Interview : Landesvorsitzende Ann-Kathrin Tranziska über den Aufschwung der Grünen

Die Grünen-Landesvorsitzende Ann-Kathrin Tranziska stimmt das Hoch ihrer Partei optimistisch.

Die Grünen-Landesvorsitzende Ann-Kathrin Tranziska stimmt das Hoch ihrer Partei optimistisch.

Die Pinnebergerin über die Grünen als Volkspartei, Umfragewerte und einen Grünen-Kanzlerkandidaten.

shz.de von
24. November 2018, 14:00 Uhr

Pinneberg | Bundesweit grandiose Umfragewerte, hervorragende Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen, bei den schleswig-holsteinischen Kommunalwahlen in einigen Städten und Gemeinden sogar die stärkste Kraft – die Grünen surfen derzeit auf einer Erfolgswelle. „Grün“ ist momentan in und die Partei so stark wie nie zuvor. Im Interview mit Lars Zimmermann spricht Schleswig-Holsteins Grünen-Landesvorsitzende Ann-Kathrin Tranziska aus Pinneberg über den Aufschwung und einen Grünen-Kanzlerkandidaten.

Spüren Sie auch im Kreis Pinneberg den Aufwind für die Grünen?
Ganz deutlich. Ein Beispiel dafür ist die Neuwahl des Ortsvorstandes in Pinneberg. Der Vorstand bestand bisher nur aus drei Mitgliedern. Nun sind es acht. So wollen wir den vielen neuen Mitgliedern die Möglichkeit geben, sich einzubringen. In Pinneberg und den umliegenden Dörfern haben wir fast 20 Neueintritte zu verzeichnen.

Zur Person

Ann-Kathrin Tranziska (44) ist seit dem vergangenen Jahr Landesvorsitzende der Grünen in Schleswig-Holstein. Außerdem ist sie Sprecherin des Pinneberger Ortsverbands. Tranziska bietet als selbstständige Naturwissenschaftlerin Experimentierkurse für Kinder an und lebt mit ihrem Mann sowie ihren vier Kindern in Pinneberg.

 

Warum sind die Grünen derzeit so erfolgreich?
Ein Grund dafür ist sicherlich das rechte Gedankengut, das vor allem von der AfD derzeit verbreitet wird. Die Menschen merken, dass wir uns dem entgegenstellen und unsere Haltung deutlich machen. Diese Einstellung nimmt man uns ab, weil wir dafür schon seit Jahrzehnten stehen. Wer sich von den Rechten distanzieren will, kann sicher sein, dass er bei uns gut aufgehoben ist. Dazu profitieren wir auch von der Schwäche der Großen Koalition. Mit der sind viele unzufrieden, suchen nach Alternativen und kommen zu uns.

Hat sich die Gesellschaft verändert oder sind die Grünen mehr in die Mitte gerückt?
Die Frage stellen wir uns auch. Ich glaube, dass wir uns gar nicht so sehr verändert haben. Bei uns sind weiterhin verschiedene Gruppen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Schwerpunkten vertreten. Viele unserer Themen sind aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen – zum Beispiel der Klimaschutz und der Umweltschutz. Das merke ich sogar in meinem Freundeskreis. Dort beschäftigen sich etliche mit grünen Themen, die sie vor zehn Jahren noch belächelt haben.

Hat sich die Rolle der Grünen in der Politik verändert?
Sicherlich. Wir werden von den anderen Parteien anders wahrgenommen. Für die sind wir längst nicht mehr das ungewaschene Schmuddelkind, sondern jemand, den man ernst nehmen muss.

Sind die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei?
Ich persönlich mag den Begriff nicht. Wir freuen uns natürlich, dass uns immer mehr Menschen unterstützen. Dass wir uns bei den Wahlergebnissen immer stärker CDU und SPD annähern, spricht aber aus meiner Sicht eher dafür, dass sie nicht mehr unbedingt eine Volkspartei sind und nicht dafür, dass wir auf dem Weg sind, eine zu werden.

Ist ein Kanzlerkandidat der Grünen denkbar?
Ja. Darüber haben wir kürzlich bei einem Bund-Länder-Forum diskutiert. Ich denke, wir können selbstbewusst genug sein, um nicht nur mit  Spitzenkandidaten, sondern auch eine Kanzlerkandidatin oder einen Kanzlerkandidaten zu benennen. Für uns ist es allerdings noch ungewohnt, dass wir inzwischen sogar bei Kommunal- und Landtagswahlen realistische Chancen auf Direktmandate haben.

Glauben Sie, dass das Hoch der Grünen langfristig anhält?
Ich kann es mir vorstellen. Nicht unbedingt wegen der aktuellen Umfragen. Aber der enorme Mitgliederzuwachs, über den wir uns momentan freuen dürfen, stimmt mich zuversichtlich. Das sind ja alles Menschen, die Sympathien für grüne Politik haben.

Macht Ihnen Politik mehr Spaß als noch vor einigen Jahren?
Auf jeden Fall. Das hängt aber nicht unbedingt mit Wahlerfolgen zusammen, sondern eher mit meiner Arbeit auf Landesebene. Die Koalition zwischen CDU, FDP und Grünen funktioniert wirklich hervorragend. Natürlich gibt es mal unterschiedliche Auffassungen. Aber dank des respektvollen Umgangs können damit alle umgehen und wir finden gemeinsam Lösungen.

Ist Schleswig-Holstein ein Vorbild für den Bund?
Schleswig-Holstein ist auf jeden Fall ein Beispiel dafür, dass Jamaika funktionieren kann.

Glauben Sie, dass die Große Koalition in Berlin hält oder gehen Sie von baldigen Neuwahlen aus?
Das ist schwer einzuschätzen. Wir sind gespannt und halten uns auf jeden Fall für alles bereit.

Haben Sie den Eindruck, dass die Gesellschaft trotz des Grünen-Hochs nach rechts driftet?
Die vielen Stimmen für die AfD lassen das zumindest vermuten. Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft mehr spaltet und die Mitte schwächer wird. Das finde ich bedauerlich. Der Ton ist aus meiner Sicht rauer geworden – gerade in den sozialen Medien. Vor allem in der Migrationsdebatte fallen Worte, die man vor zehn Jahren vermutlich noch nicht benutzt hätte. So werden Ängste geschürt, die in der Realität völlig unbegründet sind.

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