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Pinneberger Tageblatt

23. Oktober 2017 | 12:28 Uhr

Künstlerin mit Können und Geschäftssinn

vom

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Wedel | Mehr noch als die ruhige Präsenz beachtlichen Selbstbewusstseins fallen einem in der Begegnung mit Nicole Leidenfrost zwei weitere Eigenschaften auf, die diese sichere Ausstrahlung der schlanken, hochgewachsenen 39-Jährigen wohl überhaupt erst bewirken: Ihr unbedingter Wille zu malen und der wohl noch größere unumstößliche Wille, die Kunst auch zu verkaufen. Beide Tätigkeiten verfolgt die Kreative, recht unüblich für eine Künstlerin, mit gleich großer Leidenschaft.

Das Malpensum Leidenfrosts ist immens. Überall, wirklich überall in ihrem Haus - der Liebe wegen zog sie erst kürzlich nach Wedel zu ihrem Lebensgefährten Dr. Frank Gotzhein, Betriebsratsvorsitzender von AstraZeneca - hängen oder lehnen die bunten Werke an den Wänden. Meist größere Acrylbilder in hellen bis kreischenden Farben, manchmal hinterher noch mit dem Filzstift bearbeitet, seltener Ölbilder. Köpfe beispielsweise, aus denen die Lokalfarbe komplett verschwunden ist zugunsten eines mit breitem, kräftigem Pinselstrich aufgetragenen Farbgemenges, das Wesen und Naturell der dargestellten Person weit authentischer einzufangen scheint. Weitaus häufiger zeigen die Bilder allerdings ganze Figuren - Menschen inmitten einer Landschaft, am Wasser, aufgestellt neben einem Auto, provozierend nackt vor einem Kreuz. "Mich hat Figur immer interessiert, der Mensch ist mein Schwerpunkt", erklärt die Malerin.

Leidenfrost kommt aus einem kleinbürgerlichen Milieu, Westberliner Randgebiet. Trotzdem Kunst in der Familie keine große Rolle spielt, weiß sie schon früh: Sie will Malerin werden. Sie bewirbt sich an der Hochschule der Künste (HdK), Fachrichtung Kunstlehrer. "Die ersten zwei Bilder, die ich gemalt habe, waren auf Bestellung", erinnert sie sich - und lacht dabei. Selbstbewusst schon damals, hatte sie ihre Kunst Kunden bereits angeboten, noch bevor sie mit ihrer Mappe bei der renommierten Künstlerschmiede überhaupt angenommen worden war. Doch in der HdK findet Leidenfrost nicht die Forderung und Förderung, die sie sich erhofft. Die Dozenten dort wollten gespiegelt werden, erklärt sie, "aber ich wollte nicht deren Kunst kopieren". Sie wollte ihren eigenen Stil ausprägen, quasi als eigene Marke erkennbar werden. "Ehrlich gesagt, ich hab mich in der HdK intellektuell gelangweilt", sagt sie - zögernd zwar, aber doch deutlich und mit Nachdruck. Sie weiß, dass das ein bisschen arrogant klingt, aber so war es halt.

Sie bricht das Studium ab, die Liebe verschlägt sie zum ersten Mal nach Hamburg. Leidenfrost studiert Spanisch, nebenher malt sie - und vermarktet ihre Bilder. Sie klappert Galerien ab, mit recht gutem Erfolg. Ein Wolfgang Joop beispielsweise wird abgehängt, um im Schaufenster einen Leidenfrost zu präsentieren. Sie klebt aber auch Zettel an Laternenmasten und malt weiterhin Kunst auf Bestellung.

Das zündende Verkaufs-Know-How für ihre Arbeiten liefert ihr aber erst ihre Ausbildung zur Pharmareferentin, die sie nach dem Spanisch-Studium angeht. Leidenfrost erfährt, wie ein professioneller Betrieb funktioniert, sie lernt Verkaufsgespräche zu führen und wie wichtig professionelles Auftreten ist. Den Mut, Leute anzuquatschen, bringt sie von Haus aus mit: "Ich schnack jeden an", bekennt sie freimütig. In Süddeutschland, wo sie für ein forschendes Unternehmen tätig ist, kommt sie dank dieser Chuzpe sogar an Reinhold Würth heran, "der eine der wichtigsten 200 Kunstsammlungen der Welt hat. Das ist eine Wahnsinnsreferenz", erklärt sie, nicht ohne Stolz. Würths hat eine ganze Serie von Leidenfrost gekauft. Auch andere Geschäftsführer greifen zu, zum Beispiel der des Reinigungsgeräteherstellers Kärcher. Wegen ihm - und das zeigt wie durchlässig und aufnahmebereit die Künstlerin Leidenfrost ist - kam überhaupt erst das Gelb, und im Zuge dessen die ganzen poppigen Farben, in ihre Bilder. "Gelb war eigentlich ein no go für mich", erzählt sie. Aber der Kärcher-Geschäftsführer stellte sich in der Begegnung als ein so "beeindruckend positiver, open minded, weltoffener und hochintelligenter" Mensch heraus, dass Kärchers Gelb plötzlich positiv besetzt war.

Nicht nur ihre Farben, auch ihre Motive findet die 39-Jährige: im Leben. Meist auf Reisen: "Im Urlaub kann ich auf den Keks gehen." Dann macht sie pausenlos Fotos, die ihr vor der Staffelei Inspiration sind. "Ich hab ein Konzept im Kopf, denn man muss wissen, was man tut", erklärt sie ihre Herangehensweise. Und: "Kunst ist wie Mathematik. Ist eine Seite des Bildes schwer, muss die andere Seite leicht sein." Viel gelernt über Konzeption und das Gleichgewicht der Farben hat Leidenfrost bei Maler Markus Lüperts, von dem sie einige Kunstkurse besuchte. "Er schafft es mit einem Strich, ein völlig chaotisches Bild zu einem fertigen stimmigen Bild zu machen", erzählt sie begeistert. Noch wichtiger ist der Malerin aber, dass Lüperts nicht sich, sondern seinen Schüler ernst nimmt: "Er sieht den Künstler und bringt ihn weiter."

In Stuttgart, Frankfurt am Main, Düsseldorf, Essen, Köln, Hamburg, Luxemburg, Athen, im Pekinger "798" (Leidenfrost: "Zweitwichtigster art district nach New York.") und an noch sehr viel mehr Orten in der Welt hat Leidenfrost mittlerweile ausgestellt. Sie ist in Wedel angekommen - sucht hier eine Kate, ein Haus oder ein Grundstück um ihre eigene Galerie, mit angeschlossenen Wohn- und Arbeitsräumen, zu eröffnen. "Ich habe meinen Charakter. Ich mache das, was mich interessiert. Ich gehe meinen Weg", sagt sie selbstbewusst - fast ein wenig trotzig. Dass der Weg zum Erfolg führt, wünscht man ihr nicht nur, das scheint festzustehen. www.nicole-leidenfrost.de

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