Kantor, Chorleiter und Komponist

Er gibt in der Rellinger Kirchengemeinde den Ton an: Oliver Schmidt.
Er gibt in der Rellinger Kirchengemeinde den Ton an: Oliver Schmidt.

Oliver Schmidt (45) ist seit 2011 für Musik in Rellingens Kirche verantwortlich / Eine Annäherung an einen Rastlosen

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24. August 2018, 16:00 Uhr

Er ist ein Menschenfreund, ein Energiebündel und sehr glücklich. Gerade zurückgekommen aus den Flitterwochen, die er mit Ehefrau Claudia unter anderem in der Bretagne verbracht hat, ist Oliver Schmidt „der glücklichste Mensch der Welt“.

Zwei Aufgaben sind ihm wichtig: Zum einen „richtig gute Musik“ zu machen, zum anderen das Wohlfühlen innerhalb des Ensembles. „Es soll musikalisch passen“, sagt der 45-Jährige mit einer Überzeugung in der Stimme, die gleichzeitig einen Wesenszug von ihm spiegelt: „Man ist Teil des großen Ganzen“, sagt er bescheiden.

Kein leichtes Unterfangen, dieses große Ganze zu einem harmonischen Miteinander zu verknüpfen, denn im Rahmen seiner Tätigkeit als Kantor der Rellinger Kirchengemeinde leitet er drei Chöre – den Gospeltrain, den Posaunenchor und die Kantorei. Damit nicht genug: Projekt für nächstes Jahr ist die Gründung eines Kammerchores.

Ein Arbeitspensum für Zwei. Wohl aber nicht für das unerschöpfliche Energiebündel mit der graublonden Haarmähne, die wohl ebenso schwer zu bändigen ist wie sein Bewegungsdrang, der beim Dirigieren zu Höchstform aufläuft.

Seit fast 37 Jahren ist der in Darmstadt geborene und in Düsseldorf aufgewachsene Schmidt der Musik verbunden. Dieses nicht nur, weil er im Alter von acht Jahren seinen ersten Klavierunterricht erhielt und später im Rahmen seines Kirchenmusikstudiums Orgel studierte: Der Grundstock für seine Musikbeseeltheit wurde auch durch familiäre Vorbilder gelegt. Denn sein Opa war Dirigent an der Deutschen Oper Berlin, Oliver Schmidts Vater spielte Klavier und Geige. „Er hat mir viel Musikverständnis vermittelt.“

Mit zwölf Jahren stellt sein Musiklehrer bei ihm das absolute Gehör fest. „Ich kenne keine schlechte Note“, sagt er und schwärmt von den Lieblingskomponisten Bach und Schostakowitsch, von deren Dichte in der Musik. „Spannend ist es, eine inhaltliche Linie zu finden“, antwortet Schmidt auf die Frage nach der inhaltlichen Arbeit, etwa Oratorienarbeit mit dem Chor für Aufführungen. Dabei passt er das Arbeitstempo bei den Proben auch an die jeweilige Stimmung an, ist geduldig. „Ungeduldig bin ich nur mit mir selber.“ Und: „Die Energie bei einer Chorprobe steht nach Sekunden fest“.

„Die religiöse Überzeugung ist die Grundlage, um Inhalte gut zu vermitteln“, ist er sich sicher und ergänzt: „Musik bringt Farbe in den Gottesdienst“.

Und warum der Norden Deutschlands? „Seit 1992 lebt meine Familie in Halstenbek“, so Schmidt. „Eines Tages berichtete mir meine Schwester von einer frei gewordenen Stelle in der Kirchengemeinde. Als ich die Rellinger Kirche erblickte, fing ich Feuer.“

Komponieren, nicht nur zu sonntäglichen Gottesdiensten, sondern auch für Kammerbesetzung oder großes Orchester, gehört zu Schmidts Leidenschaften. Seine Kompositionen reichen „quer durch den Garten“, manchmal vertont er auch Gedichte wie etwa Hermann Hesses „Stufen“. Zurzeit arbeitet er an Stücken für ein Streichquintett.

Trotzdem: Er will davon nicht groß Aufhebens machen. Tätig sein, friedliches und angenehmes Zusammenarbeiten mit anderen Menschen, bestimmen sein Handeln. Die Musikbeseeltheit ist seine Triebfeder.

Aber sein Leben ist darüber hinaus ein Ganzes, geformt aus Rheinländischer Frohnatur, Bodenständigkeit und geistig-künstlerischem Tatendrang. Zunächst studierte er Jura, „doch die Musik wurde immer wichtiger“. Tatsächlich arbeitete Schmidt noch während er in der Oberstufe für die Schule büffelte, nebenberuflich als Kirchenmusiker, legte die Nebenamtsprüfung ab.

Der Schritt, Kirchenmusik an der Folkwang-Schule in Essen zu studieren, war da nur die logische Konsequenz. Nach dem Kirchenmusikdiplom 2010 schloss Schmidt 2011 das Studium mit dem A-Examen ab. Seit April 2011 ist er als Kantor an der Rellinger Kirche tätig. „Die letzten vier Monate, bis ich die Prüfung beendet habe, bin ich zwischen Düsseldorf und Rellingen gependelt“.

Doch neben seinem unglaublichen Pensum einer etwa 70-Stunden-Woche, ist Schmidt beileibe kein Worcaholic, bleibt Privatmensch: „Es ist wichtig, Zeit für meine Frau und deren 13-jährigen Sohn zu haben.“ Außerdem geht er gemeinsam mit seiner Claudia joggen und liest viel, gern über Politik. Seine jüngste Lektüre war übrigens „Wohlstand ohne Wachstum.“

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