„Kafka kann noch Antworten geben“

Lehrer aus Leidenschaft an der THS: Gunther Müller-Niesters (links) und Wolfram Michaelis. Sie sagen: „Heute wird mehr auf soziales Lernen und Methoden geachtet.“
Lehrer aus Leidenschaft an der THS: Gunther Müller-Niesters (links) und Wolfram Michaelis. Sie sagen: „Heute wird mehr auf soziales Lernen und Methoden geachtet.“

Von alten Klassikern bis zur Corona-Krise: Interview mit zwei Vollblut-Pädagogen der Theodor-Heuss-Schule in Pinneberg

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28. April 2020, 20:02 Uhr

Im vergangenen Jahr hat die Theodor-Heuss-Schule (THS) in Pinneberg ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Jahrelang mussten Lehrer und Schüler allerdings Bauarbeiten in Kauf nehmen. Jetzt kommt auch noch die Corona-Krise dazu. Wie findet unter solchen Bedingungen Unterricht statt? Welche Lerninhalte werden den Schülern vermittelt? Redakteur René Erdbrügger hat zwei Vollblut-Pädagogen der THS zu diesen Themen befragt: den Deutschlehrer Gunther Müller-Niesters und den Lateinlehrer Wolfram Michaelis.

Welche Rolle spielt der Computer in Zeiten von Corona?
Gunther Müller-Niesters: Er spielt eine riesengroße Rolle. Die Kommunikation mit den Schülern findet derzeit über Computer und bei den Kleinen über E-Mail statt. Bei der Infrastruktur ist Pinneberg recht weit hinten. Eine Schwierigkeit ist die Chancengleichheit. Es gibt eine Gruppe von Kindern, die im häuslichen Umfeld nicht die Möglichkeit hat, einen Rechner zu benutzen. Außerdem gibt es Inhalte, die recht schwer online zu vermitteln sind. Aber wir arbeiten daran.
Wolfram Michaelis: „Ich erprobe zu Hause das virtuelle Klassenzimmer. Es geht jeden Tag ein bisschen besser. Schüler und Lehrer der THS kommunizieren über das Internetportal Fronter. Außerdem habe ich an einer Online-Fortbildung für Lehrkräfte durch Fobizz teilgenommen. Wir haben täglich ein Kollegengespräch im virtuellen Klassenzimmer.

Rückblick: Lange Zeit sah es an der THS wie auf einer Baustelle aus. Hat das den Unterricht beeinflusst?
Michaelis: Wir haben natürlich weiter unterrichtet, und die Schüler haben zu Recht ein vollgültiges Abiturzeugnis erhalten.
Müller-Niesters: Das hat den Unterricht schon beeinträchtigt. Der Kollege hat das etwas beschönigend dargestellt. Wenn Klausuren geschrieben wurden, war nebenan der Bohrmaschinenlärm zu hören oder draußen der Verdichter. Das hat sehr gestört, Unterricht ist da sehr schwer möglich gewesen. Wir freuen uns natürlich sehr, dass jetzt alles fertig ist.


Wie sind die Schüler damit umgegangen?
Michaelis: Die Kinder haben das hingenommen, weil sie ihre ganze Schulzeit daran gewöhnt sind. Der Mensch ist anscheinend leidensfähig. Der Umbau und die Sanierung haben lange gedauert, aber am Ende hat sich das Warten doch noch gelohnt.
Müller-Niesters: Wenn man die Schüler jetzt fragt: „Was verbindet ihr mit Schule?“, lautet die Antwort häufig: „Baustelle.“
Lassen Sie uns über Pädagogik reden. Was hat sich verändert im Vergleich zu früher?
Michaelis: Es wird mehr auf soziales Lernen und Methoden geachtet.
Müller-Niesters: Das kann ich unterstreichen. Heute begleitet man die Schüler noch viel stärker in ihrer Schullaufbahn als früher. Es finden viel mehr pädagogische Konferenzen, Elterngespräche, Beratungsgespräche und Lernvereinbarungen statt. Das gab es so in meiner Anfangszeit nicht.
Michaelis: Es gibt einen anderen Umgang mit den Schülern. Beispiel: Mitteilung des Notenstands. Ich habe die Noten früher in einer Minute heruntergelesen, heute bespreche ich sie mit jedem Schüler zwei, drei Minuten vor der Tür.

Ist es heute schwerer, Lehrstoff zu vermitteln?
Müller-Niesters: Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass gerade die Jüngeren sich immer schwerer damit tun, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren. Das hat vielfältige Ursachen. Insbesondere der Umgang mit den neuen Medien spielt dabei eine große Rolle.
Michaelis: Die Ansprache an die Schüler und Schülerinnen ist eine andere, auch die Medien und Methoden sind zahlreicher geworden. Ich schaffe nicht alles, was ich will, aber mein Beruf macht mir heute mehr Spaß als früher.

Welchen Einfluss haben die sozialen Medien?
Michaelis: Einen sehr großen. Wir begleiten die Schüler unter anderem durch eine Medienprävention, die regelmäßig stattfindet. Während einer Projektwoche werden zwei Tage reserviert. Die Schüler der zehnten Klassen zeigen den Siebtklässlern dann Tipps und Tricks, um Gefahren im Internet zu vermeiden. Das machen wir jedes Jahr. Im Fach WiPo gibt es außerdem dazu einen Themenbaustein.
Müller-Niesters: Nichtsdestotrotz merkt man, dass gerade die Jüngeren mit diesen Medien überfordert sind. Stichwort: Whatsapp-Klassengruppen. Die Schüler benutzen diese schon an der Grundschule und wechseln dann aufs Gymnasium. Sie können die sozialen Medien aber noch nicht so nutzen wie die Erwachsenen und entsprechend gibt es auch Schwierigkeiten. Wir versuchen sie dann, wie der Kollege erläutert hat, so gut es geht zu unterstützen.

Ist klassischer Unterrichtsstoff wie die Schriften von Kant, Kafka und Cicero noch zeitgemäß?
Michaelis: Der Stoff hat immer noch und immer wieder Aktualität. Die Aneignung wird natürlich anders gestaltet, vieles machen dabei die Schüler selbst.
Müller-Niesters: Selbstverständlich spielen die genannten Autoren eine Rolle im Unterricht. Kant und Kafka sind für die Schüler heute noch auf ihre Art faszinierend. Auf bestimmte Fragen, die sich heute noch stellen, können sie Antworten geben und Perspektiven aufzeigen.
Michaelis: Früher waren der trojanische Krieg und die Odyssee Homers vielen bekannt, heute lernen sie sie gegebenenfalls im Unterricht kennen. Manchmal saugen sie alles auf wie ein Schwamm. Es sind superintelligente und superfleißige Schüler dabei.



>Morgen: Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Vorbereitung in der Schule auf das Berufsleben und die Einflussnahme der Politik.

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