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Pinneberger Tageblatt

19. August 2017 | 06:16 Uhr

In der Region bleiben die Lichter an

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Bereitschaftsdienst der Elmshorner Stadtwerke hält das Stromnetz stabil / Notaggregate versorgen die Wasserwerke

Ganz Deutschland hat während der vergangenen Tage der Sonnenfinsternis entgegengefiebert. Für die einen ist sie ein spektakuläres Naturschauspiel. Für andere bedeutet sie viel Arbeit. „Die Sonnenfinsternis könnte das Stromnetz beeinträchtigen“, hieß es in einer Mitteilung des deutschen Katastrophenschutzes. Weil Photovoltaikanlagen keine Energie mehr liefern, könnte es Stromausfälle geben. Wird alles zappenduster, wenn die Sonne hinter dem Mond verschwindet?

Um das zu verhindern, haben die Stadtwerke in Elmshorn einen kleinen Krisenstab gebildet. Die elf Mann starke Truppe hat während der Sonnenfinsternis in der Netzleitstelle gesessen, um das Stromnetz stabil zu halten. Während ihres Einsatzes haben sich die Stadtwerker über die Schulter schauen lassen:

Es ist 9 Uhr. Im Keller der Stadtwerke liegt die Netzleitstelle. Von dort aus steuern die Stadtwerker das Versorgungsnetz. „Wir haben uns auf die Sonnenfinsternis vorbereitet. Sie bietet auch eine gute Trainingsmöglichkeit für den Bereitschaftsdienst“, sagt Olaf Deich, Bereichsleiter Technik.

Die elf Fachleute haben sich an einem langen Schreibtisch mit zahlreichen Monitoren verteilt. Auf einem großen Flachbildschirm verfolgen sie die aktuellen Nachrichten, auf einer Leinwand Zahlenkolonnen und Schaltbilder des Netzes mit seinen 65  000 Kunden. Ihre erste große Aktion an diesem Tag: Mit einem Mausklick nehmen sie die Wasserwerke vom Stromnetz. „Sie werden jetzt von Notaggregaten versorgt. Im Falle eines großflächigen Stromausfalls sind sie autark“, sagt Deich.

Gegen 9.30 Uhr beginnt der Mond, sich vor die Sonne zu schieben. Das Krisenteam beobachtet auf der Leinwand die acht wichtigsten Photovoltaikanlagen in Elmshorn. Draußen liegt dichter Nebel über der Stadt. Das bedeutet: Die Anlagen produzieren fast keine Energie. Nur etwa ein Prozent dessen, was sie liefern könnten, fließt ins Netz. Die Sonnenfinsternis wird also keinen spürbaren Einbruch verursachen. Alles gut also? Kann der Bereitschaftsdienst nach Hause?

„Im Gegenteil. Das wesentlich größere Risiko steht uns noch bevor“, sagt Deich. Wenn nämlich die Sonne nach etwa einer Stunde wieder komplett zu sehen ist, ist sie auch am Himmel ein Stück weitergewandert und scheint aus steilerem Winkel auf die Photovoltaikzellen. So wird mittags mehr Strom produziert als morgens. Wenn der Himmel zeitgleich aufklart, verstärkt sich der Effekt. „Wenn deutschland- oder europaweit binnen weniger Minuten plötzlich alle Photovoltaikanlagen wieder Strom ins Netz geben, kann es zusammenbrechen. Dann sitzen die Leute im Dunklen“, sagt Deich.

Deswegen überwachen große Übertragungsnetzbetreiber wie das Unternehmen Tennet, wie viel Energie verteilt wird. „Geht zu viel Strom ins Netz, kann uns Tennet das Kommando geben, Anlagen abzuschalten“, sagt Deich.

Um 10.45 Uhr sind etwa 80 Prozent der Sonne über Elmshorn bedeckt. Die acht größten Solaranlagen mit etwa sechs Megawatt Nennleistung liefern so gut wie keinen Strom mehr. Wegen des bedeckten Himmels ist die Schwankung im Vergleich zu den frühen Morgenstunden jedoch kaum spürbar. In der Leitstelle bleibt es ruhig. Der Übertragungsnetzbetreiber meldet sich nicht.


Orkan 2013: Krisenteam in der Schaltzentrale


190 Beschäftigte haben die Stadtwerke. Darunter sind 120 Techniker. Sieben von ihnen stellen eine permanente Rufbereitschaft. Nur für Tage wie heute wird das Team aufgestockt. „In so großer Besetzung waren wir zuletzt im vergangenen Mai im Einsatz. Damals war ein Hubwagen an eine Leitung gekommen und hatte einen Stromausfall verursacht“, sagt Deich. Auch während des Orkans „Christian“ im Oktober 2013 mussten die Fachleute ran. Kleinere Störfälle gibt es häufiger. „Etwa zehnmal im Jahr ist die Leitstelle hier besetzt, weil äußere Einwirkung unser Netz stört.“

Gegen 11.45 Uhr ist die Sonne fast wieder frei. Die Stadtwerker blicken gespannt auf die Leinwand. Dort tut sich etwas. Die Produktion der größten Elmshorner Photovoltaikanlage, ein 400-Kilowatt-Kraftwerk auf dem Hallendach eines Unternehmens, hat sich während der vergangenen 60  Minuten fast verfünffacht. Obwohl in weiten Teilen Deutschlands der Himmel blau ist und sich auch der Nebel über Elmshorn langsam verzieht, bleibt der große Netzzusammenbruch aus.

Es ist 12 Uhr. Von dem elfköpfigen Krisenteam sitzen nur noch drei Kollegen in der Leitstelle. In Nachrichtensendungen geben Vertreter der Übertragungsnetzbetreiber erste Interviews, sprechen von einer entspannten Lage. Die Netze sind stabil geblieben. „Wir mussten weder während der Verdunkelungsphase zusätzlichen Strom bereitstellen, noch während der Aufhellung Photovoltaikanlagen vom Netz nehmen“, sagt Deich. Ein kurzer Anruf – und dann dürfen auch die beiden Wasserwerke wieder ans Netz. Die Notaggregate haben ihre Zuverlässigkeit bewiesen und werden abgeschaltet.

Deich zieht ein positives Fazit: „Für einen echten Test waren die äußeren Bedingungen vielleicht etwas zu günstig, die Schwankungen im Netz zu schwach. Aber hier in der Leitstelle hat alles reibungslos funktioniert. Eine gute Vorbereitung ist eben alles.“

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erstellt am 20.Mär.2015 | 16:44 Uhr

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