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Suchtberaterin Anja Lohse : „Kiffen ist gesellschaftsfähig“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview: Suchtberaterin Anja Lohse über die regionale Drogenszene, Warnsignale und welche Rolle der Freundeskreis spielt.

von
erstellt am 23.Dez.2016 | 13:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Cannabisplantagen sind in den vergangenen Wochen von der Polizei gleich mehrmals im Kreisgebiet hochgenommen worden. Grund genug, um mit der Therapiehilfe Kontakt aufzunehmen. Der Verein widmet sich unter anderem der Beratung beim Konsum von illegalen Drogen. Anja Lohse, Einrichtungsleiterin der Sozialtherapeutischen Zentren in Elmshorn und Pinneberg sowie der Sucht- und Drogenberatungsstelle Wedel, spricht im Interview mit shz.de über die regionale Szene, Einstiegsdrogen und wie Eltern reagieren können, wenn ihre Kinder in die Sucht geraten.

Was macht das Hamburger Umland für Drogendealer und den Anbau von Cannabisplantagen interessant?
Anja Lohse: Als erstes natürlich, dass es Abnehmer gibt. In Elbnähe bis zur Nordsee gibt es aber auch einen fruchtbaren Boden, der nicht oft gefriert und sich für den Pflanzenanbau gut eignet. Auch für Cannabis. Daher findet man im Hamburger Umland viele Pflanzenaufzuchtbetriebe und Gewächshäuser. Außerdem spielt die verkehrsgünstige Lage an Autobahnen oder Bahnlinien eine Rolle. Schon immer waren ein paar Pflanzen für den privaten Gebrauch im Badezimmer üblich.

Wie sieht der Drogenmarkt im Kreis Pinneberg aus? Was wird konsumiert?
Unsere Zahlen basieren darauf, wer zu uns kommt. Daher kann ich nichts Verbindliches über den allgemeinen Konsum sagen. Das sind überwiegend Menschen, die merken, dass es ihnen nicht gut geht, wenn sie Cannabis genommen haben. Oder Eltern, deren Kinder Probleme mit Cannabis haben. Entsprechend ist mittlerweile Cannabis die häufigste illegale Droge. Und Cannabis ist im Grunde überall und immer zu erhalten. Nimmt man allgemein Suchtstoffe, so ist Alkohol der meistverbreitete.

Vielfach gilt Cannabis als Einstiegsdroge. Können Sie das bestätigen?
Jein. Kiffen ist zwar gesellschaftsfähig geworden und in einem bestimmten Alter fast normal. Jedoch gilt bei Cannabis wie beim Alkohol die Faustformel ungefähr zehn Prozent sind gefährdet und fünf Prozent werden abhängig. Üblich ist bei den meisten, dass sie unter der Woche Cannabis konsumieren und am Wochenende mal eine Partydroge wie Ecstasy dazu nehmen.

Wie können Eltern erkennen, ob ihr Kind eine Sucht entwickelt?
Sie merken es am ehesten daran, dass sich die Lebenswelt ihrer Kinder verändert, weil sie auf einmal mit anderen Leuten Kontakt haben. Und Dinge, die den Kindern vorher wichtig waren auf einmal absolut in den Hintergrund geraten. Das geht soweit, dass sie nur noch wenig soziale Kontakte haben. Nämlich die, um sich irgendwo Drogen zu besorgen. Es gibt immer schwierige Zeiten bei Jugendlichen – verändern sich die Interessen aber über das hinaus was andere Jugendliche machen, können das Hinweise sein. Haben sie Schwierigkeiten morgens hochzukommen und sind dafür nachts wach, sind das klassische Symptome, woran man erkennt: das wahre Leben interessiert diese Menschen nicht mehr. Sie sind im Grunde nur noch in ihrem Konsum gefangen. Und das gilt auch für Medien. Jemand, der alles vernachlässigt und nur noch spielt, hat eine Sucht entwickelt. Der soziale Rückzug ist immer ein deutliches Warnsignal. Wenn Eltern das bei ihren Kindern bemerken, gilt Alarm hoch drei.

Wie sollten die Eltern ihre Kinder darauf ansprechen?
Indem man tatsächlich seinen Verdacht äußert und sagt: Ich habe den Verdacht, dass…

 

Wie erfolgreich ist die Präventionsarbeit an den Schulen?
Alle Schulen in Elmshorn haben die Möglichkeit zur Präventionsarbeit. Wir haben alle Schulen angeschrieben und ihnen Konzepte vorgestellt. In diesem Jahr hatten wir bei unseren Veranstaltungen auch gerade den Medienkonsum im Fokus, denn der Hype um Pokémon Go passte gut dazu. Prävention macht dann Sinn, wenn sie in den Schulalltag eingebaut wird und immer wieder daran erinnert wird. Eine einzige Präventionsmaßnahme ist ineffektiv.

Welche Suchtformen sind sehr schwer zu erkennen?
Ich glaube, für Eltern sind alle Arten von Partydrogen am schwierigsten zu erkennen, weil die tatsächlich auch meist außerhalb konsumiert werden. Die Kinder kommen nach dem Wochenende müde nach Hause. Alkohol wird oft unterschätzt. Der Verlauf der Sucht ist anders: Trinken gehört oft bei gesellschaftlichen Ereignissen einfach dazu. Bei Cannabissucht gibt es andere Symptome. Meist haben die Eltern, die hier auftauchen, etwas gefunden, sie wundern sich über den merkwürdigen Geruch im Haus oder das Kind hat auf einmal rote Augen.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede im Drogenkonsum?
Ja, bei den harten Drogen wie Heroin ist die Verteilung 80 Prozent Männer, 20 Prozent Frauen. Bei Cannabissucht gab es lange deutlich mehr junge männliche Konsumenten als weibliche. Das hat sich etwas angeglichen.

Welche Rolle spielen im Kreis Pinneberg Crystal Meth oder Crack?
Gar keine. Es gibt selten mal einen Einzelfall. Glücklicherweise haben sich diese Drogen hier nicht durchgesetzt. Wo sie verfügbarer sind und hergestellt werden –also in Sachsen und an der tschechischen Grenze – werden sie mehr konsumiert.

Wie werden die Drogenkonsumenten angeworben und welche Rolle spielt der Freundeskreis?
Weitestgehend über den Freundeskreis, er spielt eine große Rolle. Eigentlich machen alle ihre ersten Konsumerfahrungen über oder mit Freunden. Manchmal wachsen ganze Freundeskreise in die Sucht hinein. Daher ist es wichtig für Eltern, dass sie darauf achten, mit wem ihre Kinder was unternehmen und ob sich da etwas geändert hat.

Welche Ausstiegsmöglichkeiten gibt es für Betroffene vor Ort?
Das hängt davon ab wie viel, wie häufig und wie lange konsumiert wurde. Als ersten Schritt sollten die Jugendlichen in die Drogen- oder Suchtberatungsstellen kommen, die es in allen Städten des Kreises gibt. Abschließend habe ich noch einen Appell an die Eltern: Achten Sie auf ihr Kind, beschäftigen Sie sich mit ihm. Reden sie regelmäßig mit ihm und beobachten Sie, ob es sich verändert. Wenn Sie hierher kommen, muss das nicht automatisch bedeuten, dass auch schon eine Abhängigkeit da ist. Wir können vielmehr besprechen, was zu tun ist und wie die Familie mit dem Verdacht umgehen kann.

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