Privatschule in Elmshorn : Leibniz-Schule: Ein Abi-Jahrgang blutet aus

Die Leibniz-Privatschule in Elmshorn ist noch nicht staatlich anerkannt.
Die Leibniz-Privatschule in Elmshorn ist noch nicht staatlich anerkannt.

Ein Drittel der Schüler fällt durch die Vorprüfungen, Eltern kritisieren den Unterricht – doch die Rektorin gibt der Landesregierung die Schuld.

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17. Januar 2015, 10:00 Uhr

Elmshorn | Die jüngsten Zeugnisse sehen nicht schlecht aus. Hinter den Fächern Deutsch und Mathematik stehen zweistellige Punktzahlen. Das heißt Note „gut“ oder „sehr gut“. Auch die übrigen Zensuren sehen passabel aus. Um so überraschter war Stefanie Schmitz aus Quickborn, als ihr Sohn mit der Hiobsbotschaft nach Hause kam: „Mama, ich werde nicht zum Abitur angemeldet.“

Das war geschehen: Die Leibniz-Privatschule in Elmshorn hat Oberstufenschüler im vergangenen Jahr Vorprüfungen ablegen lassen. Auf Grundlage der Ergebnisse wurde entschieden, ob die Schüler zum Abitur in diesem Jahr angemeldet werden. Erschreckende Bilanz: Etwa ein Drittel des Abi-Jahrgangs ist durchgefallen. Das geht aus einem Schreiben hervor, das Schulleiterin Barbara Manke-Boesten an Eltern verschickt hat. Das Schreiben liegt dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag vor.

Demnach wurden in dem Abi-Jahrgang vor Beginn der Prüfungen 71 Schüler unterrichtet. Manke-Boesten teilte mit: 24 Schüler haben die Vorprüfungen nicht bestanden. Schließlich wurden mündliche Nachprüfungen anberaumt, an denen 16 Schüler teilnahmen. Sieben haben diese Nachprüfungen nicht bestanden. Als Konsequenz werden laut Manke-Boesten fünf Schüler wiederholen, vier werden sich selbst und entgegen der Empfehlung der Schule zu den Abiturprüfungen anmelden, 15 Jugendliche haben die Schule verlassen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Privateinrichtung Probleme mit der Vorbereitung ihrer Schüler auf das Abitur hat.

Stefanie Schmitz hat sich mit Sabine Pohlmann und acht anderen Eltern zusammengetan, deren Kinder in den Vorprüfungen schlecht abgeschnitten haben. „Mein Sohn hatte nie schlechte Noten, die mich veranlasst hätten, besorgt bei der Schule nachzuhaken. Ganz im Gegenteil: „Noch im September hat mir Frau Manke-Boesten versichert, er würde das Abitur schaffen“, sagt Pohlmann. „Über das Abi gefährdende Defizite sind wir nie informiert worden“, sagt Schmitz. Das sagen auch andere Eltern aus der Gruppe.

Die Eltern kritisieren den Unterricht. Die Fluktuation unter den Lehrern sei hoch. In einem Schreiben an die Gesamtelternvertreter der Schule beklagen sie, dass in einer Klasse nach den Sommerferien innerhalb von drei Monaten fünf Lehrer ausgetauscht wurden. Manke-Boesten teilt in ihrem Schreiben mit: „Leider haben wir eine Lehrerfluktuation, in einer Klasse besonders schlimm. Die Lehrer haben aus unterschiedlichen Gründen selbst gekündigt. Da sind wir leider machtlos.“

Eine Mutter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt: „Ich habe mein Kind von der Schule genommen. Mir ist ein Aufhebungsvertrag angeboten worden.“ Auch die Kinder von Schmitz und Pohlmann wechselten inzwischen.

An den staatlichen Schulen in Elmshorn schrillen derweil die Alarmglocken. Die Schulleiter haben sich zusammengesetzt, um abzustimmen, wie Schulabgängern geholfen werden kann. „Gleich zu Jahresbeginn haben sich Vertreter von Bismarckschule, Elsa-Brändström-Schule, Erich Kästner Gemeinschaftsschule und Beruflicher Schule getroffen“, sagt Peter Rosteck, Rektor der Bismarckschule.

Der Schulleiter sagt: „Es gibt kein Problem, alle Schüler, welche die Leibniz-Schule verlassen, an staatlichen Schulen unterzubringen. Auch wenn deren Zahl in den kommenden Jahren zunehmen sollte. Das Problem für die Jugendlichen ist: Sie müssen zwei Jahre zurückversetzt werde.“ Die Mädchen und Jungen müssten zurück in die sogenannte Einführungsphase der Oberstufe.

