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40 Jahre Musikschule Pinneberg : Leiter Winfried Richter spricht im Interview über Meilensteine und warum Kinder ein Instrument lernen sollten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Richter verrät, warum er einen Hype um Blockflöten prognostiziert und was Musizieren mit Fitness zu tun hat.

von
erstellt am 27.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Pinneberg | Die Pinneberger Musikschule feiert dieses Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Der Musikschulleiter Winfried Richter (64) schätzt, dass seither 50.000 Menschen in der Kreisstadt unterrichtet worden sind. Richter verrät, warum er einen Hype um Blockflöten prognostiziert, was Musizieren mit Fitness zu tun hat und warum Kinder heute überhaupt noch ein Instrument lernen sollten.

Sie feiern dieses Jahr 40-jähriges Bestehen, 30 Jahre davon haben Sie die Musikschule begleitet. Wenn Sie sich zurückerinnern: Was für Meilensteine gab es?
Winfried Richter: Es gab jede Menge Veränderungen im Musikschulleben hier in Pinneberg. Eine der ersten war, dass es uns gelungen ist die Popularmusik ins Angebot zu bekommen. Keyboards waren damals noch gar nicht aktuell, da hat man noch die Heimorgel gespielt. Und heutzutage sitzen die Kids am Rechner und gestalten mit Programmen selbst Musik. Das ist auch die nächste große Veränderung, die auf uns zukommt.

Und was hat sich an den Strukturen verändert?
Anfangs wurden nur Kinder und Jugendliche unterrichtet. Mittlerweile gibt es Angebote für Kinder im Vorschulalter ab einem halben Lebensjahr. Vor etwa 20, 25 Jahren ist die Nachfrage seitens der Erwachsenen größer geworden. Sie haben einfach erkannt, dass Musizieren ein guter Ausgleich zum Beruf ist und im Alter fit hält. Wie ein Fitnessprogramm. Die Erwachsenen sind es, die im Kammerorchester oder in Blockflötenkreisen spielen.

Die Musikschule lädt anlässlich des 40-jährigen Bestehens am Sonntag, 1. Mai, zum Konzert des Kammerorchesters ein. Zum Auftakt werden die erwachsenen Schüler musizieren. Ab 11 Uhr werden sie solistische Beiträge und Kompositionen  im Veranstaltungssaal der Musikschule, Am Rathaus 3, präsentieren. Das Pinneberger Kammerorchester tritt um 17 Uhr im Rathaussitzungssaal auf. Programmmotto: „Klassik trifft Salonmusik“ . Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten. www.musikschule-pinneberg.de

Blockflöte für Erwachsene?
Die Erwachsenen erkennen tatsächlich, dass Blockflöte nicht nur ein Kinderinstrument ist, sondern man damit auch wunderschöne Musik machen kann. Das Image haftet der Blockflöte zwar noch an – aber es könnte bald einen richtigen Hype um sie geben.

Und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch etwas am Lernverhalten der Musikschüler geändert?
Auf alle Fälle. In den vergangenen zehn Jahren gibt es in vielen Familien immer weniger Kontakt mit dem klassischen Repertoire. Es gibt zwar Familien, in denen der Besuch beim Sinfoniekonzert selbstverständlich ist. Genauso gibt es aber immer mehr Familien, die dazu gar keinen Bezug haben. Deren Kinder lernen dann Musik als Fremdsprache kennen. Generell haben die Kinder wegen der Ganztagsschule viel weniger Zeit. Hierzulande haben sie leider noch nicht vormittags Instrumentalunterricht.

Wieso wäre das sinnvoll?
Es gibt viele Neurologen, Psychologen und auch Lehrer, die erkannt haben, dass die Kinder dann wieder ausgeruht sind. Nicht nur mit Sport, sondern auch mit Musik können sie ihren emotionalen Frust wieder los werden, haben den Kopf frei. Dann geht auch wieder Mathematik. In England ist das bereits selbstverständlich: Dort weiß man, dass es Stabilität, Selbstbewusstsein und Konzentrationsfähigkeit fördert. Statt zu toben, kann man nämlich genauso gut Musik machen – in beiden Fällen ist das gleiche Gehirnzentrum angesprochen: das Bewegungszentrum.
Dass Kinder zum Musizieren gezwungen werden, das stimmt nicht. Es sei denn, man hat einen Vater wie Beethoven, der einen ans Klavier prügelt. Aber das ist ja nicht so. Und nicht nur Kinder, sondern mehr als 80 Prozent der deutschen Bevölkerung wollen gern musizieren. Das ist also ein großer Wunsch von fast allen Menschen. Die Frage ist eben immer: Kann man das realisieren? Meistens hapert es an der Zeit.

