Kreishaus mit Nazivergangenheit

Die bunte Farbe betont die einst königliche Gestalt des Hauses am Rübekamp und lässt Rückschlüsse auf die Zeit der Erbauung zu.  grafik: imke stotz
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Die bunte Farbe betont die einst königliche Gestalt des Hauses am Rübekamp und lässt Rückschlüsse auf die Zeit der Erbauung zu. grafik: imke stotz

Regionale Leitung der NSDAP haben Gebäude am Rübekamp genutzt / Ehemaliger Sitzungssaal gleicht königlichen Gemächern

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24. August 2018, 16:00 Uhr

Der Wasserturm, die Drostei, die Paasch-Halle, die Christuskirche an der Bahnhofstraße und der Bahnhof selbst – wie oft geht man an diesen denkmalgeschützten Gebäuden in Pinneberg vorbei, ohne sie wahrzunehmen oder zu wissen, was hinter diesen Mauern ist? Die Künstlerin Imke Stotz (Foto) hat die denkmalgeschützten Gebäude in Aquarellfarben festgehalten. Stotz’ Tochter Helen Stotz (Foto, unten) liefert als Kontrast zu den bunten Bildern jeweils streng komponierte Fotos von den Originalbauwerken in klassischem Schwarz-Weiß. Elf Pinneberger Gebäude werden im Laufe der Serie vorgestellt.

Zwischen viel Beton und modernen Gebäuden fällt ein Haus im Rübekamp in Pinneberg sofort ins Auge: Es ist weiß, mit einem dunklen Dach und Verzierungen in braun. Und es wirkt so gar nicht modern, es ist vielmehr als Überbleibsel der Geschichte zu sehen. Und diese trägt das Gebäude im Rübekamp 2 sehr viel in sich. Es ist das erste Kreishaus, das für den Kreis Pinneberg errichtet wurde. Aufgrund eines Kreistagsbeschlusses kaufte die Stadt Pinneberg 1890 das Grundstück im Rübekamp und beauftragte nur ein Jahr später den Baumeister Angelroth mit der Planung für das Kreishaus. Der Bau begann 1892 durch die Pinneberger Firma Glismann, 1893 war das Gebäude bereits fertig gestellt. Im Kreisarchiv kann noch heute der Kaufvertrag von 1893 mit dem Siegel des königlich-preussischen Hauptzoll-Amtes Altona und der Prägung „königlich preußischer Regierungspräsident“ bestaunt werden. Das Gebäude selbst ist geprägt durch den Stil der Hannoverschen Schule. Zahlreiche kleine Türmchen mit Spitzdach zieren die Fassade. Gauben sorgen für viel Lichteinfall. Das Kreishaus beheimatet auch ein Prunkstück, nämlich einen riesigen Sitzungssaal im ersten Obergeschoss mit aufwendiger Gestaltung. Er wirkt fast königlich, doch dort wurden nicht lange die Besprechungen rund um das Stadtgeschehen abgehalten. Bereits nach 20 Jahren wurde es zu eng in dem Haus. Deshalb wurde 1916 mit Planungen für einen An- und Umbau begonnen. Diese konnten jedoch aufgrund des Einsetzens des Ersten Weltkrieges nicht verwirklicht werden. Schlussendlich zog die Kreisverwaltung um in die Moltkestraße.

1935 wurde es im Haus im Rübekamp allerdings nochmals politisch: Es wurde Sitz der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die zu dem Zeitpunkt die Kreisleitung bildete. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte die Nutzung sich kaum deutlicher von der vorigen unterscheiden: Im alten Kreishaus wurden Heimatvertriebene untergebracht und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) belegte einige Räume. Von April 1946 bis 1973 zog das Gesundheitsamt vorübergehend ein. Danach wurde das erste Kreishaus zum „Institut für Theorie und Praxis in der Schule“ und blieb es bis 1994. 1996 übernahm die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GeWoGe) die Immobilie und sanierte das historische Gebäude eineinhalb Jahre lang. Der charakteristische Baustil wurde beibehalten. 2006 ging das Gebäude an die neue GeWoGe als Rechtsnachfolger über.

Heute zeugt das Gebäude noch von vergangenen Zeiten. Die Umbauten haben den äußerlichen Charakter jedoch ein wenig verändert. Der Balkon, der einst über dem Eingang war und damit
herrschaftlich anmutete, wurde zurückgebaut. Auch die kleinen dreieckigen Gauben mit Spitzdach wurden durch Schleppdächer ersetzt.


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Am Mittwoch, 29. August, steht die Pinneberger Schule in der Lindenstraße im Mittelpunkt des letzten Teils der Serie.

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