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Doppelinterview : Kerstin Seyfert (CDU) und Karin Prien (CDU) über Kitas und weiterführende Bildungseinrichtungen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Senkung der Schulabbrecherquote, Förderung leistungsstarker Schüler und Minimierung des Unterrichtsausfalls - einige der Themen über das die Politikerinnen mit uns gesprochen haben.

von
erstellt am 28.Apr.2017 | 14:00 Uhr

Pinneberg | Senkung der Schulabbrecherquote, Förderung leistungsstarker Schüler, Minimierung des Unterrichtsausfalls, Verbesserung der Arbeitssituation von Lehrern – das sind Themen, die Sie als Ministerin für Bildung in einer CDU-geführten Regierung angehen wollen. Wie, Frau Prien?
Karin Prien: Dafür ist eine Fülle an Maßnahmen erforderlich, sowohl an den Gymnasien als auch an den Gemeinschaftsschulen. Dazu gehört zum Beispiel, dass man die Fächer Physik, Chemie und Biologie wieder einführt und das Fach Naturwissenschaften als ein Misch-Masch, in dem jeder Lehrer seine eigenen Spezialitäten unterrichtet und letztlich die Stärken der MINT-Fächer auf der Strecke bleiben, abschafft. Gleiches gilt für das aus meiner Sicht nicht gelungene Misch-Fach Weltkunde. Auch hier gilt es, Geschichte, Politik und Erdkunde wieder eigenständig zu unterrichten. Zudem wollen wir wieder eine Schulartempfehlung für eine weitere Schulform am Ende der Grundschulzeit einführen und den Eltern über Noten ab der dritten Klasse eine klarere Rückmeldung über den Leistungsstand ihres Kindes geben. Insgesamt wird es darum gehen, ein Klima an den Schulen zu schaffen, bei dem Lust am Lernen und Lust an Leistung bestehen.
Kerstin Seyfert: Zudem wollen wir die Durchlässigkeit wieder herstellen, also den einfachen Wechsel von der Gemeinschaftsschule aufs Gymnasium und andersherum. Und wir wollen das Sitzenbleiben wieder erlauben für Schülerinnen und Schüler, die mehr Zeit brauchen.

Wie möchten Sie den Unterrichtsausfall minimieren und die Lehrer entlasten?
Prien: Wir müssen schauen, wieviel die Lehrer arbeiten und wo wir sie von der Bürokratie entlasten können. Dafür wollen wir eine Untersuchung in Auftrag geben.
Seyfert: Wir wollen den Schulleitern die Möglichkeit geben, die Schulen wirklich zu leiten, so dass sie nicht noch nebenbei unterrichten müssen. So können sie sich auf die Verwaltungsarbeit konzentrieren und die Lehrer werden von Verwaltungsarbeit entlastet und können sich so ihrer originären Aufgabe, dem Unterrichten, zuwenden.

In den vergangenen Jahren wurden landesweit viele Schulen um- oder gar neu gebaut, unter anderem angepasst auf die Schülerentwicklung nach der Berechnung einer achtjährigen Gymnasiumszeit. Nun wollen Sie das Abitur nach neun Jahren wieder flächendeckend einführen. Heißt das, es wird erneut alles auf den Prüfstand gestellt?
Prien: Es geht bei der Einführung von G9 nicht darum, die Schulstruktur zu verändern, sondern um mehr Zeit fürs Lernen. Dies ist der Wunsch, den sehr viele Eltern und Schüler haben – und es ist ein Anliegen, das so wichtig ist, dass wir bereit sind, Geld dafür in die Hand zu nehmen. Ich sehe den Schwerpunkt aber im Bereich der Lehrer, nicht bei den Immobilien. Es geht dabei darum, mehr Qualität an die Schulen zu bringen – und das ist aller Mühen wert.
Seyfert: Wir planen die Umsetzung erst zum Schuljahr 2018/19. Somit haben wir noch genügend Vorlaufzeit. Wir werden uns mit allen Beteiligten zusammensetzen und schauen, wie wir es für alle zufriedenstellend umsetzen können. Wir machen keine Politik von oben herab, so wie es von Rot-Grün-Blau jahrelang gemacht wurde.

Insbesondere in Pinneberg fehlt es an den finanziellen Mitteln, um die Schulen sofort und ausreichend zu sanieren. Wie steht es denn um die Ausstattung der Einrichtungen in der Region?
Seyfert: Halstenbek ist gut aufgestellt, dort wurde viel investiert. Auch in Schenefeld ist die Situation zufrieden- stellend. In Pinneberg gibt es natürlich das große Problem der Schulbausanierung, das über Jahre verzögert wurde – teilweise auch der Haushaltslage geschuldet. Das muss schleunigst geändert werden. Mit der Kreisberufsschule Pinneberg haben wir allerdings die modernste Berufsschule Schleswig-Holsteins. Mein bisher größtes Projekt, das ich in meiner kommunalpolitischen Tätigkeit umsetzen konnte. Wir haben dort eine komplett digitale Ausstattung – und diese wünsche ich mir für alle Schulen im Land. Digitale Ausstattung ist einfach die Zukunft. Außerdem werden wir den Kommunen Geld aus Landesmitteln für Schulsanierungen zur Verfügung stellen.

