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„Niemand wird als Mörder geboren“ : Klaus-Peter Wolf - der Erfolgsautor der Ostfriesenkrimis im Interview

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Vor der Lesung im Hamburger Kampnagel: Erfolgsautor Klaus-Peter Wolf über seine Ostfriesenkrimis.

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2017 | 10:00 Uhr

Hamburg | Die Ostfriesenkrimis mit Kommissarin Ann Kathrin Klaasen begeistern Millionen Leser und haben Klaus-Peter Wolf zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren gemacht. Seine Fanskönnen ihn am Freitag, 10. November, ab 18.30 Uhr im Rahmen des Hamburger Krimifestivals im Kampnagel live erleben. Im Interview spricht Wolf über seine Romane, ostfriesische Gelassenheit und die Gründe für seinen Erfolg.

Frage: Haben Sie damit gerechnet, dass die Ostfriesenkrimis so viele Fans finden?
Klaus-Peter Wolf: Bestimmt nicht. Wenn mir jemand prophezeit hätte, dass sich die Ostfriesenkrimis 4,5 Millionen Mal verkaufen, hätte ich ihn gefragt, ob das, was er raucht, legal ist. Den Erfolg kann ich selbst kaum fassen. Wenn ein neues Buch erscheint, bekomme ich in den ersten Wochen zwischen 250 und 300 Leserbriefen täglich. Ich freue mich riesig, dass sich die Leser mit dem identifizieren, was ich schreibe. Ihre Erfahrungen, von denen sie mir berichten, sind für meine Arbeit enorm wertvoll. In diesem Jahr habe ich mit „Ostfriesentod“ und „Totenstille im Watt“ zwei Bücher veröffentlicht. Beide sind sofort auf Platz eins in die Bestsellerliste eingestiegen. Dabei war „Totenstille im Watt“ eigentlich ein Experiment.

Inwiefern?
Ich war mir nicht sicher, ob man ein Buch ausschließlich aus der Perspektive des Täters schreiben darf und hatte keine Ahnung, ob die Fans der Ostfriesenkrimis das annehmen. Täter, Opfer, Kommissarin - eigentlich werden in meinen Büchern ganz unterschiedliche Perspektiven beleuchtet. Alle haben verschiedene Sichtweisen. Bei „Totenstille im Watt“ steht dagegen nur die Gedankenwelt des Serienkillers Dr. Berhard Sommerfeldt im Vordergrund. Ich merkte beim Schreiben, dass diese Perspektive am spannendsten und unterhaltsamsten ist. Sommerfeldts Geschichte ist eigentlich als Trilogie angelegt. Mein Verlag glaubt aber nicht, dass ich dann schon mit der Figur fertig bin. Dort wird schon befürchtet, dass irgendwann Band vier der Trilogie angekündigt werden muss.

Waren von Anfang so viele Ostfriesenkrimis geplant?
Es war von Anfang an keine Begrenzung vorgesehen. Ich wollte auf vielen Tausend Seiten ein großes Gesellschaftspanorama schaffen und von unseren Ängsten, Nöten und dem Wahnsinn, der uns umgibt, erzählen. Mein Gefühl sagte mir, dass das am ehesten durch einen Krimi gelingen kann. Wenn man später alle Bücher nebeneinander legt, soll man etwas über die Zeit erfahren haben, in der die Menschen lebten, über die ich schreibe. Aus meiner Sicht ist nichts geeigneter als der Kriminalroman, um von einer Gesellschaft zu erzählen.

Wieso bietet sich dafür gerade der Krimi an?
Man sucht immer nach den Motiven des Täters, weil man diesen sonst nicht fassen kann. So ergründe ich, was die Menschen denken und fühlen. Und da es sich bei den Ostfriesenkrimis um eine fortlaufende Reihe handelt, kann ich mich mit verschiedenen Milieus beschäftigen. Es tauchen immer wieder neue Verdächtige auf, deren Leben ich beleuchte. Das Spannende an einem Krimi ist, dass aus meiner Sicht niemand als Mörder geboren wird. Also gilt es herauszufinden, was einen Menschen dazu bringt, einen Mord zu begehen.

