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Pinneberger Tageblatt

22. November 2017 | 23:14 Uhr

Keine Gratis-Kunst für Pinneberg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Empörung Kulturschaffende lehnen Pläne der Stadt ab / Appell an die Politik, Künstler nicht auszubeuten

von
erstellt am 08.Jul.2017 | 16:24 Uhr

Der Vorschlag eines Bürgers ist wohl nett gemeint gewesen: Künstler sollen ihre Kunstwerke für den öffentlichen Raum in Pinneberg kostenlos zur Verfügung stellen. Klar, dass die Mitglieder des Kulturausschusses während ihrer jüngsten Sitzung die Idee großartig fanden. Pinnebergs Kassen sind klamm.

Doch jetzt gibt es Gegenwind von den Kulturschaffenden: „Ich ringe noch nach dem richtigen Adjektiv. Obszön kommt dabei aber in die engere Wahl, um diesen geplanten Aufruf richtig zu beschreiben“, sagt Karl-Heinz Boyke, Sachverständiger für Kunst im öffentlichen Raum des Bundesverbandes Bildender Künstler – Landesverband Schleswig Holstein.

Grundsätzlich müsse man es begrüßen, dass in Pinneberg die Kultur einen höheren Stellenwert haben soll. Auch die Kunst im öffentlichen Raum hätte in dieser Stadt – und auch andernorts im Land – eine höhere Präsenz verdient, zumal sich mittlerweile neue Kunstströmungen etabliert haben.

„Das Land schmückt sich mit einer Kunsthochschule und anderen Lehreinrichtungen – doch für die Absolventen sind ganze Aufgabenfelder eingebrochen. Die meisten Kreativen müssen sich mit Nebenerwerben oder Jobs über Wasser halten“, sagt Boyke. Der Besuch eines Jobcenters sei dabei nicht selten. „Und nun sollen diese Künstler für Pinneberg ihre Kunst umsonst in den Raum stellen. Bestimmt sollen diese Kreativen auch gleich die Kosten für die Aufstellung selbst tragen, schließlich könnte es ja eine Werbung für sie und ihr Werk sein. Warum nicht gleich noch eine Standgebühr kassieren?“, so Boyke gallig.

Auch eine Künstlerin oder ein Künstler haben permanente Kosten, wie Atelier- beziehungsweise Werkstattmiete, und auch Werkzeuge, Material und Logistik wollen bezahlt werden, so der Sachverständige. Im Internet kursiere gerade eine humorige Analogie: Die Künstler könnten doch auch gern im Restaurant kostenfrei Steaks essen oder sich von C&A einkleiden lassen. Urlaubsflüge für umsonst – was für eine Utopie.

„Den Verantwortlichen in der Stadt Pinneberg kann man nur empfehlen, sich diesen ausbeuterischen Gedanken nicht zu eigen zu machen. Viel besser wäre doch zu begreifen, dass sich eine Investition in Kunst und Kultur durchaus rechnet.“ Nicht nur, dass die Gelder für ein Objekt großenteils in den Wirtschaftskreislauf zurückfließen, auch das lokale Business profitiere von einem kulturellen Klima. In Pinneberg sei mit der Drostei oder der Kunstremise ein qualitätsvoller Anfang gemacht. „Jetzt nur nicht aufgeben. Kunst muss aber fair bezahlt werden.“

Pinnebergs Lichtkünstlerin Gisela Meyer-Hahn sieht das genauso. „Das ist unmöglich. Das wäre so, als würde der Bäcker seine Brötchen morgens umsonst hergeben.“ Die Künstler lebten von dem, was sie machen. „Es ist ein Beruf“, so Meyer-Hahn.

„Das geht gar nicht. Jeder Künstler ist ein kleines Unternehmen. Und jedes Unternehmen muss Umsatz machen“, sagt Künstlerin Marion Inge Otto-Quoos alias Mioq. Kunst könne man nicht für lau in die Landschaft stellen.

Mioq regt darüber hinaus an, zu reden: „Was ist Kunst? Was bringt es für die Städte?“ Die Pinneberger Künstlerin ist der Meinung, dass Denkblockaden verändert werden müssten.

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