„Die Hamburger sind recht selbstzufrieden“ : Krista Sager über ihr Leben nach der Politik, die „Hamburger Ehe“ und St.Pauli

Krista Sager war von 1997 bis 2001 in der ersten rot-grünen Koalition in Hamburg Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin. Vor vier Jahren hat sie sich aus der Politik zurückgezogen.

Krista Sager war von 1997 bis 2001 in der ersten rot-grünen Koalition in Hamburg Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin. Vor vier Jahren hat sie sich aus der Politik zurückgezogen.

Im Interview erzählt die ehemalige Grünen-Politikerin von Stress, Stolz und dem heiklen Thema Fußball in ihrer Beziehung.

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16. Dezember 2017, 10:00 Uhr

Hamburg | Sie gehörte zur legendären Grünen-Frauenfraktion in der Bürgerschaft, schaffte als Gleichstellungssenatorin Historisches und war Wegbereiterin des ersten schwarz-grünen Regierungsbündnisses in Deutschland. Seit vier Jahren lebt Krista Sager ohne Politik – und ist heilfroh.

Frage: Frau Sager, Sie sind 2013 mit 60 Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden und haben damals gesagt: „Fast jeden Tag bin ich erleichtert, dass ich nicht mehr in diesem Stress stecke.“ Sind Sie heute glücklicher?
Krista Sager:
Ja. Ich bin nicht mehr in diesem Hamsterrad und ich bin deutlich weniger fremdbestimmt. Die Dinge, die in meinem Berufsleben früher zurückstehen mussten, kommen jetzt mehr zur Geltung. Ich bin sehr zufrieden damit, dass ich mich vor vier Jahren bewusst für dieses Leben entschieden habe, auch in dem Bewusstsein, dass das Leben  begrenzt ist.

Damals wollten Sie Dinge  nachholen wie etwa Senioren-Yoga. Haben Sie mehr Zeit für sich und für was?
Yoga habe ich ein wenig schleifen lassen und suche jetzt den Wiedereinstieg. Aber ich habe mit meinem Mann ein paar wunderbare Reisen gemacht − richtige Traumreisen, die ich mein ganzes Leben machen wollte: in die Antarktis, nach Australien, Lateinamerika und Neuseeland. Insgesamt ist mein Leben heute weniger hektisch und lässt mehr Zeit für Unternehmungen oder ein ausgedehntes Frühstück. Aber ich liege nicht nur auf der faulen Haut (lacht), sondern engagiere mich ehrenamtlich in verschiedenen  Wissenschaftsgremien. Das tun zu können und gefragt zu werden, empfinde ich als großes Glück.

Sie haben 30 Jahre Politik gemacht. Was fällt Ihnen am heutigen Politikbetrieb auf?
Vor allem, wie unglaublich anstrengend der Politikbetrieb ist und wie wenig das von der Gesellschaft und den Medien gesehen wird. Und ich nehme wahr, wie schwer es manchmal selbst intelligenten Menschen fällt, vom Ende her zu denken. Wenn man wie ich 25 Jahre lang durchaus erfolgreich in der Politik war, hat man gelernt, strategisch zu denken. Das fehlt heute manchmal in der Politik. Ein Beispiel ist die vorschnelle Absage der SPD an eine große Koalition nach dem Aus für Jamaika.

Macron will Europa erneuern, und die Grünen in Europa und Deutschland spielen keine Rolle. Tut das weh?
Ich finde, dass die grünen Europapolitiker und ihre Themen in der öffentlichen Debatte sehr präsent sind. Wir sind keine Kanzlerpartei, aber die Grünen  haben in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht für Klimaschutz und in der Umweltpolitik. Erst mit den Grünen ist in der Politik ein Bewusstsein für Umweltschutz gewachsen, daran kommt heute kaum eine Partei mehr vorbei, auch wenn es beim Handeln hapert.