Wenn Sie alle Themen gleichzeitig angingen: Was würde das kosten?
Prien: Das werden wir uns sukzessive anschauen müssen. Wir wollen dazu eine Studie in Auftrag geben. Ich kann so viel an dieser Stelle sagen: Es besteht eine große Bereitschaft, in Bildung zu investieren.

Und was würden die erneuten Änderungen für die Schülerschaft bedeuten?
Prien: Wir würden Schüler früher fördern, schon im Grundschulbereich. Somit würden sie bereits mit einem höheren Regelstandard in die weiterführende Schule starten und hätten eine größere Chance, einen guten Bildungsabschluss zu erlangen. Und sie hätten mehr Lernzeit, insbesondere am Gymnasium. Das würde ihnen helfen, eine vertiefte allgemeine Bildung zu erlangen und es wäre mehr Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung da.
Seyfert: Wenn wir die Kinder aus der Grundschule entlassen, müssen sie weitestgehend auf einem Stand sein. Beispiel Englisch: Aktuell wird schnell einmal ein halbes Jahr benötigt, um die Kinder auf ein Level zu bringen, weil an einigen Schulen die Sprache „spielerisch“ vermittelt wird, an anderen gibt es hingegen richtigen Unterricht. Wir haben hier ein enormes Ungleichgewicht.

Laut der jüngsten Studie des Instituts zur Qualitätssicherung im Bildungswesen steht Schleswig-Holstein in den Fächern Deutsch und Englisch auf Platz zwei.
Seyfert: Ich finde solche Erhebungen immer schwierig zu bewerten. Wer sich in der Wirtschaft umhört, hört dagegen immer wieder, dass sich junge Menschen bewerben, die noch nicht einmal die Rechtschreibung beherrschen. Das habe ich auch schon häufiger erlebt. Deshalb frage ich mich, wo es falsch läuft, und weitergedacht, dass wir das dringend ändern müssen.

Das heißt, dass alle Schulabschlüsse wieder mehr gefördert werden müssen.
Prien: Es ist in den letzten Jahren so eine Art Manie entstanden, dass man erst Mensch wird, wenn man ein Abitur erlangt. Das halten wir für falsch. In der Welt werben wir für die duale Ausbildung und viele dieser Ausbildungen kann man gut mit einem qualitativ hochwertigen mittleren Schulabschluss absolvieren – nur leider wird zu wenig getan, um diesen zu stärken. Es gibt viele Schüler, für die ist der Weg über einen guten mittleren Schulabschluss und eine dualen Ausbildung und dann möglicherweise in einem durchlässigen Bildungssystem auch noch eine Ausbildung zum Meister zu machen oder ein Bachelorstudium zu absolvieren, der richtige Weg.

Sind die Anmeldezahlen an den Kreisberufsschulen in Pinneberg und Elmshorn denn in den vergangenen Jahren rückläufig gewesen?
Seyfert: Nein. Wir sind nach wie vor sehr gut ausgelastet.

Die Verantwortung für die Kindertagesstätten möchte die CDU wieder ins Bildungsministerium holen. Warum?
Prien: Kindertagesstätten sind nicht nur Betreuungs-, sondern auch Bildungseinrichtungen. Es geht dort darum, Kinder möglichst gut auf die Schule vorzubereiten, unter anderem im Bereich der Sprachförderung, und um sonderpädagogische Förderbedarfe zu ermitteln. Umso früher ich diese entdecke, desto früher kann ich ihnen bessere Startchancen bieten.
Seyfert: Wir wollen den Betreuungsschlüssel von 1,5 auf zwei Stellen erhöhen und den Beruf für Männer attraktiv machen. Es muss über Gehaltserhöhungen nachgedacht werden. Ganz wichtig ist auch eine höhere Wertschätzung des Berufes in der Gesellschaft.

Woran liegt es, dass die Erzieher seit jeher deutlich schlechter bezahlt werden als etwa Lehrer?
Prien: Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass wir die sozialen und Erzieherberufe früher nicht so sehr geschätzt haben. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Kindertagesstätten zunächst nur Betreuungseinrichtungen waren. Die Kitas haben mittlerweile eine andere Bedeutung bekommen und eine andere Wertschätzung – und diese drückt sich in Geld aus. Da müssen wir ran. Das wird schmerzhaft sein, weil es viel kosten wird. Zudem müssen wir die Erzieher künftig auch noch besser qualifizieren.

Kerstin Seyfert, 1964 geboren, lebt seit 1969 in Pinneberg. Die Mutter zweier erwachsener Kinder ist Marketing- und PR-Referentin. Die Christdemokratin ist Mitglied des Pinneberger Kreistags und leitet den Schulausschuss, nun kandidiert sie im Wahlkreis 24 (Pinneberg, Schenefeld, Halstenbek) um ein Landtagsmandat. Karin Prien, 1965 geboren, ist seit 1994 Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Wirtschafts- und Insolvenzrecht. Aktuell ist die verheiratete Mutter zweier Kinder Vize-Vorsitzende der CDU-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg sowie Mitglied im Schattenkabinett von CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther.
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