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„Statt zu toben, kann man  musizieren.
Das gleiche Gehirnzentrum ist dabei aktiv.“
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Lenken Computer und Handys zu sehr ab?
Sicher ist das eine große Ablenkung. Das Musizieren kann aber so zu einer großen Stärke werden. Neben dem kognitiven und stereotypen Handeln, was man am Computer macht, findet man in der Musik den kreativen Ausgleich. Da besteht eine größere Notwendigkeit als je zuvor. Der Computer gibt ja sehr viel vor, und natürlich können wir alle uns dem nicht entziehen. Wir können ihn zwar bedienen, aber Denken und Verstehen ist etwas anderes. In der Musik muss man hingegen mitdenken.

Wie wird das Jubiläum in Pinneberg gefeiert?
Ganz aktiv. Unsere Ensembles – aus Schülern und Erwachsenen – treten auf. Es gibt im Juni den kostenlosen Unterricht, im Juli spielt das Jugendsinfonieorchester. Zum Tag der offenen Tür werden wir uns auch noch was überlegen. Ein 40-jähriges Jubiläum ist in unserer Zeit nicht mehr das Jubiläum, wo man einen Festakt mit Sektempfang begeht, sondern wo man die Menschen anspricht. Unser Anliegen ist auch, dass die Menschen von uns wissen. Wir haben zum Beispiel in Krupunder eine Außenstelle für musikalische Früherziehung. Darum weiß leider kaum jemand, deswegen haben wir dort auch aktuell noch Plätze frei. Worüber ich aber sehr froh bin, ist die Unterstützung durch die Ritter-Stiftung aus Hamburg.

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„Für viele Kinder wird klassische
Musik heutzutage zur Fremdsprache.“
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Wie sind sie selbst zur Musik und zur Musikschule nach Pinneberg gekommen?
Ich habe in jungen Jahren Klavier von einer Tante, die am Konservatorium in Wien Professorin war, gelernt. Später habe ich Flöte und Klarinette gelernt. Es ging dann immer weiter, bis ich irgendwann gedacht habe: Musik muss man nicht nur spielen, man muss sie auch verstehen können. Dann habe ich Musikwissenschaft studiert und hinterher promoviert. Später war ich Klavierlehrer und habe gleichzeitig beim Landesverband der Musikschulen angefangen. Über den Verband bin ich glücklicherweise vom Vorstand geprägt worden, wie öffentliche Musikschule funktioniert. Dort war ich auch mehrere Jahre Pressereferent und zuständig fürs Landesjugendorchester – bis ich Musikschulleiter wurde. 15 Jahre lang war ich Landesvorsitzender und acht Jahre lang Bundesvorsitzender. Mittlerweile bin ich Ehrenvorsitzender.

In einem Satz: Warum sollten Kinder heute noch ein Instrument lernen?
Damit sie ihre Persönlichkeit so entfalten, dass sie mit dem Leben zurechtkommen.

Wenn sie sich für die Musikschule etwas wünschen könnten, was wäre das?
Ganz klar: Räumlichkeiten an den Schulen, die speziell für die Musikschule sind. Das ist nichts besonderes und auch nicht teuer – es setzt nur den Willen der Schulen und allen, die damit befasst sind, voraus. Für die Schüler wäre es etwas ganz anderes auf kürzeren Wegen in den Musikunterricht gehen zu können. In England läuft das schon ganz anders. Aber das ist hier für Deutschland Zukunftsmusik, hier geht das noch nicht. Dafür ist dieses Land einfach viel zu bürokratisch.
Und auch Integration – hinsichtlich der Flüchtlingsproblematik – wäre so viel leichter mit Musik. Viele der Kinder, die zu uns kommen, können Instrumente. Es fehlt einfach an Räumen. Das ist schade, denn damit könnte man so viel erreichen.

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