65 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland : Jüdisches Gemeindeleben blüht auf

Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg, führt durch das Gemeindezentrum.
Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg, führt durch das Gemeindezentrum.

Streifzug durch die Geschichte: Alisa Fuhlbrügge und Wolfgang Seibert sprechen über Verfolgung und Neubeginn im Kreis Pinneberg.

shz.de von
18. Juli 2015, 15:00 Uhr

Pinneberg | Morgen feiert der Zentralrat der Juden in Deutschland seinen 65. Geburtstag. Für die mehr als 300 jüdischen Einwohner im Kreis Pinneberg ist die Institution auch auf lokaler Ebene von besonderer Bedeutung. „Es ist ganz wichtig, dass man eine politische Vertretung auch gegenüber der Bundesregierung hat. Der Vorsitzende des Zentralrats wird in vielen Dingen gehört. Zusammen hat man mehr Möglichkeiten, sich durchzusetzen“, sagt Alisa Fuhlbrügge (77), Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Elmshorn. Sie und auch Wolfgang Seibert (67), Leiter der jüdischen Gemeinde Pinneberg, erwähnen umfangreiche Fortbildungsangebote vom koscheren Kochen bis zur Gottesdienstführung. Seibert ergänzt, dass der Zentralrat beispielsweise auch die Renovierung des Pinneberger Gemeindezentrums finanziell unterstützt habe.

Heute gehören zur Pinneberger Gemeinde mehr als 260 Mitglieder sowie mehr als 50 zur Gemeinde in Elmshorn. Die meisten stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie erhielten als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge in den 1990er Jahren dauerhaftes Bleiberecht. 70 Prozent mache ihr Anteil in der Pinneberger Gemeinde aus. Doch Seibert zählt neben Deutschen auch Menschen aus den USA, Frankreich, Südamerika und Israel zu seinen Gemeindemitgliedern. Fuhlbrügge nennt Frankreich und Israel als Herkunftsländer einiger Mitglieder.

In beiden Gemeinden ist die Berücksichtigung der hebräischen, deutschen und russischen Sprache in den Gottesdiensten selbstverständlich. Hebräisch spreche allerdings kaum jemand, sagen die Vorsitzenden. „In der Sowjetunion war Religion nicht erwünscht. Menschen, die sie auslebten, mussten mit Repressalien rechnen. In großen Städten gab es ein paar jüdische Vorzeigegemeinden. Ansonsten sind sie sehr unterdrückt worden“, sagt Seibert. Auch das Wissen über Religion inklusive Brauchtum habe brachgelegen.

Mit der wachsenden Zahl jüdischer Einwohner im Kreis kam es sowohl in Pinneberg 2002 als auch 2003 in Elmshorn zur Gründung jüdischer Gemeinden. Über Jahre waren sie zuvor zu Gottesdiensten nach Hamburg oder Bad Segeberg gependelt, so auch Gründungsmitglied Seibert. Er blickt zurück: „Das Problem war: Wir waren alle ziemlich ratlos, wie man eine Gemeinde führt. Es stellten sich Fragen wie: Was braucht man, um einen Gottesdienst zu organisieren? Wo kriegt man die Gebetsbücher und Ritualgegenstände her?“ Zum Start habe es große Unterstützung der Gemeinde Bad Segeberg gegeben. „Dann mussten wir ins kalte Wasser springen und haben massiv dabei gelernt.“ Seibert hat seit März 2003 den Vorsitz seiner Gemeinde inne, bei Fuhlbrügge laufen bereits seit der Gründung die organisatorischen Fäden in Elmshorn zusammen. Für beide Gemeinden war die Integration der Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion von Anfang an sehr wichtig. Deutschkenntnisse für den Alltag vermitteln, beim Bewältigen des westlichen Lebens helfen, Religionsunterricht, Hilfe bei Arzt- und Behördenbesuchen, Ausflüge ins schleswig-holsteinische Lebensumfeld – vieles ist bis heute Bestandteil der Gemeindearbeit, die zuvor über Jahrzehnte brachgelegen hatte.

Alisa Fuhlbrügge, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Elmshorn, zeigt die Thorarolle in der Synagoge. (Foto: Jankowski)
Alisa Fuhlbrügge, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Elmshorn, zeigt die Thorarolle in der Synagoge. (Foto: Jankowski)
 

Fuhlbrügge blickt auf die jüdische Geschichte Elmshorns zurück. Die erste offizielle Erwähnung jüdischen Lebens habe es 1685 gegeben, als Behrend Levi in einem Schutzbrief unter anderem die Erlaubnis erhielt, sich in Elmshorn anzusiedeln, seine Religion auszuüben und Handel zu treiben. Aus dieser Zeit stamme auch der alte jüdische Friedhof in der Feldstraße, die damals noch außerhalb der Stadtmauern gelegen habe. Eine neue Synagoge wurde 1845 im Flamweg gebaut, in dem traditionell viele Juden ansässig waren – bis die Nazis ihre Schatten über Elmshorn warfen.

