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Medienkompetenz im Kreis Pinneberg : Initiative soll Schüler vor Cyber-Mobbing, Sexting und Netzpornos schützen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Eine Initiative der Kreisverwaltung will die Medienkompetenz von Schülern, Pädagogen und Eltern stärken. Fünf Veranstaltungen sind geplant.

shz.de von
erstellt am 11.Mär.2016 | 16:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Cyber-Mobbing, Sexting, Netzpornos: Sie sind nach Ansicht von Jörn Folster und Silvia Stolze Realität auf den Smartphones der Schüler in der Region. Doch wie können Eltern, Lehrer und Sozialpädagogen Kindern und Jugendlichen verantwortungsvolle Kommunikation im Internet näherbringen? Können sie in technischen Fragen überhaupt auf Augenhöhe mitreden? Das Netzwerk Medienkompetenz, in welchem Folster und Stolze den Kreis Pinneberg vertreten, versucht, Antworten zu geben.

„Die Pädagogen an den Schulen haben das Bedürfnis nach Fortbildung geäußert“, sagt Stolze. Weil es auf den Schulhöfen digitales Mobbing gebe. Weil Jugendliche mit geschwollenen Augen zum Unterricht kommen, weil sie die Nacht mit Computerspielen durchgezockt haben. Und weil der Nachwuchs mit seinen Smartphones Pornografie konsumiert und verbreitet. Auch der Verstoß gegen Recht und Gesetz ist nicht ungewöhnlich, wie es scheint. „In Gruppen des Kurznachrichtendienstes ‚Whats App‘ teilen Jugendliche auch Bilder, mit denen Persönlichkeitsrechte anderer verletzt werden“, sagt Folster. Das müssen nicht einmal explizite Aufnahmen sein. Auch ein gewöhnliches Portrait auf dem Schulhof darf nicht ohne Einwilligung des Abgelichteten verbreitet werden. Dabei werden die Besitzer von Smartphones immer jünger. „Vor einem Jahr haben wir an Medienerziehung ab der vierten Klasse gedacht. Inzwischen haben aber auch jüngere Kinder Mobilgeräte“, sagt Folster.

Doch wer vor Gefahren im Netz warnen will, muss sie erst einmal selbst erkennen. „Wir habe festgestellt, dass viele Lehrer auch in Dienstangelegenheiten noch über private E-Mail-Konten kommunizieren. Das ist mit Hinblick auf die IT-Sicherheit und den Datenschutz ein Problem“, sagt Folster. Grundsätzlich sei die Medienkompetenz Erwachsener aber nicht vom Alter abhängig. „Es gibt Ältere, die einen guten Überblick haben. Und es gibt Jüngere, die keine Ahnung haben, was die Kinder mit ‚Snapchat‘ oder ‚Youtube‘ machen“, sagt Stolze.

Das Netzwerk Medienkompetenz bringt Pädagogen, Schüler, Eltern und Medienexperten für einen Erfahrungsaustausch zusammen. Fünf Veranstaltungen sind bisher für 2016 geplant. Die Termine stehen allerdings noch nicht fest. Ansprechpartner sind  Jörn Folster, Telefon 04121-45023456, E-Mail: j.folster@kreis-pinneberg.de und Silvia Stolze, Telefon 04121-45023459, E-Mail: s.stolze@kreis-pinneberg.de. Der Mannheimer Medienexperte Gerald Lembke warnt davor, Kinder zu früh mit Smartphones auszustatten. „Digitale Hilfsmittel bringen in der Bildung bis zum zwölften Lebensjahr keine nennenswerten positiven Effekte. Raus mit den Computern aus den niedrigen Klassen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Erst später seien Kinder in der Lage, Computer für Lernprozesse einzusetzen.

Die Konsequenzen unbedachten Netzkonsums können weitreichend sein. „Beliebtes Beispiel sind die Saufbilder, die der potentielle Chef besser nicht sehen sollte. Aber ein Berufsschüler war auch mal ganz überrascht, dass sein Gegenüber wusste, dass er Fußball spielt. Vielen ist nicht bewusst, welche Informationen sie wie weit verbreiten“, sagt Folster. Dabei könnten Soziale Netzwerke auch sehr konstruktiv zur Selbstdarstellung genutzt werden, wie es etwa auf der Karriereplattform ‚Xing‘ geschehe. „Wir warnen nicht mit dem erhobnen Zeigefinger, sondern suchen nach Chancen der Mediennutzung“, sagt Stolze.

