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Pinneberger Tageblatt

24. August 2017 | 01:33 Uhr

Kreis Pinneberg : Kiffen gegen die Schmerzen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ein Tornescher raucht Marihuana zur Behandlung von Morbus Bechterew. Die Bundesopiumstelle hat 300 Ausnahmegenehmigungen erteilt.

Kreis Pinneberg | Wenn er an seinem Joint zieht, dann nicht, um sich dem Rausch hinzugeben oder eine Rebellion anzuzetteln. Der 63-jährige Dieter L. (Name von der Redaktion geändert) aus Tornesch kifft gegen die Schmerzen. Seit 40 Jahren leidet er an Morbus Bechterew, einer schmerzhaften, chronisch verlaufenden entzündlich-rheumatischen Erkrankung, die sich vor allem an der Wirbelsäule auswirkt.

Damit ist der 63-Jährige nicht der einzige Marihuana-Raucher aus gesundheitlichen Gründen. Seit 2005 erteilte die Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ganz offiziell 300 chronisch kranken Patienten in Deutschland eine Genehmigung zum therapeutischen Erwerb von Cannabisblüten oder Cannabisextrakt in der Apotheke.

Die Ausnahmegenehmigungen der Bundesopiumstelle

Seit 2005 werden in Deutschland nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf Antrag Ausnahmegenehmigungen zum Erwerb von Cannabisblüten / Cannabisextrakt in einer der mehreren hundert Apotheken mit entsprechender Erlaubnis durch die Bundesopiumstelle erteilt. Von den 500 bisher gestellten Anträgen wurden 300 genehmigt, so die Angaben eines Sprechers der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Bedingung sei, dass keines der auf dem Markt zugelassenen Medikamente mehr helfe. Ein Team von Schmerztherapeuten entscheide über die Anträge und berate Patienten über mögliche Alternativen. Über Cannabis heißt es seitens der Bundesopiumstelle: „Selbstverständlich ist es ein anerkanntes Schmerzmittel“, doch sei es bisher auf dem Markt nicht zugelassen. Studien müssten erfolgen, entsprechende Anträge gestellt werden. Derzeit beziehe man das Cannabis für die deutschen Schmerzpatienten aus dem kontrollierten Anbau eines Betriebs in den Niederlanden, das einen immer gleichen THC-Wirkstoffgehalt gewährleiste. Nur auf diese Weise sei eine medizinisch sinnvolle und qualitätsgesicherte Therapie möglich. Es gebe zwei deutsche Importeure mit entsprechender Genehmigung. Die Krankenkassen erstatten die Kosten nicht.

Die Betroffenen leiden an chronischen Schmerzen sowie einer Vielzahl von Erkrankungen wie Multipler Sklerose, dem Tourette-Syndrom, Morbus Crohn, HIV oder dem Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Syndrom. Zudem sorgte im Juli ein Urteil des Verwaltungsgerichts Köln für Schlagzeilen, indem es befand, dass auch der Eigenanbau von Cannabis zu therapeutischen Zwecken in Einzelfällen genehmigt werden kann.

Eine Petition auf der Internetseite des Deutschen Bundestags – unter anderem mit der Forderung, dass Strafverfahren gegen Patienten im Zusammenhang mit einer durch einen Arzt bescheinigten notwendigen medizinischen Verwendung von Cannabisprodukten grundsätzlich eingestellt werden – erreichte hingegen nicht die notwendige Zeichner -Zahl.

Die Gesetzeslage

Wird jemand im Besitz von Cannabis erwischt, folgt laut Polizeidirektion Bad Segeberg immer ein Strafverfahren. Besaß der Beschuldigte weniger als sechs Gramm und treibe keinen Handel, komme eine Einstellung durch die Staatsanwaltschaft nach §31a BtMG ohne weitere Bestrafung in Betracht. Generell erfolge eine Mitteilung an das Straßenverkehrsamt, die bei regelmäßigem Cannabiskonsum in der Regel die Fahrerlaubnis entziehe.

 

Dieter L. bleiben die gesundheitlichen Beschwerden im Alltag. „Es ist kaum möglich zu erklären, welche Schmerzen ich manchmal habe“, so der 63-Jährige. Die Krankheit sucht ihn in tückischen Schüben heim – seit fast 40  Jahren. „Früher bin ich auch mitten in der Nacht vor Schmerzen aufgestanden, habe Kopfhörer aufgesetzt und laut Musik gehört.“

Heilbar ist Morbus Bechterew nicht. „Sie können höchstens Glück haben, dass die Krankheit zum Stillstand kommt“, so Dieter L.. Mögliche Folgen der Erkrankung: die teilweise, im Endstadium auch vollständige Versteifung der Gelenke. Dazu kommt eine oft mehr oder weniger nach vorn gebeugte Haltung und eine Brustkorbstarre, die das Atemvolumen einschränkt.

Die Diagnose im Alter von 24 Jahren löste bei Dieter L. ein Wechselbad der Gefühle aus. „Es war wie ein Schlag vor den Bug“, so der 63-Jährige. Zwei, drei Jahre haderte er mit sich. „Ohne meine Frau hätte ich es nicht überstanden“, sagt der Vater einer erwachsenen Tochter. Mit 41 Jahren schickte sein Arbeitgeber den Elektromechaniker, der jahrelang auch politisch und gewerkschaftlich aktiv war, in Rente.

 

Verzweiflung? Die kennt er zu gut. Konventionelle Arzneimittel auch. „Seit Ende der 1970er Jahre habe ich verschiedene Medikamente durch. Ich habe auch opiumhaltige Medikamente verschrieben bekommen. Da soll mir mal einer erzählen, dass das nicht süchtig macht.“

Starke Nebenwirkungen verschiedener Pillen beeinträchtigten ihn sehr. Der Pharma-Industrie hat er inzwischen weitestgehend abgeschworen. Doch die Schmerzschübe blieben. Mit ihnen kam die Erinnerung an das Gras zurück, das er 1970 das erste Mal geraucht hatte. „Es war eine Fete mit Arbeitskollegen. Da ging ein Joint rum. Danach habe ich nicht mehr geraucht.“

Inzwischen gehört Marihuana zu seiner persönlichen Schmerztherapie. „Manchmal rauche ich einen Monat gar nicht, dann kann es wiederum sein, dass ich jeden Tag einen Joint durchziehe“, beschreibt Dieter L. seinen Konsum. Abhängigkeit erlebe er nicht.

Deutlich merke er, dass seine Schmerzen durchs Kiffen nachlassen. „Ich habe eine höhere Lebensqualität. Ohne Gras wäre meine Situation wahrscheinlich schlechter.“

Wie geht das Umfeld damit um? Dieter L. lacht. „Einige rauchen mit, andere nicht. Ich habe noch nie einen aufgeklärten Menschen getroffen, der es kritisiert hätte.“ Zu schaffen mache ihm, dass er sich sein persönliches Schmerzmittel auf dem Schwarzmarkt besorgen müsse – und damit kriminalisiert werde. Der legale Weg über die Bundesopiumstelle? Dieter L. hält ihn für zu umständlich, an zu viele Bedingungen gebunden. Er selbst sei ihn deshalb nie gegangen.

Dass Marihuana für Jugendliche Gefahren berge und nicht in deren Hände gehöre, sei ihm bewusst. Dass man den Konsum mündigen Erwachsenen – insbesondere Schmerzpatienten – untersage, sei für ihn anhand der Beispiele aus Ländern wie den Niederlanden oder selbst einiger US-Bundesstaaten jedoch nicht zu erklären.

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erstellt am 27.Sep.2014 | 14:00 Uhr

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