„Jesus Christus wollte mit dem Kopf durch die Wand“

Gradlinig und kompetent: Diakon Andreas Scheerbarth.
Gradlinig und kompetent: Diakon Andreas Scheerbarth.

(Un)Ruhestand Rellingens Langzeit-Diakon Andreas Scheerbarth sagt Tschüss

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26. März 2021, 11:08 Uhr

Rellingen | „Flames of Spirit“. Die „Flammen des Geistes“. Ein Herz voller Flammen. Ein Mensch sein, der wachrüttelt. Der begeistert und für Ideen und Taten entflammt. Das ist Andreas Scheerbarth. Da ist es kein Wunder, dass der Rellinger Diakon seine 2004 gegründete Rellinger Gottesdienstband „Flames of Spirit“ genannt hat. Nun, am Sonntag, 28. März, geht nach 38 Jahren eine Ära zu Ende. Kaum zu glauben: Er will den Ruhestand statt dem Unruhestand vorziehen. Die Kirchengemeinde will sich von Scheerbarth coronabedingt intern ab 15 Uhr verabschieden.

Pastorin Iris Finnern, gleichzeitig auch Kirchenvorstandsvorsitzende, und ihre Kollegen können es kaum glauben. „Andreas Scheerbarth hat doch gefühlt ‚halb Rellingen‘ konfirmiert. Er sagt Tschüss. Tschüss heißt ‚Gott befohlen‘. Das möge unser Diakon sein: Gott befohlen – nun auf dem Weg in seinen Ruhestand, der möglichst gesegnet sein möge!“

Und Finnern hat gerechnet: Die Begleitung von etwa 3000  Konfirmanden geht auf sein Konto, 200 Freizeiten habe er durchgeführt, 36-mal sei er als Begleitung ins Zeltlager im Sommer an den Brahmsee gefahren. Ein Marathonläufer in Sachen diakonische Arbeit. Keine Frage.

Seit dem 1. April 1983 ist Scheerbarth in Rellingen das Gesicht dafür. „Der junge Berufsanfänger Andy“, so nennt ihn Pastorin Finnern etwas salopp, sei in der Rellinger Kirchengemeinde aufgenommen und mithilfe von Diakon Rudolf Kollmorgen eingeführt worden. Die Phalanx derjenigen, die Scheerbarth in all den Jahren kommen und gehen gesehen hat, ist entsprechend lang. Dazu gehören Kirchengemeinderäte, Pastoren, Mitarbeitende, Teamer in der Jugendarbeit, Konfirmanden. „Sie kamen und gingen – oder blieben jahrelang dabei“, unterstreicht Finnern die Treue und Anhänglichkeit an die Gemeinde. Und an den Diakon.

Mit warmem Herzen, Humor, Einfallsreichtum, Sachkenntnis und Tatkraft habe Scheerbarth, so wird es ihm von allen Seiten bestätigt, zuverlässig die Jugendarbeit gestaltet. Wie vielen Menschen habe er das nahegebracht, was auch ihn selbst trägt: „Du bist unendlich kostbar in Gottes Augen“, heißt es aus pastoralem Munde.

Seine Arbeit steckte stets voller Symbolkraft: Wie viele Edelsteine wurden nach seinen Andachten an die Jugendlichen als Erinnerung daran verteilt, als ein Baustein für ein Leben. In dem Wissen: „Ich werde geliebt, gleichgültig, was geschieht.“ Und das hat laut Kirchenvorstand Andreas Scheerbarth nicht nur mit Worten und Taten weitergegeben.

Und dann die Musik, die er liebte und liebt. Wie gesagt, hat der Umtriebige und Rastlose 2004 seine Gottesdienstband ins Leben gerufen. Hat ihr auch mit Eigenkompositionen seinen Stempel ausgedrückt. Eine alte, hymnische Kritik darauf ist immer noch der beste Qualitätsbeweis: „Die ,Flames‘ machen ihre Musik zur Ehre Gottes und zur Freude der Zuhörer. Modernisierte Gesangbuchklassiker gehören genauso zum Programm wie selbst gemachte Songs, mal fröhlich, mal nachdenklich, mal zart, mal knackig laut. Gleichzeitig sind es Lieder, die jeder gut hören kann, denn eine Spezialität der Flames ist die Mischung, die dreizehnjährige Mädchen genauso begeistert wie Mittsechziger.“ Die CD „Lichter in der Nacht“, im Oktober 2008 in der Rellinger Kirche vorgestellt.

Scheerbarth hat auch immer wieder zum Bass gegriffen. Unvergessen sind Konzerte zugunsten von Amnesty International und dem Rellinger Gospeltrain. Dietmar Hagemeyer an den Drums, Scheerbarth (Bass) und Kantor Oliver Schmidt am Piano.

Es ist Scheerbarth selbst, der sein Leben, sein Wirken, sein Strahlkraft am besten einmal selbst beschreiben hat: „Ich bin als Rellinger Diakon vor allem für die Arbeit mit Jugendlichen, auch in der Konfirmandenzeit, zuständig. Spannende und erfüllende Jahre waren das. Oft werde ich gefragt, ob ich mich nicht allmählich zu alt dafür fühle. Nein, sicher nicht! Ich bin weit davon entfernt, ein Berufsjugendlicher zu sein und je nach Lebensdekade hat sich mein Verhältnis zu den jungen Leuten immer wieder verändert. Trotzdem fühle ich mich immer noch am richtigen Platz, bin den Jugendlichen ein aufmerksamer Zuhörer und bringe ihnen, wie schon immer, echtes Interesse entgegen. Sicher, die Jugend verändert sich und ich verändere mich auch, aber die Faszination für die Sichtweisen junger Menschen ist geblieben. Manches nervt mich: die Unverbindlichkeit wächst, die Zuverlässigkeit nimmt ab, aber haben darüber nicht schon griechische Philosophen und deutsche Dichter geklagt? Was mich auch nach insgesamt 40  Jahren Jugendarbeit immer noch fasziniert, ist die immer neue Sichtweise der Jungen auf unsere Welt und unsere Werte. Ich vergesse nicht, wie es mal war, die Welt für veränderbar zu halten, hier, heute, jetzt sofort! Sich über Ungerechtigkeit, Dummheit oder Ignoranz schwarz ärgern zu können, auch über die Gier und über Vollversager in hohen und höchsten Stellungen. Genau das konnte noch einer: Jesus Christus, der kompromisslos immer mit dem Kopf durch die Wand wollte und auch viele vor den Kopf stieß, weil es einfach sein musste, weil es bitter nötig war.“

Da bleibt nicht viel zu sagen. Pastorin Finnern hat bereits ihre Schlussworte verraten: „Andy, wir sind stolz auf Dich. Geh‘ mit Gott.“

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