Poststreik im Kreis Pinneberg : Jetzt rappelt’s im Karton

Kümmern sich darum, dass wichtige Unterlagen des in Barmstedt und Elmshorn ansässigen Baustoffhändlers Kremer-Glissmann ihre Empfänger erreichen: Betriebsleiter Thomas Tank und die Auszubildende Alina Ulrich.
Kümmern sich darum, dass wichtige Unterlagen des in Barmstedt und Elmshorn ansässigen Baustoffhändlers Kremer Glismann ihre Empfänger erreichen: Betriebsleiter Thomas Tank und die Auszubildende Alina Ulrich.

Pinnebergerin wartet auf wichtige Unterlagen und ist sauer. Unternehmen beklagen lange Verzögerungen und fürchten Schäden.

shz.de von
04. Juli 2015, 09:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Seit etwa vier Wochen streiken zahlreiche Mitarbeiter der Post. Briefe und Pakete kommen verspätet oder gar nicht an. Die Geduld der Kunden scheint nun am Ende zu sein. „Am Freitag, 19. Juni, haben wir zum letzten mal Post bekommen. Seitdem kam gar nichts mehr“, sagt Alexandra Kroh aus dem Pinneberger Stadtteil Eggerstedt.

„Langsam finde ich das dramatisch“, sagt Kroh. Denn sie wartet auf wichtige Dokumente: Reiseunterlagen, Behördenschreiben, Post von ihrer Bank. „Da geht es oft um Fristen. Das kann echt zum Problem werden.“ Für Kroh wäre es schon ein Fortschritt, wenn wenigstens ein bis zweimal pro Woche Post zugestellt würde. Statt dessen: nichts. „Ich habe hier seit Tagen keinen Postboten mehr gesehen. Bekannten an der Pauls-Straße geht es genauso.“

Der in Barmstedt und Elmshorn ansässige Baustoffhändler Kremer Glismann nimmt die Sache jetzt selbst in die Hand. Mehrere Mitarbeiter setzen sich ins Auto und verteilen in einem 40-Kilometer-Radius wichtige Unterlagen wie Rechnungen. „Was bleibt uns anderes übrig. Vier Wochen sind eine lange Zeit und ein Ende ist nicht abzusehen“, sagt Ulf Kremer, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens.

Kassensturz kommt erst später

Wie sehr die nicht bezahlten Rechnungen den Händler belasten, kann Kremer noch nicht sagen. „Es gibt ja Zahlungsziele und Rechnungen werden nicht immer sofort beglichen. Ich gehe aber davon aus, dass der Streik Folgen für unsere Liquidität hat. Deswegen bringen wir die Post jetzt selbst.“ Ein Problem ist für Kremer, dass er nicht weiß, wer von den Kunden keine Briefe bekommt. So müssen alle einzeln abtelefoniert werden.

Auch das Unternehmen Ludwig Weber aus Prisdorf leidet unter dem Streik. „Wir selbst haben seit zweieinhalb Wochen keine Sendungen mehr bekommen“, sagt Nils Weber, der für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist. Betroffen sind davon nahezu alle Unternehmensbereiche. „Unsere Rechnungen kommen nicht an. Aber wir bekommen auch keine Bestellungen mehr. Die werden überwiegend auf dem Postweg verschickt“, sagt Weber.

Das mittelständische Unternehmen stellt etwa Werkzeuge und Schiffsausrüstung her. „Wir bekommen auch keine Rohstoffe mehr. Eine Woche kann man das mal überbrücken. Aber inzwischen müssen wir doppelt bestellen“, so Weber. Knapp wurde es bei der letzten Lohnabrechnung. „Fast hätten wir die Löhne nicht zahlen können, weil die Unterlagen unseres Steuerberaters nicht ankamen. Unsere Bank hat ausnahmsweise eingescannte und per E-Mail verschickte Dokumente akzeptiert.“ Auch Rechnungen von Lieferanten könne er nicht begleichen, wenn sie nicht ankämen.

Die Liste der Beeinträchtigungen ist lang

Ken Blöcker ist Geschäftsführer des Unternehmensverbands Unterelbe. „Wir machen regelmäßig Umfragen unter unseren Mitgliedern. Ich habe selten so viele und deutliche Rückmeldungen bekommen wie zum Thema Post-Streik“, sagt Blöcker. Die Liste der Beeinträchtigungen sei lang: Verträge und Bauanträge seien wochenlang unterwegs, Reiseveranstalter könnten Kunden nicht mit den nötigen Dokumenten versorgen, Autohäuser und Speditionen warteten auf Zulassungsunterlagen, Ersatzteile für Maschinen kämen nicht an.

