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Pinneberger Tageblatt

19. November 2017 | 07:54 Uhr

„Karl-Arsch“ nicht gewinnen lassen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Lesung Bei der Veranstaltungsreihe der Initiative für Brustgesundheit gastierte die Sachbuchautorin Nicole Staudinger

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2017 | 16:02 Uhr

Es gibt unterschiedliche Namen für diese Art von Wucherung in der Brust. Mammakarzinom sagen Mediziner, die meisten sprechen von Brustkrebs. Nicole Staudinger hat einen anderen Namen gefunden: Karl-Arsch. Vor viereinhalb Jahren trat Karl-Arsch in ihr Leben. Unter der Dusche, beim Abtasten der eigenen Brust.

Staudinger hat über ihre Erkrankung das Buch „Brüste umständehalber abzugeben“ geschrieben, aus dem sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Brustkrebs Früherkennung bis Nachsorge – Wir tun laufend was dafür“ im Kollegiumssaal des Rathauses vorgelesen hat. Die Reihe wird organisiert von der Initiative Brustgesundheit Elmshorn.

Staudinger liest nur Passagen aus ihrem Buch; die meiste Zeit erzählt sie frei – und beginnt noch vor dem Punkt, als der Krebs sie überraschte. Damals verkaufte sie Anzeigen für ein Magazin. „Spannende Arbeit, viele internationale Kunden“ – doch Staudinger wollte etwas verändern. An einem Morgen rief sie deshalb ihren Mann an. „Sag mal Hasi, wie ist das, schaffen wir das mit nur einem Gehalt?“ Um 6.22 Uhr habe sie nach dem Telefonat mit ihrem Mann aufgelegt. „Da habe ich um 6.25 Uhr meinen Chef angerufen und gekündigt.“

Staudinger erzählt offen, scherzt und lässt immer wieder das Publikum selbst zu Wort kommen. Schon nach wenigen Minuten erkennt der Zuschauer in ihr eine taffe, mutige Frau, die weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen ist. Wie kann solch eine Frau ins Trudeln geraten?

Sie ließ sich zu einer Trainerin ausbilden, gibt ein erstes Seminar für Frauen zum Thema Schlagfertigkeit und hat so großen Erfolg, dass sie kurz danach für das kommende Jahr ausgebucht ist. „Das war gerade vier Wochen nach der Premiere meines Programms. Ich stehe unter der Dusche und denke, was habe ich für ein Glück. Und dann ist er da.“

Staudinger erzählt von der ersten Panik, von den bangen Stunden zwischen den Untersuchungen und wie sie das erste Mal ihrem Sohn erklären musste, dass sie krank ist. Besonders viel erzählt sie aber von ihren Begegnungen mit Ärzten. „Ich kann jetzt nicht sterben, Herr Doktor, ich habe Kinder“, habe sie einem klargemacht.

Staudinger lässt bei ihrer Lesung nichts aus. Sie erzählt von Verzweiflung und wie sie tagelang in einem Tief festhang, heulte, Depressiva wollte, sich „in einer Minute ins eigene Grab dachte“. Das besondere an dem Abend ist aber, das Staudinger keine Betroffenheitsshow liefert. Es geht ihr nicht darum, Mitleid zu erregen, sondern im Gegenteil – Staudingers Botschaft ist plakativ: Kopf hoch.

Diese Perspektive erreicht sie vor allem durch Humor. So erklärt sie etwa, wie sie depressive Phasen überstanden hat: „Ich würde ihnen gerne sagen, da helfen intelligente Sachen wie ein gutes Buch lesen oder ein Besuch im Museum. Stimmt aber nicht. Bei mir hilft nur shoppen.“ Gelacht und geschmunzelt wird an diesen Abend oft im Publikum. Aber ebenso oft spürt man als Zuschauer einen Kloß im Hals, etwa wenn Staudinger von ihren Kindern erzählt und davon, dass sie fürchtet sie im Stich zu lassen.

Sich nicht unterkriegen lassen – ebenso wichtig sei der Autorin aber auch, Gefühle zuzulassen und zu akzeptieren, das man sich schlecht fühlt mit solch einer Diagnose. „Es ist okay“, sagt sie immer wieder. Einen wichtigen Gedanken, den sie ihren Zuschauern mit auf den Weg gibt, lautet deswegen, sich selbst zu beobachten, zu akzeptieren, weniger bange in die Zukunft zu schauen und weniger an sich selbst zu bemängeln. Dies raube Energie und verstelle den Blick für das wirklich wichtige im Leben. „Ich habe mein Leben lang Angst vor Brustkrebs gehabt. Das hat nicht dafür gesorgt, dass ich ihn nicht bekommen habe. Es hat nur dazu geführt, dass ich die Zeit, in der ich gesund war, nicht richtig genießen konnte.“

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