Hamburgs Ballett-Intendant im Interview : John Neumeier: „Für mich ist Tanzen der Glaube an eine Philosophie“

Seit 1973 in Hamburg: Ballett-Chef John Neumeier.
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Seit 1973 in Hamburg: Ballett-Chef John Neumeier.

Hamburgs Ehrenbürger und Ballett-Intendant John Neumeier im Interview mit shz.de.

shz.de von
27. Januar 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | John Neumeier lässt kurz warten. Er hat gerade eine der ersten Proben zu seinem neuen Ballett „Beethoven-Projekt“ hinter sich gebracht, das im Juni Premiere haben soll. Nun muss er die Eindrücke noch ein wenig nachwirken lassen, bevor er in seinem Büro im Ballettzentrum Hamburg zum Gespräch empfängt. Es ist alles eine Frage der Zeit. Seit 1973 ist Neumeier (78) schon an der Elbe, erst als Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Balletts, seit 1996 auch als Ballett-Intendant an der Staatsoper.

Inzwischen ist er einer der bedeutendsten und gefragtesten Choreografen seiner Zunft. Seine Ballette werden überall auf der Welt getanzt. „Anna Karenina“ wird zur Zeit an Moskaus Bolschoi geprobt und alsbald in Toronto, die „Kameliendame“ in Warschau. Überall wird er die Endproben persönlich abnehmen. Anfang Februar gastiert Neumeier mit seiner Compagnie für acht Aufführungen in Tokio und Kyoto. Zu Japan hat der im US-Bundesstaat Wisconsin geborene Tänzer und Choreograf eine besondere Beziehung. Nicht nur, weil er dort 2015 mit dem Kyoto-Preis für Kunst und Philosophie ausgezeichnet wurde. Seit seiner ersten Gastspielreise 1986, als er in der „Matthäus-Passion“ selbst den Christus tanzte, sei er „fasziniert von den traditionellen Theaterformen in diesem Land und überhaupt von seiner traditionellen Art, mit Menschen umzugehen“, sagt er, und auch von Japans „Poesie und dem Geheimnis seiner erhabenen Kultur“.

Neumeier wollte damals unbedingt sein Schlüsselwerk um das christliche Thema von Schuld und Vergebung präsentieren, obwohl die Veranstalter Buddhisten und anfangs nicht so begeistert waren. Die Aufführung stand dann ganz unter seinem Eindruck vom Besuch der Gedenkstätten in Hiroshima zum Atombombenabwurf 1945: „Ich war tief berührt und völlig fertig“, erzählt Neumeier, „alle haben danach irgendwie begriffen, dass die Aufführung wichtig für mich war“.

Frage: Wie kommt ein US-Teenager im biederen Milwaukee der fünfziger Jahre an ein Buch über den großen russischen Ballettmeister Vaslav Nijinski und findet darüber seine große Liebe zum Ballett?
John Neumeier: Das war Teil einer Entwicklung. Meine ersten Eindrücke von Ballett hatte ich aus Musikfilmen, in denen ich einfach eine Beziehung zu Tanz und Bewegung entdeckte. Dann gab es alljährlich Tourneen von Ballettcompagnien, die nach Milwaukee kamen. Es muss eine Art Instinkt gewesen sein, als ich meine Eltern das erste Mal gebeten habe, mich in so eine Ballettvorstellung mitzunehmen.

Wann war das?
Da war ich wohl acht Jahre alt, es war das Ballet Russe de Monte Carlo und für mich wirklich ein großes Ereignis. Danach wollte ich mehr wissen, ich war neugierig. Da man bei uns aber nicht wie in Europa ständig ins Ballett gehen konnte, weil es höchstens drei oder vier Vorstellungen im Jahr gab, habe ich in einer Bibliothek gesucht, was ich über Ballett lesen konnte. Unter den drei, vier Büchern war „The Tragedy of Nijinski“. Durch dieses Buch bekam ich eine Idee davon, was hinter diesem Tänzer und hinter den wunderschönen Schöpfungen auf der Bühne stand. So fing das an.

Galten Ballett und Tanz damals nicht als brotlose Kunst?
Es galt auf jeden Fall als etwas Exotisches. Wir kannten in unserer Familie ja keine Tänzer und niemanden, der mit diesem Beruf zu tun hatte. Aber das Wundervolle war, dass, obwohl mein Vater Schiffskapitän war und meine Mutter Hausfrau, beide so verständnisvoll waren, dass sie nicht im Wege stehen wollten.