Weil Firmen ihre Angebote für Ausschreibungsverfahren nicht fristgerecht einschicken könnten, gingen Aufträge verloren. „Unsere Unternehmen sind verärgert, dass die Deutsche Post nach wie vor kommuniziert, dass 80 Prozent der Post zugestellt würden. Eine Befragung unserer Mitglieder ergab, dass das Tagesgeschäft bei den Unternehmen massiv eingeschränkt ist, Aufträge verloren gehen und sogar Arbeitsplätze in Gefahr geraten“, sagte Blöcker. Viele Firmen suchten sich inzwischen Alternativen und beauftragten Konkurrenten der Post. Außerdem prüften sie, ob die Briefpost von E-Mails ersetzt werden kann.

Die Post bewertet die Situation teils anders. „Für Deutschland gilt: 80 Prozent der Post wird pünktlich zugestellt. Konkrete Angaben zur Region Pinneberg kann ich nicht machen“, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Mit Zahlen hält sich die Post zurück. „Wir machen keine Angaben zur Zahl unserer Zusteller im Kreis Pinneberg und auch nicht zur Zahl der Streikenden“, sagte die Sprecherin. Wie viele Sendungen in der Region normalerweise monatlich zugestellt werden und wie viele derzeit zwischenlagern sagt die Post ebenfalls nicht.

Die Post bevorzugt nach eigenen Angaben weder bestimmte Adressaten noch bestimmte Absender. „Wenn private Post liegenbleibt und die des Finanzamts ankommt, ist das Zufall“, sagt die Sprecherin. Auch Werbesendungen der Post würden nicht bevorzugt. Dass es Unterschiede nach Stadtbezirken gebe, sei normal. „Es hängt davon ab, ob sich ein Zusteller am Streik beteiligt oder ob er etwa verbeamtet ist“, so die Sprecherin.

Sommerzeit ist Reisezeit. Wird sich die Situation weiter verschärfen, wenn sich Zusteller in den Urlaub verabschieden? Die Postsprecherin beschwichtigt: „Wir versuchen, mit Aushilfskräften Vertretungen sicherzustellen.“

Nach fast vier Wochen bundesweitem Streik ringen die Tarifparteien bei der Post wieder um eine Einigung. Die siebte Verhandlungsrunde hat gestern in Bad Neuenahr (Rheinland-Pfalz) begonnen. Vor allem im Streit um die von der Post ausgegründeten Paketgesellschaften mit schlechterer Bezahlung stehen sich die Post und die Gewerkschaft Verdi scheinbar kompromisslos gegenüber. Trotzdem zeigten Sprecher beider Seiten zum Beginn der für zwei Tage angesetzten Gespräche vorsichtigen Optimismus, eine Lösung für die 140.000 Beschäftigten zu finden.
Post-Chef Frank Appel hatte die Paket-Gesellschaften allerdings öffentlich als „nicht verhandelbar“ bezeichnet. Verdi sieht in den Gesellschaften einen „einseitigen Vertragsbruch“ der Post und fordert kaum weniger vehement die Eingliederung der inzwischen etwa 6500 Beschäftigten in den Post-Haustarifvertrag. Der Unterschied für die Mitarbeiter ist erheblich: Die Post-Mutter zahlt im Schnitt gut 17 Euro, in den Paket-Gesellschaften gibt es nur durchschnittlich 13 Euro.
Auf dem Tisch liegt zudem die Verdi-Forderung nach 5,5 Prozent mehr Geld und einer Arbeitszeitverkürzung von 38,5 auf 36 Stunden mit vollem Lohnausgleich. Außerdem geht es um eine Verlängerung des Kündigungsschutzes für die Mitarbeiter, der Ende des Jahres ausläuft. Verdi lässt die bundesweiten Streiks mit täglich rund 30.000 Teilnehmern während der Verhandlungen weiterlaufen, um den Druck auf die Arbeitgeber aufrecht zu erhalten.
Der Streik kostet das Unternehmen jeden Tag Millionen Euro und drückt auf das Image. Kunden haben allerdings keine Handhabe gegen die Post, da das Unternehmen beim gewöhnlichen Briefe keine Laufzeitgarantie übernimmt.
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