Leben in Verschiedenheit

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21. März 2013, 01:14 Uhr

Kreis Pinneberg | Wenn es mal wieder länger dauert, bis Hannah sich etwas merkt, wundert das in der Klasse 4 keinen mehr. Die Kinder kennen sich jetzt schließlich schon seit fast vier Jahren. Johanna, Eva, Olivia, Mika und Tom sind Hannahs Klassenkameraden. Hannah besucht mit ihnen den vierten Jahrgang der Schülerschule in Waldenau. Jeder der fünf Schüler war schon mal ihr Banknachbar. Wie das so ist? "Gut! Manchmal auch etwas anstrengend", sind sie sich einig.

Hannah ist ein Kind mit Down-Syndrom. "Müssen die meisten ihrer Klassenkameraden dreimal eine Sache wiederholen, bis sie etwas verstanden haben, kann es bei ihr erst beim 30. Mal Klick machen", sagt Kai Bruhn (Foto), Hannahs Vater.

Wenn heute, am 21. März, weltweit zum Tag der Menschen mit Down-Syndrom Zugehörigkeit gefordert wird, ist Integration in der Schülerschule seit fast 28 Jahren Programm. "Damals, bevor der Schulbetrieb startete, konnten hier Kinder mit Einschränkungen nur bis zur vierten Klasse die Regelschule besuchen", sagt Evelyn Hellwig (Foto), eine von drei Schulleitern der Einrichtung.

Eine Elterngruppe von Kindern mit und ohne Behinderungen bildeten seinerzeit gemeinsam mit Lehrern den Verein "Arbeitskreis Schülerschule Schenefeld". Kinder "jeder Art" sollten integrativ beschult werden - auch über die Grundstufe hinaus.

"Aus den Erfahrungen durch die die Schülerschule mit ihrem integrativen Konzept gemacht hat, haben viele Schulen im Kreis ihre Lehren gezogen", sagt Kreisschulrat Michael Doppke.

Mit je zwei Lehrern und insgesamt 30 Kindern startete der Unterricht. Seit 1995 ist die Schule staatlich anerkannt. 2001 kauften die Träger mit Unterstützung aus der Politik das Gutshaus in Waldenau. Seit dem 1. April lernen die Klassen 1 bis 10 auf einem zentralen Schulgelände. In den zehn Klassen sind jeweils maximal 22 Kinder. Für alle sind zehn Schuljahre vorgesehen. Jeder soll einen Abschluss machen können. Allein fünf Kinder auf der Schule haben das Down-Syndrom. Mehrere Kinder sind unter den Schülern, die geistig spät entwickelt sind. Ihren Schulalltag verbringen sie trotzdem gemeinsam mit Kindern ohne Einschränkungen.

Wie das funktioniert? So einfach wie die Kinder es mit dem Wort "Gut" und dem Einschub "Manchmal etwas anstrengend" zusammen fassen, ist es nicht. "Es ist eine Herausforderung. Keine Klasse ist wie die andere", sagt Hellwig. Die Schule zählt auf Gemeinschaft. Es gibt viele Feste. Man begegnet sich oft. "Es erfordert großes Engagement der Eltern. Nicht nur durch die Schulgebühren", so die Schulleiterin. Im Konzept der Schule geht es um das einzelne Kind, das individuell gefördert und gefordert wird. Der Integrationsgedanke: "Leben in Verschiedenheit". Jedes Kind soll in seinem eigenen Tempo und auf seine eigene Art individuelle Ziele erreichen. Ein Zeugnis mit Noten gibt es erst ab der neunten Klasse. Auf welchen Leistungsstand das Kind ist, erfahren Schüler und Eltern mit Entwicklungsberichten und Halbjahresgesprächen.

Trotz der Kosten gegenüber rein staatlichen Schulen, ist die Schülerschule oft die erste Wahl. Die Schüler kommen nicht nur aus Pinneberg und Umgebung, sondern aus dem ganzen Kreisgebiet nach Waldenau. Viele Eltern wissen das Angebot mit dem besonderen pädagogischen Anspruch zu schätzen. Jahr für Jahr macht die Schule Auswahlverfahren. Viele Kinder können nicht angenommen werden. Für jede Klasse gibt es eine Warteliste.

"Unsere Schule hat pädagogische Impulse für Schleswig-Holstein gesetzt. Abschlusspräsentationen wie sie heutzutage in den Schulen üblich sind, gab es in der Schülerschule schon vor 20 Jahren", so Bruhn. Wenn von "unserer Schule" die Rede ist, sagen das nicht nur die Schüler und Lehrer, sondern auch Eltern. Kai Bruhn wird nicht müde das Wir-Gefühl, das auf dem Gelände in Waldenau herrscht, zu unterstreichen.

Ist das hohe Engagement der Eltern für Lehrer auch manchmal schwierig? "Teilweise kann das schwierig sein", sagt Hellwig. "Aber wir wollen eben gemeinsam eng an den Schüler dran sein."

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