In diesem Jahr will das Netzwerk Medienkompetenz fünf Veranstaltungen anbieten: drei Tagungen für Pädagogen und zwei Vortragsabende für Eltern. Eine für gestern geplante Fachtagung musste allerdings mangels Anmeldungen abgesagt werden. „Wir werden das Programm überarbeiten und im Frühjahr einen neuen Anlauf starten“, sagt Stolze.

Tablet-Klassen an der Johannes-Brahms-Schule in Pinneberg

Das Pilotprojekt startete vor einem halben Jahr. Schüler der Oberstufe haben private Tablets angeschafft, die sie in den Klassen im Unterricht benutzen. „Wir benutzen sie für Lernvideos, Slide-Shows, Mind-Maps, Präsentationen, kabellose Recherche im Internet und Hausaufgaben“, sagt Lehrerin Anabel Berger. Auch etliche Schulbücher seien inzwischen als E-Books verfügbar. „Das Tablet ist eine Ergänzung. Papier ist aus dem Unterricht nicht verbannt. Ob jemand Hausaufgaben abtippt oder von Hand schreibt, ist ihm freigestellt.“ Etliche Lehrer und Schüler seien anfangs skeptisch gewesen. „Die Schüler stehen inzwischen dahinter. Nach Ostern wollen wir das Projekt bewerten“, sagt Berger.

Schüler der Johannes-Brahms-Schule in Pinneberg nutzen im Unterricht Smartphones, um Handyfilme zu drehen

Auf dem Stundenplan steht im Deutschunterricht die Novelle „Kleider machen Leute“. Lehrerin Annika Müller sagt: „Für Siebtklässler ist das manchmal trockener Stoff. Deshalb verfilmen wir die Geschichte.“ Ihre Schüler machen aus dem Stoff ein klassisches Drama und eine Art Drehbuch. „Sie verlagern die Geschichte in die heutige Zeit und schreiben die Sprache um. Selbst die Musik spielen sie selbst ein“, sagt Müller. Charakterisierung von Figuren, Inhaltsangabe, Gesellschaftskritik, Musik, Filmanalyse und Videoschnitt: Das Projekt ist fächerübergreifend. Müller sagt: „Die Disziplin bei der Nutzung von Smartphones ist groß. Manchmal arbeiten Schüler sogar in den Pausen an dem Projekt.“

An der Grund- und Gemeinschaftsschule im Quellental in Pinneberg programmieren Schüler den Lego-Roboter Roberta

Roberta ist ein portemonaiegroßer Computer, der sich in Lego-Spielzeug einbauen lässt. „Die Schüler können im Unterricht Programme schreiben, mit denen sich Räder, Greifarme oder andere Funktionen eines Lego-Roboters automatisiert steuern lassen“, sagt Lehrer Holger Klein. Der Computer kann mit Sensoren für Farben, Druckmessung und Entfernungen ausgerüstet werden. „Die Schüler haben einen Riesenspaß an der Trial-and-Error-Tüftelei“, sagt Klein. Wenn etwas technisch nicht funktioniert, könne man einen Lego-Roboter schnell umbauen und einen neuen Versuch starten. „So fördern wir das technische Verständnis der Schüler.“

Neue Stars und Sternchen – So nutzen Jugendliche den Videokanal Youtube

Viele Stars der Jugendlichen sind Youtuber. Sie stellen Videos ins Internet und präsentieren so Computerspiele, Schminktipps, Bestellungen aus dem Online-Versandhandel oder Schnack über Gott und die Welt. „Wir wollen Basisinfos liefern über das, was Jugendliche auf Youtube machen und wer ihre Idole sind. Damit haben Lehrer einen Anknüpfungspunkt für Gespräche über den Medienkonsum der Schüler“, sagt Uli Tondorf von der Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein (AKJS). Dabei gehe es nicht nur um Videos. „Über Youtube-Stars definieren viele Jugendliche ihre Gruppenzugehörigkeiten – wie Fans von Fußballmannschaften.“ Sein Tipp für den Unterricht: Einmal im Monat über das Lieblingsvideo eines Schülers diskutieren.

Weitere Positivbeispiele

Weitere Positivbeispiele sind die Benutzung des Kurznachrichtendienstes Whats App an der Regionalschule im Himmelsbarg Moorrege, die Benutzung des Schulverwaltungsprogramms „Lonet 2“ an der Bismarckschule Elmshorn, ein Schüler-unterrichten-Schüler-Projekt am Wolfgang-Borchert-Gymnasium Halstenbek und an der Theodor-Heuss-Schule Pinneberg, Ethikseminare der Nordakademie Elmshorn und ein Medienparcours des Offenen Kanals Schleswig-Holstein.

 
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