In Prisdorf gibt’s jetzt Kochbananen

Miriam Bagala (links) und die Bewohner der Wohngruppe, Gudrun Masukowitz und Ralf Effenberger teilen den Alltag miteinander. Offensichtlich mit Vergnügen.
Miriam Bagala (links) und die Bewohner der Wohngruppe, Gudrun Masukowitz und Ralf Effenberger teilen den Alltag miteinander. Offensichtlich mit Vergnügen.

Kultureller Austausch und voneinander lernen: Miriam Bagala aus Uganda ist „Bufdi“ in der Wohngruppe Dahl für behinderte Menschen

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15. August 2018, 16:00 Uhr

Sie ist klein und zierlich, hat ein gewinnendes Lächeln. Hinter ihrer anfänglichen Schüchternheit verbirgt sich eine Menge Mut. Gerade einmal 19 Jahre ist sie alt. Und noch ist sie hier fremd: Erst seit einem halben Jahr lebt sie in Deutschland. In Prisdorf leistet Miriam Bagala aus Uganda ein Jahr lang ihren Bundesfreiwilligendienst in der Prisdorfer Wohngruppe der Großstadtmission für Menschen mit Behinderung. Ihr Leben hat die gläubige Christin, deren Eltern beide verstorben sind, mit Gottvertrauen selbst entschieden in die Hand genommen und ihren Horizont erweitert: „Die Arbeit mit den Behinderten hat meine Perspektive verändert“, sagt Bagala im Gespräch mit unserer Zeitung.

Schon immer habe die heranwachsende Bagala gewusst, dass ihre Zukunft nicht in Uganda liegt. „Ich war für etwas anderes bestimmt“, sagt sie. In der Schule wählte Bagala Deutsch als Fremdsprache. Viele Gleichaltrige sahen das als nutzlos – weil zu teuer – an. „Um in Deutschland studieren zu können, müssen die Eltern mindestens 6000  Euro auf dem Konto haben“, erläutert Bagala. Viele Klassenkameraden hätten ihr gesagt: „Das schaffst du nie.“ Doch Bagala nahm in der Oberstufe an einer jährlich stattfindenden Deutschprüfung teil. Als eine der besten vier Schüler bekam sie ein Stipendium für einen Monat in Deutschland. Zwei Wochen davon war sie bei einer Gastfamilie in Hamburg untergebracht und besuchte eine Schule. Zurück in Uganda jobbte die Abiturientin in dem Café ihres Onkels. Über Kontakte erfuhr sie von der Chance eines Bundesfreiwilligendienstes bei der Großstadtmission. Und bewarb sich erfolgreich.

Mit behinderten Menschen hatte Bagala zuvor noch keinen Kontakt. Berührungsängste habe sie aber keine. „Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Behinderte einfach da sind, aber nicht so wahrgenommen werden, wie hier“, sagt sie. „Es war schön zu sehen, dass sie selbst etwas können“. In Prisdorf habe sie gelernt, dass Hilfe nicht bedeutet, jemandem etwas abzunehmen, sondern viel mehr, jemanden in seiner Selbstständigkeit zu unterstützen. „Hier machen die Behinderten eigentlich alles selbst. Ich begleite sie dabei,“ beschreibt die 19-Jährige ihre Rolle im Alltag der Bewohner. Notfalls bessere sie hinterher etwas nach. „Ich habe gelernt, dass man auch mit einer Behinderung ein gutes Leben führen und etwas erreichen kann“, sagt Bagala. Geduld brauche man dazu. Die habe ihr anfangs noch gefehlt. „Es gab einen Punkt, an dem ich mir gesagt habe: Stopp! Du kannst nicht erwarten, dass sie genauso sind wie du. Akzeptiere, dass sie anders sind.“

Die Verantwortung, die sie im Rahmen ihrer Tätigkeit bekommen hätte, habe Bagala weiter gebracht. Besonders in Momenten, in denen sie allein mit den Bewohnern ist, werde ihr das bewusst. „Dann spüre ich, dass ich jetzt die Verantwortung für einen Menschen trage, damit ihm nichts passiert. Das hatte ich vorher noch nie“, schildert sie.

Ein weiterer Lerneffekt für Bagala, deren Mutterspachen Lugada und Englisch sind, ist der Lebensalltag in deutscher Sprache. Aus der Wohneinrichtung darf sie sich jeden Abend das Pinneberger Tageblatt mit nach Hause nehmen. „Mit der Lektüre verbessere ich mein Deutsch“, sagt sie. „Ich bin ein großer Fan.“ Zielstrebig hat sie sich selbstständig um einen Sprachkursus an der Volkshochschule gekümmert. Dass die Diakonie die Kosten dafür am Ende übernehmen würde, wusste sie dabei noch nicht.

Und wie gefällt Bagala das Leben in Prisdorf, allein in ihrer Bufdi-Wohnung auf dem Gelände der Diakonie? „Ich wohne sehr gern allein“, sagt die Frau, die mit vielen Geschwistern aufgewachsen ist. „Ich genieße, dass ich alles selbst unter Kontrolle habe, und diese Freiheit. Auch wenn ich meine Geschwister sehr liebe und natürlich vermisse.“ Regelmäßig stehe sie mit ihnen in Kontakt. „Sie vermissen mich, aber sie akzeptieren und unterstützen meinen Lebensplan.“

Eine Lehrstelle zur Krankenschwester hat Bagala im Anschluss an ihren Bundesfreiwilligendienst bereits in Elmshorn gefunden. Mindestens für diese Zeit möchte sie in Deutschland bleiben. Wenn sie danach eine Stelle finde, gern auch darüber hinaus. Heimweh hat sie bisher nicht. Allerdings vermisse sie die Offenheit der Menschen auf der Straße in Uganda. Und das Essen hier zu Lande sei jedoch eine große Herausforderung. Noch immer etwas ungläubig berichtet sie: „Da hat jemand ein schwarzes Brot genommen und Wurst darauf gelegt. Also so etwas machen wir in Uganda nicht.“ Die Bewohner der Gruppe hat Bagala natürlich bereits ugandisch bekocht: Es gab Kochbananen mit Erdnusssoße. Im Gegensatz zum Schwarzbrot sei das nämlich „sehr lecker“, sagt sie und lacht verschmitzt.

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