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Pinneberger Tageblatt

20. September 2017 | 16:54 Uhr

Kult-Wirt grüßt aus Argentinien

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Kneipenbesitzer Ralf Lage wanderte vor 20 Jahren nach Südamerika aus / Großes Wiedersehen mit alten Freunden für den 3. Mai geplant

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2014 | 16:00 Uhr

Ralf Lage trägt Holzfällerhemd und Cowboyhut, dazu lange Haare und Vollbart. Zur Begrüßung in der modernen verglasten Lobby des A-Beig-Verlags bietet der 66-Jährige einen ausgehöhlten Flaschenkürbis mit frisch gebrühtem Mate-Tee an. Lage fällt auf in Pinneberg. Kein Wunder. Seit 20 Jahren wohnt er am anderen Ende der Welt, in Villa General Belgrano in Argentinien. Bevor er 1996 nach Südamerika zog, war Lage 15 Jahre lang einer der beliebtesten Gastwirte der Kreisstadt. „Ich habe immer dafür gesorgt, dass niemand in Pinneberg an Unterhopfung zu leiden hat“, sagt er lachend. Erst zum dritten Mal ist er jetzt wieder in der alten Heimat – am Sonnabend,
3. Mai, will sich der ehemalige Kult-Wirt ab 11 Uhr mit alten Stammgästen und Weggefährten vor dem Wurststand auf dem Wochenmarkt treffen.

Eigentlich hat Lage Schriftsetzer und Drucker gelernt. Doch als die digitale Revolution kommt, verliert er die Lust an diesem Beruf: „Das mit den Computern habe ich nicht mehr mitmachen wollen.“ Er sucht nach einer neuen Karriere und landet in der Gastronomie.

1979 eröffnet er den „Hühnerstall“ in der Oeltingsallee. Ein Volltreffer. „Ich habe nicht mit dem Erfolg gerechnet“, sagt Lage. Der Laden sei jeden Abend voll gewesen. Beschwerden kommen vor allem aus dem nördlichen Teil von Pinneberg. „Meine Kneipe sei über die Hochbrücke zu schwer zu erreichen gewesen.“ Daraufhin expandiert er an die Elmshorner Straße und betreibt ab 1982 dort den „Zapfhahn“. „Vom Arbeitslosen bis zum Lufthansapiloten hat dort jeder gern ein Bier getrunken“, erinnert sich Lage. Der von ihm erfundene Drink „Pinnbarger“ auf Rumbasis wird zum Verkaufsschlager. Doch so viel Spaß die Arbeit auch macht – der Lebensstil schlaucht. Lage: „Ich war sieben Tage die Woche in der Kneipe, habe geraucht und getrunken und bin jeden morgen aufgestanden, um mich um den Einkauf zu kümmern.“ Im Februar 1993 kommt es zum Wendepunkt in Lages Leben. Bei einem Konzert in seinem dritten Lokal „Hörninger“ in Brande-Hörnerkirchen kracht dem Wirt ein sieben Meter langer Gittermast aus vier Metern höhe auf den Kopf. „Ich lag auf Leben und Tod im Krankenhaus in Eppendorf.“ Der Wirt überlebt – und beschließt sich von der „Kneipenfront“ zu verabschieden. Sein Hab und Gut landet in zwei Containern, die nach Argentinien verschifft werden, wo der Pinneberger bereits Land gekauft hatte. „Außerdem schenkte mir die Pinneberger Feuerwehr ein ausgedientes Löschfahrzeug.“ Mit dem ungewöhnlichen Gefährt brettert Lage bald durch die Provinz Cordoba, gern auch mit Blaulicht. „Die lokale Feuerwehr hat mich dann so lange bekniet, bis ich ihnen das Ding verkauft habe“, erzählt der Wahlargentinier. Als Ersatz bekommt er einen Toyoto-Geländewagen, den Lage heute noch fährt. In Südamerika baut der ehemalige Gastwirt einen Campingplatz auf. Das Geschäft läuft gut, Lages ganzer Stolz ist das blitzsaubere Schwimmbecken. Hunde, Pferde, Ziegen und anderes Getier leben auf der 60 000 Quadratmeter großen Anlage, auf der Lage zudem ein Gästehaus betreibt. Und nach Jahrzehnten der wilden Ehe hat Lage in Südamerika auch endlich seine Bettina geheiratet.

Sorgen bereitet dem
66-Jährigen die wirtschaftliche Situation in seiner neuen Heimat. Weite Teile der Bevölkerung sind völlig überschuldet. „Hier kaufen die Leute sogar Gemüse auf Pump“, so Lage. Der Pinneberger will dennoch bleiben. Obwohl ehemalige Gäste ihn immer wieder bitten, wieder eine Kneipe in Pinneberg zu eröffnen. Dass die Gastro-Szene in seiner Heimatstadt mächtig geschrumpft ist, ist dem Wahlargentinier nicht entgangen. „Hier gibt es ja fast nichts mehr.“

Doch Lage hat seine Zukunft bereits fest im Blick. Den Campingplatz will er verkaufen, sich dann in sein Haus in den argentinischen Bergen zurückziehen und den Lebensabend auf
1365 Metern Höhe genießen.

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