Haben die nicht gesagt: „Junge, lern erst mal was Ordentliches?“
Doch, ziemlich deutlich sogar. Deswegen bin ich auch auf die Universität gegangen. Und weil ich dachte, vielleicht haben sie Recht und ich muss mich erst mal vielseitig bilden. Aber sie haben nicht verboten, dass ich dieses Ballettinteresse weiter verfolgte. Als ich dann selbst Tanzen wollte, haben sie mich mit Stepptanz anfangen lassen. Wahrscheinlich haben sie gedacht, so etwas kennen wir wenigstens aus Filmen, das ist nicht so mysteriös wie Ballett.



70 Jahre später werden Sie mit Nijinski in einem Atemzug genannt, haben über 150 Ballette choreographiert. Gibt es für Sie noch Herausforderungen?
Natürlich, denn die Herausforderung kommt immer von innen. Es geht nicht darum abzuhaken, was man erreicht hat, nach dem Motto, das war Moskau Bolschoi, das war American Ballett Theater oder die Pariser Oper. Sondern es geht um die große Frage: Hab ich noch was zu sagen. Als physisch kreativer Künstler, der mit anderen Menschen und nicht zum Beispiel mit Farben oder Worten kreieren muss, hat man immer Zweifel, ist da noch was, das von innen kommt. Im Moment habe ich noch das Gefühl – ja.

Sie bezeichnen Ballett als Kommunikation in der Gegenwart, anders als etwa Literatur, die oft erst Jahre später zu Ruhm kommt. Was heißt das?
Wenn bei „Romeo und Julia“ der Vorhang aufgeht, interessiert man sich nicht für Julia Capulet, das 14-jährige Mädchen, das im Verona der Renaissance gelebt hat, sondern man interessiert sich für die Tänzerin, die man sieht, ob sie mit Gefühlen überzeugt, in diesem Moment in einem zeitlosen Geschehen. Ich kann „Romeo und Julia“ auch ohne Kostüme machen, und es müsste mich rühren. Bei der Choreografie von „Anna Karenina“ war für mich zum Beispiel wichtig, dass Tolstois Roman damals in der Gegenwart spielte. Er schrieb ja keinen historischen Roman, sondern einen in der Jetzt-Zeit.

Sie haben Ihre künstlerische Arbeit mal als „Balance zwischen Grausamkeit und Erbarmen“ charakterisiert . . .
Hab ich das wirklich gesagt? Ich habe damit wohl diese Grausamkeit gemeint, wenn man vor einem neuen Werk steht, wie jetzt beim „Beethoven-Projekt“, und nicht genau weiß, ob es funktioniert. Man weiß ja nie, wie es wird. „Anna Karenina“ war zum Beispiel ein großer Erfolg. Aber danach kam wieder die Frage: Habe ich den Mut, noch mal in die Arena zu steigen und mich zu versuchen? Oder soll ich es lieber bleiben lassen und sagen, jetzt ist genug. Es gibt ja keinen Weg, eine Kreation zu sichern.

Sie sind der weltweit dienstälteste Chef einer Ballettcompagnie. Was ist der besondere Reiz an Hamburg?
Ich glaube, die Entwicklung der Compagnie, das ist das Wichtigste. Die Tatsache, dass hier Bewegung ist, dass hier Werke entworfen werden und in die Welt rausgehen. Als ich 1973 anfing, haben wir vielleicht 40 Vorstellungen pro Jahr getanzt, jetzt sind es allein 90 an der Staatsoper und bis zu 30 auf Tourneen. Das ist ein großer Sprung. Der zweite Grund ist das Ballettzentrum mit der Schule und nicht zuletzt das Bundesjugendballett. Ich bin vielleicht schon 45 Jahre hier, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es lange ist. Denn Hamburg ändert und entwickelt sich ständig.

Sind Sie nie in Versuchung gekommen, neue Herausforderungen an anderen Bühnen anzunehmen?
Doch, die gab es natürlich. Mir ist das Ballett an der Pariser Oper zweimal angeboten worden, für Wien gab es fast einen fertigen Vertrag, bevor das Ballettzentrum vom Hamburger Senat genehmigt wurde. Und ohne das Ballettzentrum wäre ich sicher nicht mehr hier. Ich mag Hamburg wirklich gern, auch wenn es im Winter ein bisschen dunkel ist. Aber ich bin nicht so verliebt in diese Stadt, dass ich sagen kann: Hier will ich für immer bleiben. Ich muss als Künstler immer denken, dass es auch anders kommen kann. Sonst stimmt etwas nicht.

