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Interview : Jede vierte Frau in Deutschland ist von häuslicher Gewalt betroffen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Gespräch mit Dorathea Beckmann, Rellingens Gleichstellungsbeauftragte sowie Ruth Stiasny-Seligmann von der Pinneberger Frauenberatung.

Kreis Pinneberg | Vom 24. bis 27. November werden Brot, Kuchen und andere Waren in landesweit teilnehmenden Bäckereien wieder in besonderen Tüten, auf denen die Nummer des bundesweiten Hilfetelefons steht, herausgegeben – eine Aktion, mit der auf häusliche Gewalt aufmerksam gemacht werden soll. 2014 gab es in Schleswig-Holstein 2031 polizeiliche Einsätze bei häuslicher Gewalt, bei denen 417 Täter der gemeinsamen Wohnung verwiesen wurden. 1181 Frauen flohen mit ihren 1068 Kindern in ein Frauenhaus. Im Interview sprechen Dorathea Beckmann, Rellingens Gleichstellungsbeauftragte und landesweite Koordinatorin der Aktionswoche, sowie Ruth Stiasny-Seligmann von der Pinneberger Frauenberatung über die Bedeutung der Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“, Formen der häuslichen Gewalt und begrenzte Hilfsangebote.

Wie kommen Bäcker mit Gleichstellungsbeauftragten und lokalen Bündnissen gegen Gewalt gegen Frauen zusammen?
Beckmann: Vor 14 Jahren haben Kolleginnen aus dem Kreis Pinneberg die Idee von der Vollversammlung der Gleichstellungsbeauftragten in Dresden mitgebracht. Informationen über eine Bäckertüte zu verteilen, ist genial. Mit dem Landesinnungsverband des Bäckerhandwerks haben wir einen starken Partner gefunden. Die Firmenchefs versichern uns übrigens immer wieder, dass ihnen das Thema bekannt ist und dass sie es deshalb unterstützen.

Sie sagen, die Aktion sei unverzichtbar, um auf die Situation von betroffenen Frauen hinzuweisen, warum?
Beckmann: Weil die Aktion mittlerweile einen hohen Wiedererkennungswert hat und die Menschen so wissen, dass dieses Thema noch brandaktuell ist. Die Zahlen ändern sich leider nicht. Noch immer ist jede vierte Frau in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen. In allen Altersgruppen, über alle sozialen Milieus hinweg. Deshalb müssen wir weitermachen.

Welche Formen der häuslichen Gewalt gibt es?
Stiasny-Seligmann: Zunächst einmal die körperliche Gewalt – schlagen, treten, bis hin zu Situationen, die in die Nähe des Todes führen. Sie ist am sichtbarsten. Und sie wird aktenkundig, wenn die Polizei zu Hilfe gerufen wird. Aber es gibt auch noch ökonomische und soziale Gewalt. Darunter fällt etwa, wenn Frauen kein oder viel zu wenig Geld erhalten, um die Familie zu ernähren. Einige werden sozial isoliert, ihnen wird verboten, Kontakt zu Freunden und Familienangehörigen aufzunehmen. Häufig ist ist die sexuelle Gewalt. Und schließlich gibt es die seelische Gewalt, sie wird meiner Meinung nach unterschätzt. Frauen werden in einigen Fällen systematisch verängstigt, fertig gemacht und erniedrigt.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Stiasny-Seligmann: Sie will bügeln, er schaltet ohne ihr Wissen den Strom ab. Sie ist ratlos, wendet sich hilfesuchend an ihn. Dann schaltet er unbemerkt den Strom wieder an. Er will sie verrückt machen. Das sind Fälle, die wir in unseren Beratungsgesprächen erleben.

Was sind Auslöser für häusliche Gewalt?
Stiasny-Seligmann: Das können die Wünsche sein, die die Frau anmeldet, ihr höheres Gehalt, der unterschiedliche Erziehungsstil oder der Umgang mit Geld. Auslöser kann aber auch ganz banal sein, dass ihm das Essen nicht schmeckt.

Ruth Stiasny-Seligmann von der Pinneberger Frauenberatung
Ruth Stiasny-Seligmann von der Pinneberger Frauenberatung
 

Wie reagieren Frauen?
Stiasny-Seligmann: In vielen Fällen leider zunächst durch Abwiegeln und Bagatellisieren. Das ist von großem Übel, auch wenn es im Bekanntenkreis gemacht wird. Die meisten Frauen sind im ersten Moment geschockt, dass die Hände, die sie vorher zärtlich berührt haben, schlagen können. Wir erleben es sehr oft, dass sie ihre Rechte gar nicht kennen, das gilt nicht nur für Frauen mit Migrationshintergrund. Sie haben noch nie etwas vom Gewaltschutzgesetz gehört. Dabei ist der Staat auf ihrer Seite, das ist extrem wichtig.

Warum sind gerade Frauen Opfer?
Stiasny-Seligmann: Die unterschiedlichen Rollenanforderungen sind von Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern geprägt. Frauen sollten möglichst anpassungsfähig, fürsorglich und diplomatisch sein, während von Männern erwartet wird, sich dominant und durchsetzungsstark zu verhalten.

11.000 Frauen haben im vergangenen Jahr die vom Land geförderten 23 Frauenberatungsstellen kontaktiert. Ein Großteil benötigte Hilfe nach häuslicher und sexualisierter Gewalt. Reichen die Kapazitäten aus?
Beckmann: Die Kapazitäten reichen oft nicht aus. Stellen wir uns einmal vor, jede betroffene Frau würde sich an eine Beratungsstelle wenden. Die Forderung nach einem moderaten Ausbau bleibt bestehen.
Stiasny-Seligmann: Die Zahl der Beratungsstellen reicht aus, aber die Mitarbeiterinnen nicht. Wir könnten viel mehr und länger beraten, wenn wir mehr Geld für mehr Stunden bekämen.

Momentan suchen Hunderte Menschen Schutz in unserer Region. Die geflüchteten Frauen sind zum Teil traumatisiert, haben vieles durchgemacht.
Beckmann: Das ist ein wichtiges Thema. In den nächsten Jahren wird der Beratungsbedarf noch steigen. Die Frauen benötigen Unterstützung. Und wir dürfen nicht vergessen: Menschen, die schwer traumatisiert sind, denen fällt Integration nicht leicht.
Stiasny-Seligmann:
Ein Drittel der Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind Frauen. Für sie brauchen wir eigentlich geschützte Unterbringungen. Viele von ihnen haben auf den unterschiedlichen Etappen ihrer Flucht Gewalterfahrungen gemacht. Insbesondere Frauen, die allein unterwegs sind, sind gefährdet.

 

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erstellt am 20.Nov.2015 | 16:22 Uhr

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