überall, solange das Wetter mitspielt“, so Sydow. Das optimale Pilzwetter sei warm und feucht zugleich, beide Kriterien müssten erfüllt sein. „In diesem Jahr“, so Sydow, „läuft es bislang recht gut“.

Bekannt oder noicht - der pensionierte
Oberstleutnant kennt jede Sorte

Zirka 60 Pilzarten kann der pensionierte Oberstleutnant, der nach einer Odyssee durch halb Deutschland seit der Jahrtausendwende wieder im Großraum Hamburg lebt, eindeutig identifizieren. Darunter finden sich bekannte und weniger bekannte Speisepilze ebenso wie gefährliche Giftpilze. Sydow warnt davor, sich von Vorurteilen und vom Volksglauben leiten zu lassen. „Tierfraß beispielsweise sagt überhaupt nichts über die Verwertbarkeit eines Pilzes für Menschen aus“, sagt er. Auch aus Kriterien wie Geruch und Geschmack lasse sich diesbezüglich nichts ableiten. Bei der Pilzbestimmung sei das Lernen der charakteristischen Merkmale anhand von Fotos oder, besser noch, realer Exemplare, daher unerlässlich. Pilzbücher, in denen lediglich Zeichnungen zu finden sind, seien hingegen ungeeignet. ,,Bei Zeichnungen sind die Charakteristika in der Regel überbetont und entsprechen optisch nicht der Realität.“

Sydow selbst hat sich bislang noch keine Vergiftung zugezogen. „Zumindest keine richtige“, schränkt er ein. Einmal habe er sich mit rohen Steinpilzen den Magen verdorben. Überhaupt, so der 73-Jährige seien sogenannte falsche Pilzvergiftungen nicht selten. ,,Das kann zum Beispiel passieren, wenn Sammler alte, vergammelte Speisepilze essen“. Sogar die bloße Einbildung, Giftpilze verzehrt zu haben, könne zu Krankheitssymptomen führen.

Sechs Wochen lang Seminare

Auf die Idee, sein erworbenes Wissen an andere weiterzugeben, kam Sydow vor etwa zehn Jahren auf einem Zeltplatz bei Soltau in der Heide. „Meine Frau und ich sind dort mit anderen Campern ins Gespräch gekommen, woraus eine geführte Pilztour entstanden ist.“ Seitdem veranstalte er jedes Jahr insgesamt sechs Wochen lang Seminare , in denen die Teilnehmer die wichtigsten Pilzarten der Region in Theorie und Praxis kennenlernen. Sogar Menschen aus den Niederlanden habe er schon unterrichtet – einem Land, in dem das Pilzesammeln aus Naturschutzgründen streng verboten ist und mit hohen Geldstrafen geahndet wird. ,,Es geht nicht darum, möglichst viele Pilzarten kennenzulernen, sondern nur einige wenige – die aber umso gründlicher“, so Sydow.

Die kulinarische Komponente komme nicht zu kurz: Bei vielen Seminaren werde hinterher gemeinsam gekocht, wobei komplette Menüs entstünden – bestehend etwa aus einer Krause-Glucke-Suppe als Vorspeise mit anschließendem Steinpilz-Carpacchio und Reizkerkompott mit Vanilleeis als Dessert. Letzteres, so betont Ursula Sydow, sei der ,,absolute Renner“.

Hat ein im positiven Sinne Pilzverrückter wie Dieter Sydow überhaupt Zeit für andere Hobbys? „Wenn nicht gerade August bis Oktober ist, dann ja“, kommt es wie aus der sprichwörtlichen Pistole geschossen. So reise er gern und viel – mit dem Wohnwagen oder Wohnmobil und stets in „Kleinstgruppen“, wie er sagt. Ein besonderer Gräuel seien ihm Kreuzfahrten. „Was soll ich auf einem Bespaßungscontainer im Meer?“, fragt er entrüstet. Mit seiner Frau habe er in den vergangenen Jahren stattdessen unter anderem an einer Kamel-Trekking-Tour durch die marokkanische Wüste teilgenommen, sei durch die griechische Bergwelt gewandert und habe in Norwegen Vögel beobachtet. Aktivurlaub eben. Die Pilze haben dann vorübergehend Sendepause.

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erstellt am 29.Aug.2015 | 15:00 Uhr

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