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Das Sonntagsgespräch : „In Deutschland gibt es sechs bis acht Millionen Diabetiker“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch: Heute mit Gerhard Schmoldt vom Deutschen Diabetiker-Bund.

shz.de von
erstellt am 22.Mär.2015 | 15:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Gerhard Schmoldt aus Ellerhoop ist Vorsitzender des Bezirksverbands Pinneberg des Deutschen Diabetiker-Bunds. Im Sonntagsgespräch erläutert der selbst Betroffene unter anderem, worauf Diabetiker achten müssen.

Wie wurde die Krankheit bei Ihnen entdeckt?
Seit wann ich Diabetes habe, weiß ich nicht. Man sagt ja, dass die Krankheit meistens acht bis zehn Jahre unentdeckt bleibt. Ich hatte 2001 das Glück, dass ein Freund von mir Diabetes hatte und ich sein Messgerät ausprobierte. Dabei stellte sich heraus, dass mein Blutzucker viel zu hoch ist. Bei mir ist die Krankheit genetisch bedingt. Meine Mutter litt darunter, hatte mit 62 Jahren einen Herzinfarkt und war vorher bereits erblindet. Diabetes ist also nicht unbedingt eine Lifestyle-Krankheit, sondern hängt auch mit der erblichen Veranlagung zusammen.

Wie wirkt sich Diabetes auf Ihr tägliches Leben aus?
Ich musste ab 2001 Tabletten nehmen und habe mein Gewicht um 15 Kilogramm reduziert. Dadurch konnte ich weiter arbeiten, ohne mich um die Krankheit zu kümmern. Als die Medikamente 2009 nicht mehr wirkten, sollte ich eigentlich eine Insulin-Therapie machen. Die blieb mir erspart, da ich ein neues Mittel bekam, durch das sich meine Werte normalisierten.

Was raten Sie Betroffenen?
Viel Bewegung und gesunde Ernährung. In einer Klinik hieß es, dass man sich an Gemüse und Salat satt essen solle. Alles andere sei Beilage. Zu viele Kohlenhydrate oder gar Zigaretten sollten unbedingt vermieden werden. Bewegung ist allerdings genauso wichtig wie die richtige Ernährung. Es muss aber nicht unbedingt Hanteltraining oder Sport im Verein sein. Ich unternehme zum Beispiel sehr viele Spaziergänge mit meinen beiden Hunden. Auch Gartenarbeit ist ein hervorragendes Ganzkörpertraining. Das reicht vollkommen aus.

Wie sind Sie zum Diabetiker-Bund gekommen?
Das war nach der Diagnose eine Reflexreaktion. Ich dachte mir, dass ich jetzt meinen Feind kenne und mir nun die Leute suche, die mich bis zum Ende meines Lebens - Diabetes ist eine chronische Krankheit - unterstützen und meine Interessen vertreten. Dazu wollte ich mich mit Menschen austauschen, die die gleichen gesundheitlichen Probleme haben. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich dank der Selbsthilfegruppe immer über neue Entwicklungen im Bereich Diabetes informiert bin. Unsere Treffen sollen schließlich keine reinen Klönschnacks sein. Deshalb hatten wir auch schon zahlreiche renommierte Gäste aus Politik und Medizin.

Wie sieht die Arbeit des Diabetiker-Bunds aus?
Der Diabetiker-Bund ist die älteste und mit etwa 20.000 Mitgliedern größte Selbsthilfeorganisation für Diabetiker in Deutschland. Es gibt ihn bereits seit 1951. Der Verband ist unsere Interessensvertretung in der Politik und im Gesundheitssystem. In Pinneberg liegt der Schwerpunkt auf der Arbeit der Selbsthilfegruppe. Ich leite die Gruppe und unterstütze auch Diabetiker, die zu den Treffen nicht mehr kommen können.

Welche Probleme muss der Verband derzeit lösen?
Besonders wichtig ist, dass tierisches Insulin als Therapiealternative erhalten bleibt. Allerdings gibt es weltweit nur noch einen Hersteller, da sich inzwischen gentechnisch produzierte, künstlich hergestellte Insuline durchgesetzt haben. Manche Diabetiker sind aber zwingend auf tierische Mittel angewiesen, weil sie auf Humaninsulin mit Nebenwirkungen wie Herzproblemen, Unterzuckerung oder Bewusstseinsstörungen reagieren. Deshalb muss für die Betroffenen dringend etwas getan werden. Viele Ärzte und auch Diabetiker wissen gar nicht, dass tierische Insuline mit entsprechendem Attest verschreibbar und erstattungsfähig sind.

Diabetes gilt als Volkskrankheit. Ist das allen bewusst?
Zumindest sehr vielen. Das beweist schon die große Zahl der Zeitschriften, die es zu dem Thema gibt. Alle Diabetiker zusammen würden den drittgrößten Staat der Erde bilden. Das zeigt, wie weit verbreitet die Krankheit ist. In Deutschland gibt es allein sechs bis acht Millionen Diabetiker. Die Zahl wird in den kommenden Jahren weiter ansteigen, so dass man fast von einer Epidemie sprechen kann.

Gerhard Schmoldt (62) arbeitete vor seinem Ruhestand als Regierungsdirektor in Hamburg. Er wohnt mit seiner Frau in Ellerhoop.
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