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Pinneberger Tageblatt

19. August 2017 | 23:09 Uhr

Pinneberg : Kein Geld für die Klinikclowns

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Dachverband fordert öffentliche Zuschüsse, um häufiger helfen zu können. Das Angebote gibt es unter anderem in Pinneberg.

Pinneberg | Die rote Nase sitzt. Und kaum hat er sie übergestülpt, grinst Rolf Steschulat über beide Wangen. Der 87-Jährige liegt auf der neurologischen Station der Regio Klinik in Pinneberg und sagt lachend: „Ich bin doch ein großes Kind, da ist es einfach toll, dass jemand kommt und mich zum Lachen bringt.“

Für Bettina Gläske, die an diesem Nachmittag als Elli Spirelli über die Flure des Klinikums geht, ist das keine neue, aber immer wieder eine schöne Erfahrung. „Viele ältere Patienten würden gern mehr von uns Klinikclowns sehen und hören“, sagt die 47-Jährige. Und ihr Kollege Torsten Kiehne ergänzt: „Der Bedarf ist riesig.“

Denn immer mehr Klinikclowns, die es an fast allen Krankenhäusern im Norden gibt, wollen nicht mehr nur für Kinder spielen, sondern auch Erwachsenen beim Gesundwerden helfen. „Jeder Patient sollte seinen Clown haben“, sagt Gläske als sie mit einem Hut und bunten Klamotten von Krankenzimmer zu Krankenzimmer geht.

Allein das Geld ist das Problem – vor allem für professionelle Clowns, die ihren Beruf über mehrere Jahre gelernt haben. 100 Euro bekommt Gläsker für einen zweistündigen Auftritt, An- und Abreise, Kostüm und Utensilien muss sie selber beisteuern. „Hauptberuflich machen das nur ganz wenige von uns“, sagt die Frau, die im „Brotberuf“ IT-Spezialistin ist. Und auch eine langfristige Planung sei kaum möglich, denn die Clowns seien ausschließlich von Spenden abhängig, die ihnen ihre Auftritte ermöglichen. Doch die gibt es nicht immer regelmäßig. In Pinneberg treten die Clowns zur Zeit zweimal im Monat auf, in größeren Kliniken manchmal häufiger. „Und es ist nötig, dass unsere Auftritte vernünftig entlohnt werden“, fordert Torsten Kiehne.

Deshalb hat der Dachverband der Clowns in Medizin und Pflege, bei dem die beiden Mitglied sind, bereits vor dem Kanzleramt in Berlin demonstriert und öffentliche Unterstützung für die Klinikclowns gefordert. Ein erster Schritt sei das, aber die Clowns rechnen mit einem längeren Prozess, um der Politik Gelder abzuringen. Die Clowns verweisen auf eine repräsentative Studie nach der 76,3 Prozent der Deutschen fordern, in Krankenhäusern professionelle Klinikclowns einzusetzen, um die Patienten von ihrem Leid abzulenken. Nun bereitet der Dachverband eine Petition an den Bundestag vor. Denn viele Krankenhäuser können die Clowns nicht finanzieren. „Wir überlegen, das Angebot mit Hilfe unseres Fördervereins auch für erwachsene Patienten auszuweiten“, sagt Georg Opgenoorth, Pflegedirektor des Klinikums in Pinneberg. Dass die Arbeit der Clowns Teil einer Therapie ist, ist mittlerweile unbestritten. Gerade demente Patienten ließen sich aufheitern, etwa durch einen trotteligen Clown, der auch viel vergisst, das aber überhaupt nicht schlimm findet, sagt Torsten Kiehne, der zu Beginn seiner Clownskarriere oft in Seniorenheimen aufgetreten ist. „Dann ist die eigene Erkrankung für manche Menschen auch leichter zu ertragen.“

Denn die Clowns sind oft genug auch kleine Psychologen. „Wir wissen meist nicht genau, woran die Patienten leiden – und jedes Zimmer ist eine neue Bühne auf der man nur wenige Minuten Zeit hat“, sagt Kiehne. Seine Bühne im Zimmer von Rolf Steschulat räumt er, in dem er erstmal gepflegt gegen einen Tisch läuft. Den Patienten freut die Slapstick-Einlage und am Ende singt er mit den beiden Clowns lauthals „In Hamburg sagt man tschüüüß“. Manchmal ist es so leicht, ein Lächeln ins Gesicht derer zu zaubern, die sonst nicht viel zu Lachen haben.

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erstellt am 09.Sep.2014 | 13:00 Uhr

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