Zu den Gründen für die Probleme an der Privatschule sagt Rosteck: „Ich denke, dass es an der Leibniz-Schule nicht genug Lehrer gibt, die für die Vorbereitung aufs Abitur ausgebildet sind.“ Sein Resumee: „Bis zum mittleren Schulabschluss mag es gehen. Darüber hinaus würde ich davon abraten, auf die Leibniz-Schule zu gehen.“

Auf Anfrage dieser Zeitung äußert Manke-Boesten Verständnis, dass betroffene Schüler und Eltern enttäuscht sind. Sie sagt aber: „Wir haben Eltern und Schüler ausreichend darüber informiert, dass diese Art des Abiturs, die externe Prüfung, um ein Vielfaches schwierigere ist als das Abitur an staatlichen Schulen.“ Das sei der Grund, warum die Schule Vor-Abi-Klausuren schreiben lasse, bestehend aus Abi-Aufgaben von 2014. Bedingung für die Anmeldung zur Abiturprüfung: Im Schnitt der vier Arbeiten mindestens ein „ausreichend“. Den Durchgefallenen sei angeboten worden, ein halbes Jahr zurückzugehen.

Einen Hauptgrund sieht Manke-Boesten in der Ungleichbehandlung von Prüflingen an staatlichen Einrichtungen und der Leibniz-Schule. Denn die Elmshorner sind bisher nicht staatlich anerkannt. Es gilt die Landesverordnung über die Abiturprüfung für Externe (APVO-EW). Das externe Abi sei von einem ganz anderen Kaliber. Und Vornoten würden überhaupt nicht berücksichtigt. Die Leibniz-Schüler müssten an zweieinhalb Tagen bis zu sieben Prüfungen absolvieren. Schüler einer staatlichen Schule hätten für deutlich weniger Aufgaben wesentlich mehr Zeit.

Dieser Tagesdruck für die Privatschüler schlage in Nervosität und Unsicherheit um. Elternvertreter haben laut Manke-Boesten während einer Versammlung in der vergangenen Woche gesagt, dass Schüler doch dankbar dafür sein müssten, mit den Vorprüfungen rechtzeitig einen warnenden Hinweis zu bekommen. Die Schule habe auch eine Fürsorgepflicht und müsse die Schüler vor dem Durchfallen bei der echten Reifeprüfung schützen, sagt die Schulleiterin.

Vorwürfe, Lehrer hätten mit guten Noten für Schüler den Anschein erweckt, dass die Jungen und Mädchen erstklassig dastünden, weist sie zurück. „Wir haben Eltern immer wieder darauf hingewiesen, wenn Schüler Nachholbedarf hatten“, sagt Manke-Boesten.

Wer die Signale schlechter Beurteilungen in den vergangenen Monaten nicht wahrgenommen habe, könne der Schulleitung auch keine Vorwürfe machen. Und wer am Nachmittag lieber private Dinge unternehme, statt das Übungsangebot der Schule zu nutzen, müsse selbst die Verantwortung für die eigene Leistung übernehmen. „Mit der Haltung ,Das wird schon werden’ kann man kein Abitur schaffen“, sagt Manke-Boesten. „Wir halten die Türe auf, tragen aber keinen durch.“

Das Kieler Bildungsministerium wird darüber entscheiden, ob die Leibniz-Schule eine staatliche Zulassung bekommt. Außer den Ergebnissen der Abi-Prüfungen bewertet es auch die Qualität des Unterrichts. „Selbstverständlich werden der Unterricht hospitiert und Klassenarbeiten eingesehen“, teilt Thomas Schunck, Sprecher des Ministeriums, mit. Zur Fluktuation unter den Lehrern heißt es: „Einstellungen und Entlassungen sind ausschließlich Personalangelegenheiten der Leibniz-Privatschule.“ Da das Ministerium Unterrichtsgenehmigungen erteilen müsse, sei aber bekannt, welche Lehrer eingestellt würden. Zu einem Gespräch zwischen Schule und Ministerium am Donnerstag sagt Schunck: „Das Gespräch war ein Gespräch zum laufenden Anerkennungsverfahren. Zu Einzelpunkten aus diesem Gespräch können wir aus rechtlichen Gründen nicht Stellung nehmen.“
Bereits im vergangenen Jahr hat die Leibniz-Privatschule Schlagzeilen gemacht. Die Einrichtung feierte Premiere und schickte ihren ersten Abi-Jahrgang ins Rennen. Für viele Eltern ein Schock: 14 Kandidaten fielen durch. Nur 45 von 59 Jugendlichen erlangten die allgemeine Hochschulreife. Zudem verklagte die Schule eine Mutter, die ihr Kind abgemeldet und keine Gebühren mehr gezahlt hatte, weil sie die Unterrichtsbedingungen für unhaltbar hielt. Die Streitparteien einigten sich vor dem Elmshorner Amtsgericht auf einen Vergleich. Die Mutter durfte demnach ihre Vorwürfe nicht mehr öffentlich wiederholen. Ein Sprecher des  Kieler Bildungsministeriums sagte damals zu der Abiturprüfung: „Dass 23 Prozent durchgefallen sind, ist ein Ausrufezeichen.“ Das Ministerium beobachtet die Schule, weil sie sich in einem Prüfverfahren für die staatliche Anerkennung befindet.
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