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Pinneberger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 18:49 Uhr

Kunst und Kultur in der Eisenzeit

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Folge 5 Menschen in der Region entwickeln fortschrittliche Siedlungsformen

shz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Nach den Nomaden und den ersten noch recht primitiven Besiedlungsformen der Bronzezeit nahte eine Periode, die erhebliche Fortschritt der Menschen bedeutet. Längst war die Eiszeit vorüber, Holstein zu einem ganzjährig bewohnbaren Lebensraum geworden, wenngleich auch die Winter streng blieben. Schon seit der Steinzeit war das Feuermachen erfunden, und noch in heutiger Zeit wurden im Liether Moor an den Ufern des Esinger Sees die kokeligen Feuerstellen der Rentierjäger gefunden. An günstigen Orten begann man, feste Siedlungen zu bauen. Waren es zuvor mit Lehm verschmierte Stroh- und Asthütten, so wurden in der Eisenzeit erstmals größere Siedlungen gebaut, feste Häuser, die regelrechten Dorfcharakter annahmen.


Esinger See wird zu festem Siedlunsplatz


Der Esinger See in Klein Nordende lag verkehrstechnisch und Lebensqualität bietend sicherlich sehr günstig. Nahe an der Elbefurt bei Wedel, an alten Wander- und Handelswegen liegend, war er von den Sümpfen der Unterelbe durch Dünengürtel geschützt, während der See Nahrung und Weide bot. So ist es kein Wunder, dass gerade hier Nachweise von Siedlungen und urzeitlichen Werkzeugen vorliegen. Ein Gegenstück gibt es wiederum im Ahrensburger Tunneltal, wo die Wanderzüge auf dem Rückweg wiederum vorüber kamen, um der dort nahen Ostfurt gen Süden nahe zu sein. An beiden Orten wurden wichtige Funde gemacht. Auf dem Dünengelände von Elmshorn wurde gar ein Krug aus der Glockenbecherkultur gefunden, was auf Handel mit ferneren Völkern hinweist. Sieht man heutzutage Jemanden über die frisch gepflügten Äcker in Klein Nordende herumlaufen, den Blick ständig zu Boden gerichtet, so ist es sicherlich ein Fundsucher, denn nach jeder Felderbearbeitung werden neue Pfeil- und Speerspitzen zu Tage gefördert und liegen frei herum.

Feuer und Eisen standen in dieser neuen Zeit in enger Verbindung. Jedoch waren die entsprechenden Erze im Pinneberger Raum nicht zu finden und mussten also entweder aus den Mittelgebirgen eingeführt oder fertige Teile von Bewohnern südlicher Regionen eingetauscht werden, wolle man an den Nutzen von modernen Messern, Pfeil- und Speerspitzen Teil haben. Allerdings gibt es bis heute in Böden, zum Beispiel im Liether Moor, Eisenoxyde, wie man an der starken Rotfärbung in Gräben leicht erkennen kann. Und das weist noch immer auf eine Eisengewinnung der Frühzeit hin. Und zwar gewann man erfolgreich aus Rasenerzen den gewünschten Rohstoff in Schleswig-Holstein. In moorigen Böden oder anmoorigen Humusen fand man auf geniale Weise Eisen, das in sogenannten Rennöfen, ähnlich wie die langgestreckten Öfen zur Ziegelherstellung, gewonnen wurde. Auch in natürlichen Wasserrinnen fand man das begehrte Metall, um es für die Verarbeitung aufzubereiten.

Es bestanden bereits seit Langem Handelswege in südliche Regionen, die man teilweise rekonstruieren konnte. Das Rad war bereits erfunden und erleichterte Transporte enorm. Es gibt Gegenden in Norddeutschland, wo man im 21. Jahrhundert noch immer die tief eingedrückten Wagenspuren erkennen kann sowie Hügelgräber, in denen ganze Wagen als Beigabe für den Toten gefunden wurden. Die Räder waren mit Reifen aus Eisen versehen worden. Wie heute spielten auch damals Bodenschätze und Rohstoffe eine wesentliche Rolle, und sicherlich haben in der Eisenzeit Kriege stattgefunden, um sich betreffende ergiebige Fundorte zu sichern.