Sie haben vor den Ostfriesenkrimis unter anderem über eine kriminelle Jugendbande geschrieben und mit dieser zusammengelebt. Für einen Roman über Mädchenhändler tauchten Sie mit falschen Papieren zwei Jahre selbst in die Szene ein. Was ist Ihre Motivation, sich so zu engagieren?
Ich will dabei sein, um das Handeln der Menschen und ihre Zerrissenheit zu verstehen. Nur dann kann ich auch darüber berichten. Vertrauen bringt man nur jemandem entgegen, von dem man denkt, dass er zu einem gehört.

Wie entstehen die Ideen für Ihre Ostfriesenkrimis?
Die Plätze und Orte, die ich beschreibe, gibt es wirklich. Die sind teilweise zu richtigen Wallfahrtsorten für meine Fans geworden. Sogar Krimi-Führungen werden für Touristen angeboten. Auch einige der Menschen aus meinen Romanen existieren tatsächlich. Ich habe sie gefragt, ob ich sie in meine Romanen einbauen darf. Dank der realen Figuren bekommt der Leser einen viel besseren Einblick in die Gesellschaft, in der diese leben.

Wieso kommt die Hauptfigur der Ostfriesenkrimis, Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, bei den Lesern so gut an?
Das weiß ich ehrlich gesagt selbst nicht. Sogar mein Verlag ist erstaunt und erklärte mir, dass sich die Ostfriesenkrimis vom Markt völlig abgekoppelt haben. Überall gehen Buchumsätze zurück. Bei mir verkauft sich jeder neue Roman besser als der vorherige. Wieso das so ist, kann keiner sagen. Höchstens, woran es nicht liegt: Literaturkritiken in den großen überregionalen Zeitungen hat es nie gegeben. Die einzige Erklärung ist, dass sich die Bücher durch die Flüsterpropaganda meiner Leser immer besser verkaufen.

Was mögen Sie an Ihrer Hauptfigur besonders?
Dass sie so widersprüchlich ist. So hat sie beruflich mit den harten Ganoven zu tun, sammelt aber privat Bilderbücher. Das ist übrigens auch eines meiner Hobbys. Und genau wie ich ist Ann Kathrin Klaasen aus Gelsenkirchen nach Ostfriesland gekommen. Besonders gut kommt bei den Lesern übrigens auch Ann Kathrins Kollege Rupert an. Der hat sogar einen eigenen Fanklub. Dabei ist Rupert ein notorischer Schürzenjäger, der Bruce Willis und Humphrey Bogart nacheifern will und dabei kläglich scheitert. Auch mit den Vorschriften nimmt er es nicht so genau. Dafür ist er bedingungslos loyal und hilft selbst dann, wenn er dabei selbst untergeht.

Sehen Sie sich selbst inzwischen als Ostfriese?
Manche bezeichnen mich inzwischen ja sogar als einen Botschafter Ostfrieslands. Ein Teil von mir ist aber auch der Junge aus dem Ruhrgebiet geblieben, der von den Ostfriesen sehr gut aufgenommen wurde. Meine Frau und ich sind sehr glücklich, dort zu leben. Mich beeindruckt vor allem die Gelassenheit, mit der die Ostfriesen der restlichen Welt gegenüberstehen.

Klaus-Peter Wolf (64) wurde in Gelsenkirchen geboren und lebt seit 2003 als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in der ostfriesischen Stadt Norden. Seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt und mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Seine Ostfriesenkrimis haben sich längst zu einer Kultkrimireihe entwickelt. Das ZDF kaufte bereits die Filmrechte und strahlte am 1. April 2017 die Verfilmung seines Romans Ostfriesenkiller aus. Die Hörbücher zu seinen Romanen liest Klaus-Peter Wolf selbst ein. Er geht mit seinen Krimiprogrammen auch auf ausgedehnte Lesetouren. Meist begleitet ihn dabei seine Frau, die Liedermacherin Bettina Göschl mit ihren Songs. Sie hat mit ihrer Band „Die Komplizen“ eine Krimilieder-CD mit dem Titel „Ostfriesenblues“ herausgebracht. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter Maxi Wolf produziert Wolf zudem CDs für Kinder. Er hat darüber hinaus fürs Fernsehen zahlreiche Psychothriller und Kriminalfilme geschrieben, unter anderem für den „Tatort“ und „Polizeiruf 110“.
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