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Austausch : Lehramtsstudent aus Paraguay zu Gast in Bilsen

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

„Die Schulen sind toll ausgestattet“. Ausflüge in die Umgebung und eine Reise nach Rom mit Hindernissen.

Bilsen | Von Deichen hatte er schon gehört, aber mit eigenen Augen gesehen hat André Unrau (22) sie zum ersten Mal in Deutschland an der Nordseeküste. Grünkohlgerichte kannte er auch nicht. Denn der Lehramtsstudent stammt aus Paraguay. Zu seinem Studium an der deutsch-paraguayischen Universität in Filadelfia gehört die mehrwöchige Auslandsreise nach Deutschland und die Hospitation an einer deutschen Schule.

Verständigungsprobleme hatte der junge Mann in Deutschland jedoch nicht: Er gehört zur evangelischen Religionsgemeinschaft der Mennoniten – und deren Muttersprache ist plattdeutsch. Mit seiner Familie lebt er im Savannengebiet Chaco im Nordwesten des Landes. Die Kolonie „Menno“, die 1926 gegründet wurde, umfasst dort mehrere Städte und Gemeinde auf einer Fläche von etwa 7500 Quadratkilometern.

Seine Eltern halten auf 400 Hektar Land Rinder. Andrés Vater ist Polizeichef im Südmenno, seine Mutter arbeitet als Sekretärin in einer Schule. „Wir betreiben Rinderzucht und grillen oft und gerne – das 800-Gramm-Stück mit Knochen für die Männer, 500 Gramm für die Frauen“, berichtet André aus seiner Heimat.

Ins Staunen kam er in Deutschland immer wieder. Etwa über das riesige Angebot an Gemüse. „Bei den langen Transportwegen in unserer trockenen heißen Gegend ist das Gemüse nicht mehr frisch“, bedauerte er. Und Weintrauben ohne Kerne hätte er gerne mitgenommen, die waren ihm gänzlich fremd.

Gute Erfahrungen in Bilsen

Für den Aufenthalt in Deutschland musste er sich selbst um Gasteltern kümmern. Den Tipp, bei Familie Harms nachzufragen, erhielt André von ehemaligen Studenten, die ebenfalls in Bilsen aufgenommen worden waren.

Das Unterrichten in der Hemdinger Schule gefiel ihm. „Ein nettes, hilfsbereites Kollegium“, sagte er, der die Schulkinder in den deutschen Schulen im Chaco und hier verglich. „Bei uns haben wir weniger Disziplinprobleme“, sagte er. Die Kinder hörten mehr zu. „Wir haben ungeschriebene Gesetze, die eingehalten werden, wie etwa nicht fluchen und niemanden beleidigen“, so André. Dafür lobte er das hiesige Unterrichtsmaterial. „Die Schulen hier sind toll ausgestattet, und die Lehrer haben mehr Freiräume als unsere“, schwärmte er. Als einziger männlicher Kollege gab er Sexualkundeunterricht bei den Jungen. „Die Grundschüler sind schon ziemlich gut informiert“, staunte er.

Auf dem Programm der Studienreise stand auch ein Besuch in Berlin, Fortbildungen und Abstecher per Bahn in das europäische Ausland. „Wir planten einen Kurztrip über Venedig nach Rom“, sagte er. Die Gruppe wunderte sich über den langen nächtlichen Aufenthalt in Salzburg. „Auf Nachfragen erfuhren wir vom Schaffner, dass wir im abgekoppelten Anhänger nach Budapest saßen“, berichtete André und lachte. Die Reise nach Rom klappte doch noch, allerdings ohne Venedig. „Ich war auch bei den Freezers in Hamburg, im Hafen und auf der Reeperbahn“, zählt der Student auf.

Mit nach Hause nimmt er nicht nur seine Eltern, die ebenfalls zu Besuch in Deutschland waren. In deren Gepäck: Schokolade und Gummibärchen. André dagegen packt so viele Lehrmaterialien ein, wie er tragen kann.

Die Mennoniten formierten sich aus einer reformatorischen Täuferbewegung im 16. Jahrhundert. Der ostfriesische katholische Theologe Menno Simons konvertierte 1636 zu den evangelischen Täufern und prägte nachhaltig Geschichte und Theologie der Bewegung. Kirchen und Regierungen sahen die Täufer, die etwa den Dienst an der Waffe und die Kindstaufe ablehnen, als Ketzer, die es zu verfolgen galt. Viele von ihnen wanderten deshalb Ende des 18. Jahrhunderts nach Russland aus, wo ihnen die Freistellung vom Wehrdienst garantiert wurde. Nach Einführung der Wehrpflicht 1874 wanderten die Mennoniten weiter nach Kanada und Nordamerika, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Südamerika. In Paraguay machten sie die Savanne urbar und leben heute überwiegend in drei großen Kolonien in der Provinz Chaco. Das niederdeutsche Plautdietsch ist ihre Muttersprache.
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erstellt am 18.Feb.2015 | 16:00 Uhr

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