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Pinneberger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 16:42 Uhr

In spannende Kopfwelten tauchen

vom

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 03:14 Uhr

Pinneberg | Bescheidenheit, tiefe Bescheidenheit - das ist das erste, was einem einfällt, wenn man der estnischen Schriftstellerin Mari Saat begegnet. Zurückgenommen sitzt sie auf ihrem Stuhl im barocken Saal der Drostei und hört zu. Still und nahezu regungslos. Hört zu, was und wie ihre Übersetzerin Irja Grönholm Auszüge aus ihrer Novelle "Im Grunde" vorliest. Gespannt verfolgt sie den Klang der deutschen Wörter. Ruhig, aber hoch konzentriert, aufmerksam und aufnahmebereit, präsent und wahrnehmungsstark. Wenn die Autorin vom Boden aufblickt, schauen sich hellwache Augen im Raum um. Manchmal lächelt Saat - dann lächeln die Zuhörer zurück, automatisch.

Die Literaturlesung, die der Förderverein Landdrostei Dienstagabend im Rahmen des Literatursommers in die Stadt holte, lockte nur wenige Neugierige ins Pinneberger Kulturzentrum. Doch die, die kamen, wurden reich belohnt. Sie lernten nicht nur ein spannendes Buch kennen und bekamen Einblick ins Leben in Estland heute und zur Zeit des schweren Umbruchs von sowjetischer Besetzung hin zur europäischen Öffnung. Sie durften auch quasi in den Kopf einer kreativen Schriftstellerin schauen, die bereitwillig über sich und ihren Schreibprozess Auskunft gab.

Weil die lebhafte Übersetzerin nicht nur vorlas, sondern ihre Autorin auch in ein spannendes Gespräch verwickelte, vermittelte sich so viel mehr als bloße Fakten. "Ach, zwei Seelen wohnen in ihrer Brust", stellte Grönholm gleich zu Beginn ihre Gesprächspartnerin vor. Die Ökonomie - Saat hat Wirtschaftswissenschaften in Tallinn studiert und auch als Dozentin gearbeitet - stehe für das Rationale Saats, das Schreiben, bei dem viel unerklärliches zu Wort komme, für das Irrationale in der Poetin.

Feinfühlig und genau, wortreich und den eigenen Gedankengängen stets aufmerksam hinterhereilend beschreibt die estnische Schriftstellerin in ihrer Novelle - dem einzigen ihrer Werke, das in deutscher Übersetzung vorliegt - wie die Ich-Erzählerin ihr durch die Estonia-Katastrophe in zahlreiche Trümmersplitter zerfallenes Leben wieder aufsammelt, anschaut und neu zusammensetzt - in permanenter Selbstreflexion. Als wohne sie im Kopf der Hauptperson, in deren Beobachtungen und Gedankengängen. Die sind hochspannend. Dadurch, dass dem Leser von den Ereignissen nicht direkt, sondern stets gespiegelt in der Reaktion auf diese berichtet wird, gewinnt der Text an Dichte und Tiefe.

Sie sei als jüngstes von vier Kindern in turbulenter Umgebung ein stilles und passives Kind gewesen, erzählte Saat über sich selbst. Das lieber saß und beobachtete, die Gedanken der Erwachsenen verfolgte und sich in eigenen Gedankenverzweigungen verlor. Man konnte es sich sofort lebhaft vorstellen. "Sie schreibt mit langen Pausen und sehr sparsam. Aber was sie schreibt, hat Gewicht", urteilte ihre Übersetzerin über das Werk dieser bescheidenen Frau. Und auch dem mochte der Zuhörer sofort zustimmen.

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