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„Wir müssen die Menschen ernst nehmen“ : Johannes B. Kerner über Glauben, Gutmenschen und den Kitt in unserer Gesellschaft

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Fernsehmoderator Johannes B. Kerner spricht im shz.de-Interview über Engagement und die Kinderhilfe.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2016 | 10:00 Uhr

Hamburg | Herr Kerner, Sie haben jüngst die ZDF-Show „Ein Herz für Kinder“ moderiert und konnten mit der Unterstützung von Publikum, Prominenten und Wirtschaftsführern die Rekordsumme von mehr als 18 Millionen Euro verkünden. Was empfinden Sie am Ende eines solchen Abends?
Johannes B. Kerner: Ich bin selig und dankbar, dass es uns immer wieder gelingt, die Emotionen so vieler Menschen zu erreichen und ihre Solidarität zu wecken. Und natürlich ist es wahnsinnig toll, wenn Unternehmen eine Million Euro spenden. Mich berührt aber vor allem, wenn Kinder ihr Sparschwein schlachten und zehn 10 Euro geben oder wenn die alte Dame, deren kleine Rente kaum zum Leben reicht, sich trotzdem mit 5 Euro beteiligt. Diese Leute wissen, dass wir in Deutschland im Geburtenroulette gewonnen haben, und dass es Menschen gibt, die keine Chance haben, ein Leben wie wir zu führen.

Millionenspenden für Kinder können nicht lügen und dennoch hält sich seit Jahrzehnten in Deutschland die Kritik an Gala-Charity-Sendungen mit Prominenten und an so genannten „Gutmenschen“, die nur PR für sich persönlich machen wollen. Was antworten Sie diesen Kritikern?
Ich antworte mit einer Gegenfrage: Wäre die Welt besser, wenn es die so genannten Gutmenschen nicht gäbe? Ich bin sicher, dass es nicht so ist. Vielleicht gibt es Leute, die für sich einen Marketingeffekt erhoffen, indem sie sich beteiligen. Aber ich weiß auch, dass sich die große Zahl der Prominenten engagiert, weil ihnen die Hilfe für Kinder am Herzen liegt. Ich war in diesem Jahr im Wüstenstaat Niger in Afrika, im ärmsten Land der Welt. Ich kann Ihnen sagen: Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Wenn man erlebt, wie Menschen dort leben müssen, entsteht der aufrichtige Wunsch, etwas für diese Menschen zu verändern. Wenn das einige Leute abfällig als Gutmenschentum bezeichnen – sei’s drum.

Was bedeutet Ihnen das Weihnachtsfest?
Es ist eine schöne Tradition und ich gehöre zu der Generation, die noch weiß, was an Weihnachten gefeiert wird: Nicht die Ankunft des Weihnachtsmannes, sondern die Geburt von Jesus. Mir gefällt die Weihnachtsgeschichte. Ich mag die Ruhe und die Besinnlichkeit an Weihnachten und ich mag die strahlenden Kinderaugen.

Wo feiern Sie Weihnachten?
Wie jedes Jahr mit meinen Kindern bei meiner Schwiegermutter in Rüsselsheim.

Sie sind in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, ihr Vater war Lehrer am Jesuitengymnasium in Bonn-Bad Godesberg. Beten Sie heute noch?
Ja, hin und wieder. Aber ich bete nie um Glück, Materielles oder eine hohe Einschaltquote. Meine Maxime ist, nichts im Gebet zu fordern. Ob Beten hilft, weiß ich nicht, aber es schadet nicht.

Welche Bedeutung hat Glaube heute noch?
Es verändert sich. Ich persönlich mag das Spirituelle als eine Ebene des Lebens. Neben all den Fakten und Realitäten schweife ich gerne mal ab in andere Sphären. Ich mag die Atmosphäre in der Kirche und die Predigt. Und ich singe gern in der Kirche, obwohl ich ein lausiger Sänger bin, aber dort ist das legitimiert. Ich erfreue mich an Kirche als einem Ort, wo alle Menschen friedlich zusammen treffen. In einem Kinderkirchenlied heißt es: Wenn zwei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich unter ihnen. Das trifft es ganz gut. So empfinde ich Kirche.