Die Grünen-Politikerin Krista Sager (64) war von 1997 bis 2001 in der ersten rot-grünen Koalition in Hamburg Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin. Mitte der 1990er Jahre war sie Vorstandssprecherin der Bundesgrünen im Team mit Jürgen Trittin, von 2002 bis 2005 Fraktionsvorsitzende im Bundestag zusammen mit  Katrin Göring-Eckardt und prägte in dieser Rolle die Politik von Gerhard Schröders rot-grüner Bundesregierung mit. Sie ist Mitglied in vielen wissenschaftlichen Gremien, u.a. im Senat der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Krista Sager ist gebürtige Bremerin und seit 2010 in zweiter Ehe mit dem ehemaligen HSV-Aufsichtsratschef Manfred Ertel verheiratet.

Was macht Sie heute stolz in Ihrer politischen Laufbahn?
Ach, mir sind einige Dinge geglückt, aber man vergisst es schnell wieder. Und es ist ja  nie der Erfolg einer einzelnen Person, sondern immer ein Gemeinschaftswerk. In diesem Sinne waren wir unter anderem mit der „Hamburger Ehe“, also der eingetragenen Partnerschaft homosexueller Paare, die wir 1999 im Senat durchgesetzt haben, Wegbereiter für die „Ehe für alle“. Das freut mich.

Gibt es etwas, das Ihnen nicht gelungen ist und das Sie heute noch bedauern?
Da gibt es eine Menge, aber auch das verblasst mit der Zeit. Ich bedaure, dass es in der Föderalismuskommission 2004 nicht gelungen ist, Kooperationsmöglichkeiten zwischen Bund und Ländern im Schulbereich zu erlauben und so zum Beispiel den Bund finanziell weiter am Ganztagsschulausbau zu beteiligen. Das wäre ein wichtiger Schritt für den Bildungsbereich gewesen.

Sie waren 1997 die erste Frau im Bürgermeisteramt hinter SPD-Bürgermeister Ortwin Runde. Wie viel Machotum haben Sie damals erlebt?  
Aus heutiger Sicht habe ich eine Menge Machotum erlebt, aber für damalige Verhältnisse war es erträglich. Übel genommen habe ich dem damaligen Ersten Bürgermeister Ortwin Runde, dass er überall und auch in meinem Beisein sein Pfeifchen geraucht hat, obwohl er wusste, dass es mich sehr stört.

Ihr grell-grünes Jackett, das Sie oft trugen, erlangte damals in Hamburg fast so viel Berühmtheit wie der gelbe Pullunder von  Hans-Dietrich Genscher. Konnten Sie darüber lachen?
Ja. Anfangs habe ich mir das grüne Jackett  gekauft, weil es gerade Mode war. Als mir dann durch die Reaktionen aus meinem Umfeld klar wurde, dass die Farbwahl zur politischen Gesinnung passt, habe ich es bewusst als Stilmittel eingesetzt und zu meinem Markenzeichen gemacht. 

Sie hatten das Image einer frechen Frauenstimme. Stimmt das eigentlich?
Ich war kämpferisch. Die Frauenfraktion in der damaligen Bürgerschaft, der ich angehörte, nannte sich „Freche Frauen“. Wir wollten die etablierten Parteien bewusst provozieren, um auf unsere Themen aufmerksam zu machen. Das galt auch für viele Wahlkämpfe. Und ich habe immer, ob in der Partei oder im Parlament, mit Leidenschaft debattiert. Wichtig ist, dass man neben der Leidenschaft auch Argumente transportiert und den Finger in die Wunde legt. Und es ist wichtig, mit den eigenen sich verändernden Rollen in der Politik mitzuwachsen, um authentisch zu bleiben.  Das ist nicht immer ganz einfach, ist mir aber, glaube ich, ganz gut gelungen.

Hat sich seitdem für Frauen in der Politik und in Führungspositionen von Unternehmen etwas verbessert?
Auf jeden Fall. Heute ist unstrittig, dass Frauen ein Recht haben auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und dass die Politik die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft und in Unternehmen sicherstellen muss. Als ich ein junges Mädchen war, war Politik, übrigens auch Journalismus, eine reine Männerwelt. Und als ich eine junge erwachsene Frau war, brauchte man als Ehefrau immer noch das Einverständnis des Mannes, um berufstätig sein zu dürfen. Insofern hat sich Vieles verbessert. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass das Erreichte fragil bleibt und von Strömungen wie etwa der AfD schnell in Frage gestellt werden kann.

