Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg. Hier vor drei Jahren vor einer Führung durch das Gemeindezentrum.

Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg : „Jüdische Identität wurde geprüft“

Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg. Hier vor drei Jahren vor einer Führung durch das Gemeindezentrum.

Anwalt von Wolfgang Seibert gibt Stellungnahme ab. Landesverband sieht noch Klärungsbedarf.

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27. Oktober 2018, 16:00 Uhr

Wolfgang Seibert, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pinneberg, ein Betrüger und Hochstapler? So stand es in einem Beitrag des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, der in der vergangenen Woche erschienen war. Nach Tagen des Schweigens haben Seibert und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein nun Stellung genommen. Trotzdem bleiben viele Fragen offen.

Die Vorwürfe in der Rückschau: Die „Spiegel“-Autoren hatten nach Belegen für Seiberts nicht-jüdische Herkunft gesucht. Das Ergebnis ihrer Recherche ist unter anderem, dass seine Großeltern und Eltern Protestanten waren, Seibert selbst protestantisch getauft wurde. Auschwitzüberlebende hat Seibert demnach nicht in der Familie. Stattdessen waren sein Vater und dessen Vater in der Wehrmacht. Außerdem sei Seibert mehrfach verurteilt worden, weil er einen Frankfurter Buchhandel betrogen und sowohl beim Kreisjugendring mit Sitz in Barmstedt als auch bei den Grünen im Kreis Pinneberg in die Kassen gegriffen habe und sie so um fünfstellige Summen brachte. Die „Spiegel“-Journalisten behaupten, Seibert habe Zugriff auf den Gemeinde-Etat. Sie suggerieren, dass davon auch seine Partnerin, die einen Pflegedienst leitet, profitiere.

Seibert hat nun die Konsequenzen gezogen. „Um Schaden von meiner Gemeinde abzuwenden, trete ich als Vorsitzender zurück“, sagte er gestern auf Anfrage. Der Landesverband verschickte eine knappe Stellungnahme. darin heißt es: „Der Landesverband dankt Wolfgang Seibert, dass er seine Funktionen im Landesverband und in der Gemeinde Pinneberg mit sofortiger Wirkung aufgibt, um weiteren Schaden abzuwenden. Die Gemeinde Pinneberg wird bis zu den vorgezogenen Vorstandswahlen kommissarisch geleitet durch die Geschäftsführerin des Landesverbandes.“ Darüber hinaus verweist er auf die Erklärung von Seiberts Anwalt. Der Sachverhalt befinde sich weiter in Prüfung.

Zu den Straftaten erklärt Seiberts Kieler Anwalt Alexander Hoffmann: „Seine strafrechtlichen Verurteilungen liegen mehr als 25 Jahre
zurück. Er (Wolfgang Seibert, Anm. d. Red.) hat sie verbüßt und nicht verheimlicht.“ Zur Behauptung, Seibert habe Zugriff auf die Gemeindekasse und verfüge somit über viel Geld, heißt es: „Diese Unterstellung ist unzutreffend. Herr Seibert hat keinerlei Zugriff auf solche Gelder.“ Stattdessen fließe Geld vom Land Schleswig-Holstein an den Landesverband der jüdischen Gemeinden. Dieser stelle den Gemeinden Geld für Miete, Strom und Heizung zur Verfügung. In Pinneberg seien in diesem Zusammenhang keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden. Seibert selbst bekomme kein Geld. Der Landesverband lege in Zusammenarbeit mit einem Steuerbüro beim Kieler Kultusministerium Rechenschaft über die Etats der Gemeinden ab.

Zur Zugehörigkeit Seiberts zum Judentum schreibt der Jurist: „Im Artikel der Zeitschrift Spiegel wird über die Religionszugehörigkeit der leiblichen Eltern von Herrn Seibert berichtet, nicht jedoch von der Religionszugehörigkeit seiner Pflegeeltern, die jüdisch waren. Die Teilinformation bzw. das Weglassen anderer Information führt zu einem falschen Bild.“ Seiberts jüdische Identität sei insgesamt dreimal überprüft und bestätigt worden, zuletzt 2016.

Der Vorwurf der erfundenen Auschwitzgeschichte seiner Familie wird nicht entkräftet. Stattdessen gibt es einen allgemein gehaltenen Absatz: „In einigen Punkten, Vorträgen, öffentlichen Stellungnahmen oder Darstellungen hat Herr Seibert überzogen. In diesem Zusammenhang fühlten sich Einzelpersonen persönlich beleidigt. Dafür möchte sich Herr Seibert entschuldigen.“ Der Vorsitzende des Landesverbands, Walter Blender, sagte dazu auf Anfrage: „Das Thema ist noch nicht abgeschlossen. Es laufen weitere Prüfungen.“

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