Nur wenige Spuren in der Marsch


Leider weist der Kreis Pinneberg im Vergleich zu vielen weiter im Süden liegenden Regionen nur spärliche historische Spuren auf, die die Zeiten vor dem ersten Deichbau dokumentieren. So weiss man nicht, inwiefern die Marsch tatsächlich in der Steinzeit besiedelt wurde, wann die erste Besiedlung tatsächlich stattfand. Das Schwemmland bestand weitgehend aus Sümpfen und Tümpeln, Schilfwildnissen, Morast, ein
El Dorado für zahlreiche Wasservögel. Aber egal wohin man blickt, immer sind große Flüsse wichtige Lebensadern, Wasserstraßen, an denen entlang sich die Siedlungen reihen. Selbst wenn diese beinahe unbetretbare Sumpflandschaften durchfließen wie der Kongo in Afrika an manchen Abschnitten, lebten dort Menschen auf inselartigen Schilfflößen oder vagen Erhöhungen. Es gibt keinen Grund zu verneinen, dass es so auch an der Unterelbe war, wo sich Fischergesellschaften abgeschieden von der eisenzeitlichen Außenwelt in Reethütten seit langer Zeit angesiedelt haben, von den zahlreichen Fischarten profitierten und ein einfaches Leben führten in einer Welt aus Ebbe und Flut. War es auch schwer, die Geest zu erreichen, so war der Wasserweg mit Schilfbooten oder Einbäumen jederzeit frei.

Vor weit mehr als 100 Jahren übersetzte der aus Neuendeich bei Uetersen stammende Detlef Detlefsen die Naturgeschichte von Plinius dem Älteren und stieß dabei auf folgenden Text, der die Lebensverhältnisse im Elbsumpf, wenn auch in erheblich späterer Zeit, gut schildert: „Es schwillt hier in einer Tages- und Nachtlänge unermesslich sich ergießend der Ozean und sinkt nieder. Zweifeln möchte man, ob es Land oder Meer, was man sieht. Da wohnt das armselige Volk in seinen Hütten auf Hügeln von Menschenhand errichtet, so hoch wie die Flut reicht; Schiffenden gleich, wenn die Gewässer die Gegenden bedecken, Schiffbrüchigen aber, denen die fliehenden Fluten Seefische und Muscheln zur Nahrung lassen, wenn sie sich verlaufen haben. Nicht wie die Nachbarn können sie Vieh halten und von Milch sich nähren, nicht einmal mit wilden Tieren können sie kämpfen, weil ihr Land von allem Gebüsch entblößt ist. Aus Schilf und Binsen fertigen sie Stricke und Netze zum Fischfang und indem sie den mit ihren Händen herausgeholten Schlamm mehr im Winde als in der Sonne trocknen, erwärmen sie mit dieser Erde ihre Speisen und ihre vom Nordwind starrenden Glieder. Getränk haben sie nur vom Regen, den sie in Gruben im Vorplatze ihres Hauses aufbewahren.“

Auf der Geest jedoch bildeten sich nun erste größere Dörfer mit geschäftigem Leben und einer fortgeschrittenen Arbeitsteilung. Hügelgräber wurden nicht mehr angelegt, religiöse Vorstellungen erweiterten sich. Bereits in der Steinzeit gab es Schamanen, die sich mit Trance und Pflanzengiften auskannten. Schädel lebender Menschen wurden geöffnet, womöglich um einen bösen Geist zu entlassen. Die Gräber der Bronzezeit mit ihren oft umfangreichen Beigaben deuten darauf hin, dass der Glaube eines Weiterlebens nach dem Tod bestand. Es gab Opferplätze, an denen heidnische Religionen exerziert wurden.

Der Kreis Pinneberg mit seinem markanten Bergzug im Süden mit einer Höhe bis zu achtzig Metern, mit der Furt über die Elbe, wird dauerhaft ein stark frequentierter Landstrich gewesen sein. Noch in neuerer Geschichte führte der Ochsenweg hier hindurch, herab von Dänemark, bei Wedel über die Elbe bis hinein nach Niedersachsen, wie in frühen Zeiten erster zeitweiligen Besiedlung die Rentierjäger mit den großen Herden.

Auch wenn die Funde und Quellen über die Frühzeit des Kreis Pinneberg äußerst karg sind, so lässt sich doch anhand der wenigen Relikte ein Lebensbild gestalten. Bevorstehende menschliche Eingriffe werden jedoch das Landschaftsbild bis heute noch ganz erheblich verändern.

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