In der Pogromnacht am 9. November 1938 seien die Synagoge in Brand gesetzt und alle jüdischen Männer ab 18 Jahren nach Sachsenhausen gebracht worden. Viele seien erst nach Monaten entlassen worden. Gequält, krank. „Wer ausreisen konnte, ist ausgereist, manche zogen um, manche wurden deportiert“, sagt Fuhlbrügge. „Eine Reihe von Stolpersteinen liegen vor den Häusern.“ An der Stelle der zerstörten Synagoge ist heute ein Gedenkplatz zu finden.

Die Stunde Null, die Öffnung der Mauer und die Zusammenführung der Gemeinden in Ost und West, die Integration der Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion: Vor diesen Herausforderungen stand der Zentralrat der Juden in Deutschland nach eigenen Angaben im Laufe seiner 65-jährigen Geschichte. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts hat er vor allem die Aufgabe, die Interessen seiner Mitglieder nach Außen zu vertreten, heißt es auf der Internetseite des Zentralrats. Aber auch die Förderung und Pflege religiöser und kultureller Aufgaben der jüdischen Gemeinden ist seit den Anfängen Hauptaugenmerk. Der Zentralrat zeichnet sich durch aktive Beteiligung  am politischen und gesellschaftlichen Leben in der Bundesrepublik Deutschland aus und bemüht sich, gegenseitige Achtung und Verständnis zwischen Juden und Nichtjuden zu fördern. Am 19. Juli 1950 erfolgte die  Gründung in Frankfurt am Main. Die Delegierten kamen aus den bereits existierenden jüdischen Gemeinden der vier Besatzungszonen. Zum Zeitpunkt der Gründung lebten noch etwa 15.000 Juden in Deutschland. Erster Sitz des Zentralrats wurde Frankfurt am Main, später befand er sich in Düsseldorf und noch später in Bonn. Seit 1999 liegt der Hauptsitz in Berlin. Zum Zentralrat  gehören 101.300 Mitglieder, die in 108 Gemeinden in den Landes- oder Mitgliedsverbänden organisiert sind. Präsident ist seit November 2014 Dr. Josef Schuster. www.zentralratdjuden.de

1941 wurde die jüdische Gemeinde geschlossen. Erst 2003 kam es zur Neugründung. Gottesdienste fanden zunächst in den Räumen der katholischen Kirche statt, ab 2004 in angemieteten Räumen in der Holstenstraße. „Es war eine klassische Hinterhofsituation. Wir haben niemanden gesehen, von uns hat auch niemand Notiz genommen. Wir hatten kein Gesicht in der Stadt“, sagt Fuhlbrügge. Das änderte sich 2012 mit dem Umzug in den Flamweg, der seit Jahrhunderten reich an jüdischer Geschichte ist. Als Fuhlbrügge dort die Räume in einem Wohnhaus besichtigte, fiel ihr sofort der kunstvoll mit Holz verzierte Erker auf, in den Davidsterne geschnitzt sind. Heute ist das der Platz für die Thorarolle, die handgeschriebenen fünf Bücher Mose. Mindestens zweimal pro Woche führt Fuhlbrügge inzwischen Schulklassen durch die Räume und die Synagoge der Gemeinde. „Mir macht das ziemlich viel Spaß“, sagt die Vorsitzende. Für interessierte Besucher stehen sowohl die Türen der Elmshorner als auch der Pinneberger Gemeinde immer wieder offen.

Über die jüdische Geschichte Pinneberg ist wenig bekannt. „Vor 1938 gab es in Pinneberg keine Gemeinde, nur vier oder fünf jüdische Familien“, sagt Seibert. „Im Zweiten Weltkrieg sind ein oder zwei Familien nach Amerika gegangen. Mehr weiß ich nicht.“ Bisher sei nicht nachvollzogen, ab wann es in Pinneberg jüdisches Leben gegeben habe. Doch ein sehr dunkles Kapitel der Geschichte Pinnebergs im Nationalsozialismus kennt er sehr wohl. „In Pinneberg gab es eine Selektionsanstalt für sogenannte Geisteskranke, in der hauptsächlich jüdische Frauen untersucht und ermordet wurden.“ Das sei in offiziellen Forschungsdokumenten vor mehr als 30 Jahren festgehalten worden. In dem Gebäude nahe der Autobahnabfahrt Pinneberg-Süd sei heute ein Altenheim. Wer damals Träger war, wisse man nicht. „Es sind sehr viele Akten vernichtet worden“, sagt Seibert.

Seit der Gemeindegründung hat sich in Pinneberg ein intensives Gemeindeleben entwickelt, das in den Anfängen in Rathaus- und Kirchenräumen aufblühte und seit 2010 im Gemeindezentrum im Clara-Bartram-Weg einen festen Platz im gesellschaftlichen Leben der Stadt einnimmt. Seibert rechne damit, dass die Gemeinde aufgrund von Zuwanderungserleichterungen für Menschen aus Russland und der Ukraine weiter wachsen werde. Fuhlbrügge sieht mit Blick auf den Nachwuchs allerdings besorgt in die Zukunft. Der Zufluss der Menschen aus Osteuropa habe abgenommen. „Alle jüdischen Gemeinden kämpfen um junge Mitglieder“ , sagt sie. Und die Kinder der Elmshorner Mitglieder studierten quer in Europa. „Ob sie nach Elmshorn zurückkommen? Eher nicht.“

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