Sie waren Ende der 90er Jahre auch Wissenschaftssenatorin. Warum hinkt Hamburg als deutschland-  und europaweit respektierter Wissenschaftsstandort hinterher?
Das ist vor allem ein Problem der Selbstwahrnehmung in Hamburg. Die Hamburger sind recht selbstzufrieden, so dass es manchmal die Wahrnehmung auf die Welt und sich selbst  trübt. Der Wissenschaftsstandort – auch die Uni - ist viel besser, als die Hamburger glauben. Richtig ist, dass der Ausbau des Wissenschaftsbereichs in Hamburg immer halbherzig betrieben worden ist. Die immer noch kleine Technische Universität Harburg etwa ist auf Kosten der Uni und der Fachhochschule entstanden. Die wissenschaftlichen Einrichtungen sind immer in die Mittelmäßigkeit geredet worden. Wenn es um die Wissenschaft in Hamburg geht, ist mancher hier Weltmeister darin, wenig Ahnung zu haben und viele Klischees zu bedienen.

Es gibt viele Leute, für die Hamburg die Stadt der Kaufleute und des Hafens ist, aber nie der Wissenschaft. Stimmt das?
Ja, man hat sich darauf ausgeruht, Hafenstadt und eine  Stadt der Kaufleute zu sein. Der Wissenschaftsbereich hat bis heute in Hamburg nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient. Wir könnten international eine viel größere Rolle spielen, wenn wir  unsere Stärken in der Wissenschaft wie etwa das Desy oder Spitzeneinrichtungen wie das Bernhard-Nocht-Institut selbstbewusster ausspielen würden.

Reizt Sie die aktuelle Politik, und würden Sie ein Comeback in Berlin wagen?
Nein! Ich bin heilfroh, dass ich nicht dabei sein muss. Das Wissen darum, wie anstrengend und nervig das Politikgeschäft hinter den Kulissen und in der Öffentlichkeit ist, und die Erleichterung darüber, es nicht mehr machen zu müssen, kann ich körperlich noch heute spüren.

Was haben die Grünen um Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir in Berlin falsch gemacht?
Ich finde, dass sie im Großen und Ganzen eine gute Figur gemacht und demokratische Reife gezeigt haben. Ich würde mir wünschen, dass die Partei vor diesem Hintergrund das enttäuschende Wahlergebnis reflektiert und ihren Politikstil modernisiert anstatt sich selbst nur zu feiern. Daraus lernt man nichts.

Sie sind Tochter einer Dänin und noch immer sehr verbunden mit Dänemark. Was können die Hamburger von den Dänen lernen?
Die dänische Gesellschaft ist durchlässiger und weniger hierarchisch. Die soziale Spaltung nimmt man in Hamburg stärker war. Und das Hyggelige, es sich gemütlich machen, spielt eine große Rolle in Dänemark.

Sie sind eingefleischter St.-Pauli-Fan. Ihr Mann Manfred Ertel, ehemaliger HSV-Aufsichtsratschef, leidet lieber mit dem HSV. Ist Fußball bei Ihnen zuhause ein heikles Thema?
Wir reden viel und gern gemeinsam über Fußball. Aber es war ein langer Lernprozess in einer langen Beziehung. Und es hilft, wenn beide Vereine nicht in derselben Liga spielen. Und die Erfahrung mehrerer Relegationen mindert den HSV-Hochmut (lacht).

Krista Sager... persönlich

Ich kann am besten entspannen ... beim Kochen.

Meine Schwäche ... ist: Ich kann mir keine Gesichter und keine Namen merken.

Meine Stärke ... ist strategisches Denken, und ich bin ein großzügiger und toleranter Mensch.

Alter ist für mich ... etwas, was ich derzeit nicht so empfinde, was aber unausweichlich ist.

Ich wollte in Hamburg längst mal wieder ... in das Bucerius Kunst Forum gehen.

Ich könnte gut verzichten ... auf platte Kommentare über Politik und Politiker.

Heimat ... ist für mich ganz klar Hamburg und ein bisschen Dänemark.

Ärgern kann ich mich, ... wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.

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