Biografisches: Johannes B. Kerner

Seit 1986 Moderator und Reporter von großen Sport- und Showsendungen. 2011 gründete er gemeinsam mit Britta Becker-Kerner die Becker-Kerner-Stiftung zur Förderung der Jugend, der Kultur und des Sports. Johannes Kerner ist Aufsichtsratsmitglied der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

 

Mit Ihrer Talkshow „Johannes B. Kerner“ waren Sie jahrelang werktäglicher Gast in deutschen Wohnzimmern und sind immer noch einer der beliebtesten TV-Moderatoren. Fehlt ihnen das journalistische Gespräch zu tagesaktuellen Ereignissen?
Ich habe das sehr gern gemacht, aber es fehlt mir nicht; auch deshalb, weil ich die Wiederholungen in den Talkshows bemerke. Mir fehlt eher die Sportberichterstattung, weil ich von der Ausbildung und vom Herzen her Sportreporter bin. Ich kann nicht ausschließen, dass ich das irgendwann noch mal machen möchte.

Sie hatten bei SAT.1 mit einer erfolglosen Show auch mal schwere Zeiten und konnten damals auch als Sportkommentator arbeiten. Ist Sport eine gute Überlebensdroge?
Das Schöne ist ja: Meine Talkshow und meine Jahresrückblicke liefen immer sehr gut. Die Shows waren mal mehr, mal weniger erfolgreich. Das stimmt. Und als ich bei SAT.1 eine schwere Karambolage erleben musste, hat mir das Leuchten am Mittwoch, die Champions-League-Berichterstattung, in der Tat sehr geholfen. Sonst wäre ich womöglich berufsdepressiv geworden.

Sie haben nach dem Abitur Ihr BWL-Studium sechs Monate vor dem Abschluss abgebrochen und dann als Journalist und Sportreporter sowie als TV-Moderator beruflich alles erreicht. Haben Sie den Studienabbruch schon mal bereut?
Zu keinem Zeitpunkt. Ich bin glücklich und dankbar über das, was ich beruflich erleben durfte und über die Möglichkeiten, die ich bekommen habe. Ich habe einen Traumjob. So viel Holz, wo ich drauf klopfen müsste, kann gar nicht wachsen.

Sie haben alles von der „Goldenen Kamera“ bis zum „Bambi“ gewonnen und sind auch mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für Ihr soziales Engagement und die Unterstützung der Deutschen Sporthilfe ausgezeichnet worden. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?
Das ist schon eine Währung in unserem Beruf, aber man darf es auch nicht überbewerten. Es ist eine schöne Erfahrung, verändert das Leben aber nicht. Über das Verdienstkreuz habe ich mich besonders gefreut, weil mir die Unterstützung für die Sporthilfe wichtig ist und es eine wichtige Wertschätzung für die Organisation war.

Sie haben sich immer auch als Journalist und politischer Bürger verstanden. Weltweit sind autokratische Herrschaftsformen wie etwa in der Türkei oder nationaler Egoismus und Raubtierkapitalismus repräsentiert durch den neu gewählten US-Präsidenten Donald Trump wieder in. Warum haben längst überholte Politikkonzepte wieder Konjunktur?
Politiker fast aller Parteien sagen immer: Wir müssen die Sorgen und Nöte der Menschen ernst nehmen. Das ist ein stereotyper Satz, den ich oft höre. Das klingt für mich so, als würde ein Pflaster und eine wärmende Wolldecke für diese Menschen reichen – und alles wäre wieder gut. Das ärgert mich sehr. Wie wäre es, wenn man die Menschen ernst nimmt und das, was sie fühlen, denken, aussprechen, und wofür sie auf die Straße gehen. Die sind nicht alle doof, auch nicht die AfD-Wähler. Sie wählen die AfD oder demonstrieren für Pegida, weil sie Angst haben und glauben, dass es besser wird, wenn sie es tun. Dass das ein Trugschluss ist, müssen wir ihnen erklären. Wir müssen diese Menschen endlich ernst nehmen. Wenn wir keinen Respekt mehr haben vor der Polizei, vor Lehrern, vor Altenpflegern, vor Krankenschwestern, vor all denen, die der Kitt unserer Gesellschaft sind, ist das gefährlich. Wir sollten ihnen Respekt zollen: etwa durch eine bessere Personal-Ausstattung der Polizei und auch bessere Bezahlung.

