zur Navigation springen

Nach den Anschlägen in Paris : In Frankreich aufgewachsene und in Pinneberg lebende Künstlerin bangte um ihre Schwester

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Auf das Blutbad in Paris am vergangenen Freitag reagiert Mouna Ramcke, die seit 1986 in Pinneberg lebende Künstlerin zunächst mit „Schock, Entsetzen und Ratlosigkeit“.

von
erstellt am 18.Nov.2015 | 00:32 Uhr

Paris/Pinneberg | „Jeder einem Menschen zugefügte Schmerz, gleichgültig welcher Rasse er angehört, ist eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit.“ Das hat der französische Autor und Philosoph Albert Camus einmal gesagt. Mouna Ramcke (63) sitzt auf der Couch in ihrem Boudoir, eingerahmt von den vielen Bücherregalen, die an den Wänden stehen. In den Händen hält sie einen großen Band über eben jenen Denker, den sie studiert und bei dem sie immer schon Antworten gesucht hat.

Doch auf das Blutbad in Paris am vergangenen Freitag reagiert auch die in Frankreich aufgewachsene und seit 1986 in Pinneberg lebende Künstlerin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, zunächst mit „Schock, Entsetzen und Ratlosigkeit“.

Ein Rückblick: Am Freitagabend sitzt sie mit ihrem Mann vor dem Fernseher, um das Länderspiel Frankreich gegen Deutschland im Stade de France zu sehen. Dann ertönt ein Knall. „Wir dachten, es sei ein Böller“, sagt Ramcke. Als eine zweite Detonation zu hören war und Frankreichs Staatspräsident François Hollande dann zur Halbzeit das Stadion verließ, habe sie realisiert, dass etwas nicht in Ordnung sei. Sie habe dann auf französische Sender umgeschaltet, „aber es gab dort keinerlei Informationen“, sagt die 63-Jährige. Als das Spiel zu Ende war, habe es überall im Fernsehen Nachrichten über die Terroranschläge in Paris gegeben, bei denen mehr als 130 Menschen getötet wurden.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Französin, die wie Camus in Algerien geboren wurde, sehr beunruhigt. Ihre Schwester lebt in Paris. Eine Nichte und ein Neffe wohnen sogar im elften und zehnten Arrondissement – dort, wo die IS-Terroristen erbarmungslos und menschenverachtend zuschlugen. Aber nach einigen SMS und Telefonanrufen wird schnell klar: „Alles okay. Ihnen ist nichts passiert“, berichtet Ramcke noch heute erleichtert. Jeden Tag spricht sie nun mit ihrer Schwester.

 „Wir dürfen uns nicht verkriechen.“

Der Anschlag habe Paris ins Herz getroffen – genau dort, wo es sehr viel Freiheit gebe. Wenn jetzt die Straßen in der Metropole an der Seine auch ungewöhnlich leer seien, stehe für Ramcke fest: „Wir dürfen uns nicht in die Knie zwingen lassen und uns verkriechen. Wir müssen aufrecht bleiben“, sagt sie. Ansonsten hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht. Das sehen auch ihre französischen Verwandten so.

Im Oktober war Ramcke für einige Tage in Paris bei ihrer Schwester. Die Anschläge auf das Satire-Blatt „Charlie Hebdo“ hatten bereits ihre gesellschaftspolitischen Spuren – durch Militär- und Polizei-Präsenz – in der Stadt hintergelassen. „Wer ins Museum wollte, wurde durchleuchtet“, sagt sie. Dass die französische Luftwaffe noch am Sonntag begonnen hat, ihre bislang schwersten Angriffe auf Stellungen der Extremisten-Miliz IS in Syrien zu fliegen, hält sie für keine gute Lösung. „Auch der Irak-Krieg hat nichts gebracht.“ Dass auf den Bomben des US-Militärs, die auf IS-Stellungen in Rakka niedergingen, „From Paris with love“ geschrieben stand, hält sie für geschmacklos. „Ich denke nicht, dass sie damit etwas erreichen werden“, sagt sie. Vielmehr solle man der IS keine Waffen mehr liefern und auch kein Öl von ihnen kaufen. Ramcke warnt: „Wir dürfen jetzt nicht alle Leute in einen Topf werfen. Wir müssen Ruhe bewahren. Nicht alle Leute sind Terroristen. Die Flüchtlinge laufen vor dem IS davon“, sagt sie.

Auch in der Literatur findet sich das Thema: Eine Terrorwelle erfasst Paris. Auf der Straße liegen Tote – ermordet von Islamisten. Solche Szenen beschreibt der französische Autor Michel Houellebecq (59) in seinem umstrittenen Buch „Unterwerfung“, das Anfang des Jahres erschienen ist.

Wie kann die Kunst überhaupt auf solch ein Ereignis wie die Anschläge am Freitag reagieren? „Künstler sollten jetzt nicht versuchen, das auszunutzen, um davon zu profitieren“, sagt Ramcke. Vielleicht werde sie sich in der Zukunft des Themas annehmen, sagt die Malerin. Über eines ist sich Ramcke aber auch im Klaren: „Ich glaube, es kann noch mal passieren.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen