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„Humor ist häufig auch Notwehr“ : Jon Flemming Olsen über sein neues Album und sein Alter Ego

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Interview: Jon Flemming Olsen, auch bekannt als Ingo aus der Kultserie „Dittsche“, hat sich Zeit für ein Interview genommen.

Hamburg | „Von ganz allein" heißt das gerade erschienene zweite Solo-Album von Jon Flemming Olsen, dem Publikum auch als Imbissbudenbesitzer Ingo in der Kultsendung „Dittsche“ und Mitglied der Band Texas Lightning bekannt. Sein aktuelles Album „Von ganz allein“ präsentiert Olsen am heutigen Sonntag, 14. Mai, ab 19 Uhr bei einem CD-Release-Konzert im Hamburger Schmidtchen. Im Interview spricht der Musiker über die neuen Songs, Imbissrecherchen, seinen ganz persönlichen Humor und Auftritte im Wohnzimmer.

Was ist das Besondere an Ihrem neuen Album?
Es bedeutet mir sehr viel, weil es mein erstes Album ist, das komplett in Eigenregie ohne die Unterstützung einer Plattenfirma entstanden ist. Dazu passt auch der Albumtitel „Von ganz allein“. Als die ersten Songs entstanden, bin ich noch gar nicht davon ausgegangen, dass daraus eine komplette CD wird. Ursprünglich wollte ich nur mein Live-Repertoire erweitern.

War es schwierig, alles ohne Unterstützung auf die Beine zu stellen?
Na ja, es war vor allem viel, viel mehr Arbeit. Einen erheblichen Teil der Produktion konnte ich durch ein Crowdfunding finanzieren – was wunderbar funktioniert hat und eine tolle Erfahrung war. Erst hinterher hab ich realisiert, welches Risiko ich damit eigentlich eingegangen war. Hätte ich die Funding-Summe nicht erreicht, wäre ja alles auf null zurückgefallen und das Projekt wäre gescheitert. Das wäre natürlich nicht nur extrem peinlich gewesen. Ich hätte mich auch fragen müssen, für wen ich dieses Album denn überhaupt machen möchte. Gott sei Dank war das Projekt dann am Ende ein großer Erfolg – mit unglaublicher Anteilnahme und Begeisterung der Unterstützer. Viele, die ich gar nicht persönlich kenne, haben mir immer wieder Mut gemacht. Aus dieser Aktion sind viele Wohnzimmerkonzerte entstanden, die ich im Moment spiele und mit denen ich mich bei den Helfern bedanke.

Wie ist es, in Wohnzimmern aufzutreten?
Das Verrückte ist: Wenn Sie mir diese Frage noch vor ein paar Jahren gestellt hätten, hätte ich gesagt, dass mir so etwas zu eng ist und zu nah tritt. Aber dieses Klaustrophobie-Gefühl ist heute komplett verschwunden – ich genieße diese Abende total! Ich weiß vorher nie, was mich erwartet. Manchmal muss ich die Gäste erst noch von mir überzeugen, weil sie mich und meine Musik gar nicht kennen. Und in so einem Setting geht das nur, wenn man mit sich und Liedern wirklich eins ist. Wer hier versucht, eine Show abzuziehen, fliegt unweigerlich auf. Bei meinem kleinsten Wohnzimmerkonzert hab ich vor elf Gästen gespielt, beim größten waren mehr als 70 dabei – jeder mit eigenem Klappstuhl. Das ist so herrlich, ich hab jetzt beschlossen, diese kleinen Konzerte weiterhin anzubieten.

Wie viel von Ihnen selbst steckt in den neuen Songs?
In jedem der Songs steckt eine Menge von mir. Das ist ähnlich wie bei Büchern. Niemand schreibt Romane, in denen nicht seine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen einfließen. Und gleichzeitig gab es gerade beim Schreiben dieser Lieder oft Momente, wo ich hinterher keine Ahnung hatte, wo dieser Satz oder diese Zeile jetzt gerade herkommt – sozusagen von weit weg und doch aus dem Innersten. Das hat schon etwas Mystisches. Alle Songs sind übrigens auf zwei Reisen entstanden. Die erste nach Amsterdam, dann nach Kopenhagen. Das hatte ich in dieser Form vorher noch nie gemacht. Eine sehr spannende Erfahrung.

Viele Songs sind nachdenklich und eher melancholisch. Entspricht das Ihrem eigenen Charakter?
Nicht nur. Ich lache auch sehr gerne, aber Humor ist häufig eben auch eine Notwehrmaßnahme, um mit schlimmen, schwierigen Dingen zurecht zu kommen. Um die Tragik der Welt zu verkraften. Nicht umsonst gibt es so viele Witze über Donald Trump. Dahinter steckt ja auch eine Menge Verzweiflung. Also auf meine Person bezogen: Natürlich ist das Bild vom traurigen Clown ein uraltes Klischee. Dennoch hat es einen wahren Kern. Und ein bisschen davon trifft wohl auch auf mich zu. Das zeigt sich an meinen Songs. Wer mein Album hört, erfährt wie ich bin.

Sie sind Grafiker, Schauspieler und Musiker. Was bringt am meisten Spaß?
Schwer zu sagen. Ich bin froh, dass ich auf so vielen Gleisen durchs Leben schlittern kann. Im Herzen bin ich aber am ehesten Musiker. Das ist meine Grundlage: Komposition, Dynamik, Tempo, Melodie. Nicht umsonst wird Kunst auch immer mit solchen Begriffen beschrieben.

Viele kennen Sie als Imbissbesitzer Ingo aus der Kultserie „Dittsche“. Welche Eigenschaft hätten Sie gern von Ingo?
Was in der Welt passiert, nimmt Ingo zwar wahr, aber es ficht ihn nicht sonderlich an. Letztendlich ist er dafür viel zu sehr mit seinem Laden und dem eigenen Überleben beschäftigt. Es würde mir manchmal wahrscheinlich gut tun, etwas von seiner Robustheit zu haben – nicht so durchlässig zu sein. Viele Dinge gehen mir oft sehr nah. Ich bin aber überwiegend ganz zufrieden mit mir.

Sie haben ein Buch über Imbisse geschrieben. Wie kam es dazu?
Die Buchidee hatte ich 2009, da war ich zwar schon ganz gut in die Figur des Ingo hinein gewachsen. Dennoch hatte ich überhaupt keinen Schimmer, wie es sich anfühlt, wirklich in einem Imbiss zu arbeiten. Darüber hinaus fand ich es spannend, diese letzten Läden in Deutschland zu suchen, die noch diese unverwechselbare Mischung aus Trostlosigkeit und Heimeligkeit ausstrahlen. Von diesem Kontrast lebt ja auch der Charme von „Dittsche“. An dem Buch habe ich ein Jahr gearbeitet und dabei einen Monat lang in 16 Imbissen in ganz Deutschland mitgearbeitet. Tragische Figuren, lustige Erlebnisse, Begegnungen, die an die Nieren gingen – was ich erlebt habe, hat mich enorm berührt.

In „Dittsche“ müssen Sie viel improvisieren. Sind Sie auch privat ein spontaner Typ?
Ohne Improvisation geht kein Alltag. Insofern sind wir alle Improvisationskünstler. Aber eigentlich bin ich eher ein Planer. Zehn Sachen in einen Rucksack zu werfen und zu schauen, wohin der Wind mich treibt, hab ich noch nie gemacht. Wahrscheinlich wäre ein solches Experiment gerade deshalb sehr sinnvoll für mich.

Für einen Hamburger haben Sie einen ungewöhnlichen Vornamen. Gibt es dänische Verwandte?
Ich habe wohl dänische Wurzeln. Die liegen allerdings schon ein paar Jahrhunderte zurück. Und da meine Eltern eine Vorliebe für nordische Vornamen haben, heiße ich eben Jon Flemming. Wobei der „Flemming“ bei mir nicht nur ein Vorname, sondern auch der Rufname ist. Das muss ich immer erklären. Mein Name bräuchte eigentlich einen Beipackzettel.

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erstellt am 14.Mai.2017 | 10:00 Uhr

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