 

Sie gelten als weltoffener Konservativer. Wie bewerten Sie heute das „Wir schaffen das“ zur Flüchtlingsfrage von Kanzlerin Angela Merkel aus dem Sommer 2015? Lag Sie richtig?
Davon ist sie ja selbst inzwischen abgerückt. In dem Moment, als sie den Satz ausgesprochen hat, war er nachvollziehbar und politisch richtig. Ich mag sie dafür nicht kritisieren. Viel wichtiger ist doch, dass die parteipolitischen Spielchen der Alphatiere bei der CSU aufhören, die etwa Angela Merkel auf dem Parteitag wie ein Schulmädchen aussehen lassen und um Obergrenzen feilschen. Es gibt so viele drängende und wichtige Aufgaben. Da sollte für so etwas kein Platz sein.

Haben Sie Vorbilder?
Ja. Ich mochte im Fernsehen immer die Leute, die sehr präzise sind und trotzdem Mensch bleiben. Das können Showmoderatoren sein, aber auch politische Redakteure. Ich mochte Wolf von Lojewski und Hajo Friedrichs, aber auch Claus Kleber gehört heute für mich dazu. Das sind nicht meine Vorbilder, aber Menschen, vor denen ich großen Respekt habe.

Als gebürtiger Rheinländer leben Sie seit Jahrzehnten in Hamburg und sind ein absoluter Sylt-Fan...
... ja, ich liebe den Norden! In meinen ersten zwölf Lebensjahren war es Borkum, jetzt ist es seit einigen Jahren Sylt. Ich kann sogar Urlaub im Kopf machen und mich auf die Insel denken. Und spätestens wenn ich im Autozug über den Hindenburg-Damm fahre, komme ich herunter und kann entspannen.

Und Hamburg?
Na, es wird mich doch niemand davon abhalten wollen, in der schönsten Stadt der Welt zu leben! Es ist herrlich großstädtisch hier, aber Hamburg kann auch herrlich ruhig sein. Das ist das Besondere.

Was möchten Sie im nächsten Jahr besser machen?
Ich habe zu wenig gelesen in diesem Jahr. Oftmals bleibt es bei der Zeitung und das ist mir eigentlich nicht genug. Das möchte ich ändern. Und meinen Fitnesszustand möchte ich gern auf dem jetzigen Niveau halten.

Am 28. Dezember, 20.15 Uhr, moderiert Johannes B. Kerner die Sendung „Das Spiel beginnt“ im ZDF.

Biografisches: Johannes B. Kerner persönlich
Kinder sind... das Allergrößte und das Allerwichtigste.
Freiheit heißt... selbstbestimmt leben zu können. Ein Freiheitsgefühl empfinde ich beim Blick auf das Wattenmeer.
Marathonlaufen ist... im Moment leider nicht mehr als eine Erinnerung. Es könnte aber auch ein Ziel sein für 2017.
Die Ehe ist... eine richtige Einrichtung und deshalb schützenswert.
Urlaub mache ich... längst nicht nur auf Sylt.
Angst macht mir... akut nichts.
Das Smartphone-Leben ist... nicht durchgehend schön. Manchmal ermahne ich meine Kinder, obwohl ich selbst noch mehr am Handy hänge. Da bin ich ein lausiges Vorbild.
Die Sportshow „ran“ war... eine der schönsten Erinnerungen meines Berufslebens und eine riesige Chance für mich.

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