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Mediensucht bei Minderjährigen : Kinder fliehen in virtuelle Welten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die DAK veröffentlicht aktuelle Umfrage-Ergebnisse. 15 Prozent der 12- bis 17-Jährigen lügen, um wahren Internetkonsum zu verbergen.

Kreis Pinneberg | Der Bildschirm bannt den Blick – über Stunden. Virtuelle Onlinespiel-Welten verführen. Soziale Netzwerke verstricken in endlose Kommunikation. Essen? Freunde? Hobbys? Schule? Arbeit? Für viele Menschen mit problematischer Internetnutzung steht das nicht mehr im Vordergrund. 22 Prozent der 12- bis 17-Jährigen fühlen sich ruhelos, launisch oder gereizt, wenn sie ihre Internetnutzung reduzieren sollen. Etwa jedes zehnte Kind nutzt das Internet, um vor Problemen zu fliehen. Das bestätigt eine jetzt veröffentlichte repräsentative Untersuchung zum Internet und Computergebrauch bei Kindern und Jugendlichen im Auftrag der DAK-Gesundheit.

Für die Studie hat das Forsa-Institut 1000 Mütter und Väter umfassend zum Computergebrauch ihrer 12- bis 17-jährigen Kinder befragt. Weitere Ergebnisse: Laut der Hälfte der befragten Eltern bleibt das Kind länger online als vorgenommen. 15 Prozent der Eltern gaben an, dass ihr Kind Familienmitglieder oder andere Personen angelogen hat, um seinen wahren Internetkonsum zu verbergen.

Zwölf Prozent der Eltern gaben an, dass ihr Kind immer mehr Zeit im Internet verbringen muss, um zufrieden zu sein. Bei elf Prozent der Befragten hat das Kind mehrfach erfolglose Versuche unternommen, seine Internetnutzung in den Griff zu bekommen. Und bei sieben Prozent der Kinder gefährdet die Onlinewelt eine wichtige Beziehung oder eine Bildungschance. Dabei sind laut der Studie Jungen doppelt so häufig betroffen wie Mädchen.

In jeder dritten Familie sorgt die Internetnutzung manchmal bis sehr häufig für Streit – vor allem in Familien mit Kindern im Alter zwischen zwölf und 13 Jahren. Nach der Befragung schätzen die Eltern die private Internetnutzung der Kinder an einem normalen Werktag auf rund zweieinhalb Stunden, am Wochenende auf vier Stunden. Bei 20 Prozent der Jungen und Mädchen steigt der Internetkonsum an einem Sonnabend oder Sonntag auf sechs Stunden und mehr an.

Zu einem Infoabend zum Thema „Problematische Mediennutzung und -abhängigkeit sowie Möglichkeiten der Vorbeugung“ lädt die Suchtberatung Pinneberg im Diakonischen Werk Hamburg-West/Südholstein für den heutigen Donnerstag, 3. Dezember, um 18 Uhr ins Geschwister-Scholl-Haus, Bahnhofstraße 8, in Pinneberg ein. Um Anmeldung unter Telefon 04101-408870 wird gebeten. Die Suchtberatung Pinneberg bietet seit 2009 Hilfe zum Thema Internetsucht an. Seit Anfang 2015 halten auch alle anderen Beratungsstellen zu legalen Süchten im Kreis Pinneberg dieses Angebot vor.

Selbstständig im Internet bewegen sich die Kinder laut Studie im Alter ab zwölf Jahren, etwa ein Zehntel war jünger als zehn. Doch 71 Prozent der Eltern haben keine Regeln, an welchen Orten ihr Kind das Internet nutzen darf, 51 Prozent legen keine Nutzungsdauer fest und 32 Prozent haben keine Regeln zu den Inhalten, die ihr Kind nutzen darf. Gab es Regeln, wurden diese nur von 42 Prozent der befragten Eltern voll und ganz umgesetzt.

Insgesamt favorisieren Jungen laut der Studie Online-Spiele, Mädchen sind in sozialen Netzwerken unterwegs und chatten – auch im Kreis Pinneberg, wie Stefan Albrecht von der Suchtberatung Pinneberg im Diakonischen Werk Hamburg-West/Südholstein, bestätigt. Zu Albrechts Klientel gehören hauptsächlich Eltern mit Kindern und Jugendlichen, wie er sagt. „Es geht ab zehn, elf, zwölf Jahren los“, so der Sozialpädagoge. „Wenn sie sich aus der realen Welt zurückziehen und anderes wie Freunde, Hobbys, Pflichten vernachlässigen, die schulischen Leistungen absacken, sie unausgeglichen und übermüdet sind“, nennt er Gründe für Eltern, Hilfe zu suchen. „In den wenigsten Fällen ist es bereits eine Abhängigkeit“, sagt er. Doch es gibt auch andere Fälle. „Ich habe manchmal Leute hier sitzen, die machen seit Jahren nichts anderes, essen nicht mehr richtig, haben kaum noch reale Kontakte. Wenn jemand zehn bis 15 Stunden am Tag nichts anderes macht als Online-Spiele zu spielen, keiner Arbeit mehr nachgeht, keine Ausbildung macht – solche Fälle vermittle ich an Kliniken. Dann ist ein klarer Cut wichtig, um das Leben neu aufzubauen, neue Perspektiven zu entwickeln.“

Es gebe Menschen mit Schäden sozialer oder gesundheitlicher Art, die untergewichtig oder aufgrund von zu viel Fastfood übergewichtig seien, die Haltungsschäden hätten – und trotzdem das Internet nicht verlassen wollten. „Es gibt ähnliche Symptome wie bei anderen Süchten auch.“ Risikofaktoren, eine Internet- oder Computersucht zu entwickeln, gibt es laut Albrecht durchaus.

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„Man muss heute in der
medienüberfluteten Welt Medienkompetenz erwerben.“

Stefan Albrecht
Suchtberatung Pinneberg
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Es sei auffällig, dass Kinder, die sich in virtuelle Welten zurückziehen, häufig aus Trennungssituationen kommen oder aus Familien, in denen es Erziehungsprobleme gibt. „Virtuelle Welten sind klar überschaubar. Da können sie Anerkennung beziehen, die sie im normalen Leben nicht bekommen. Da redet ihnen keiner rein.“ Auch schüchterne Persönlichkeiten oder Kinder, die gemobbt werden, könnten im Internet eine Kompensationsform finden.

„Man muss heute in der medienüberfluteten Welt Medienkompetenz erwerben. Jeder weiß, wie schnell eine Stunde am Computer vergeht. Internet ist endlos – und billig durch Flatrates. Das macht die Gefahr aus. Man muss sich begrenzen können. Wenn man diese Kompetenz nicht hat oder etwas kompensieren möchte, wird es gefährlich“, so Albrecht. Er rät auch Eltern als Vorbilder, den eigenen Medienkonsum zu überdenken.

Das Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen gibt laut Professor Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes und Jugendalters am UKE, Empfehlungen zur  Computer- und Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen. PC-Nutzung: Sieben bis zehn Jahre: maximal 45 Minuten; elf bis 13 Jahre: maximal eine Stunde; ab 14 Jahren maximal 1,5 Stunden. Ein PC im eigenen Zimmer wird erst ab zwölf Jahren empfohlen. Regeln sollten vereinbart werden. Ein Internetzugang wird erst ab acht Jahren empfohlen. Bis zu zwölf Jahren  Internetnutzung nur unter Aufsicht. Chatten nicht unter acht Jahren, danach unter Kontrolle, ab elf Jahren sollten Regeln vereinbart werden. 
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erstellt am 02.Dez.2015 | 17:24 Uhr

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