Während der Probe zu John Neumeiers „Anna Karenina“ im Sommer 2017.
Christina Sabrowsky/dpa

Während der Probe zu John Neumeiers „Anna Karenina“ im Sommer 2017.



Das Hamburger Publikum gilt als kompliziert, manchmal auch arrogant. Stimmt das eigentlich?
Nach meiner Erfahrung nicht. Ich habe diesen merkwürdigen Ruf des Hamburger Publikums nicht erlebt. Ich habe erlebt, dass die Leute gewisse Stücke weniger mochten als andere. Aber das ist normal.

Trotzdem gab es immer wieder mal Premieren, in denen 90 Prozent der Zuschauer begeistert applaudierten, aber fünf Prozent buhten.

Das waren wahrscheinlich nicht fünf Prozent, sondern höchstens fünf Zuschauer. Aber wenn es das nicht gäbe, wäre alles was ich mache langweilig.

70 Prozent der Tänzer Ihres Ensembles stammen aus Ihrer eigenen Ballettschule. Im Profifußball wären Sie mit dieser Quote vielfacher Millionär. Was ist Ihr Geheimnis?
Das Geheimnis ist, eine gute Schule zu haben. Tanzen bedeutet nicht nur, eine Gruppe von Menschen mit einem gewissen technischen Niveau zusammenzuführen und mit ihnen eine Show zu machen. Für mich ist Tanzen der Glaube an eine Philosophie, deswegen dürfen wir nicht lügen auf der Bühne und Tanzen nicht leicht nehmen. Wir müssen das, was wir tun, auch fühlen. Außerdem muss uns immer bewusst sein, dass wir mit Menschen zu tun haben. Wir leben und arbeiten alle im gleichen Gebäude, wir wissen alles voneinander. Wir müssen uns täglich fragen, passen wir auch dahin oder wollen wir was anderes.

Sie werden Ende Februar 79 Jahre alt. Ist Ihre Kreativität unerschöpflich?

Fragen Sie mich das bitte nicht.

Haben Sie Angst vor dem Tag, an dem Ihnen nichts mehr einfällt?
Natürlich, jeden Tag.

Sie haben „seit 50 Jahren Sehnsucht, frei zu sein“, haben Sie mal gesagt, und machen doch immer weiter. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

(lacht) Ich kann das schwer erklären. Aber es gibt in jedem Menschen so etwas wie eine innere Waage: Der Wecker klingelt, und dann entscheidet man sich, ob man aufsteht oder nicht. Das ist bei mir nicht anders. Ich könnte es einfacher haben und als Gast zum Beispiel zur Pariser Oper gehen, mit festen Probezeiten und müsste mich nur für die Tänzer interessieren, die ich für mein Stück ausgewählt habe. Aber ich finde es wunderbar, jeden Tag hier reinzukommen, mich um alles zu kümmern, um die gesamte Compagnie, auch die persönlichen menschlichen Probleme von 60 Tänzern und einem großen Stab.

2019 läuft Ihr Vertrag aus, dann wollten Sie eigentlich endgültig Schluss machen. Bleibt es dabei?
(lange Pause): Ich denke, wir sollten das noch etwas spannend machen.

Aber einen John Neumeier im Ruhestand ohne Ballett kann man sich nur schwer vorstellen . . .
Das steht auch nicht zur Diskussion. Die Frage ist nur, ob ich als Intendant des Hamburg Balletts bleibe. Aber ich werde auf jeden Fall weiter arbeiten, sonst eben freischaffend.

John Neumeier persönlich

Heimat ist für mich . . . der Ballettsaal.

Feierabend ist . . ., wenn meine Augen zugehen.

Abschalten kann ich am besten . . . bei einer trivialen DVD, zum Beispiel „House of Cards“.

Andere Ballettinszenierungen interessieren mich . . .  sehr, weil ich Ballett liebe. Nicht aus Konkurrenz, sondern im Sinne von Genuss.

Schlechte Kritiken sind für mich . . . schwierig. Ich muss damit umgehen, aber ich mach‘ Ballett nicht für die Kritiker, sondern weil es aus meinem Herzen kommt.

Die Hamburger Ehrenbürgerschaft bedeutet mir . . . sehr viel. Weil ich Ehre sehr wichtig finde.

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