In den Schuhen des anderen

Perspektivwechsel: Die Referentin Dina Khuzhamatova aus Kasachstan ermutigt Seminarteilnehmer, die Sichtweise der Geflüchteten einzunehmen.
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Perspektivwechsel: Die Referentin Dina Khuzhamatova aus Kasachstan ermutigt Seminarteilnehmer, die Sichtweise der Geflüchteten einzunehmen.

Dina Khuzhamatova will Neugier auf die jeweils andere Kultur wecken und erläutert in Seminaren, wie die Kommunikation klappt

shz.de von
07. März 2018, 16:00 Uhr

Nach den großen Flüchtlingsströmen, der Registrierung und Unterbringung hat jetzt die Zeit der tatsächlichen Integration für die Geflüchteten begonnen. Aber die Vorstellung, wie es laufen sollte, weicht manchmal von der Realität ab. Wie gelingt die Integration in Pinneberg? Dina Khuzhamatova, Referentin beim Projekt „Diffairenz“, sorgt dafür, dass die interkulturelle Kommunikation klappt.

Dina Khuzhamatova hat die Teilnehmer ihres Abendseminars zu einem Perspektivwechsel eingeladen: Hinter der zähen Überschrift „Chancen und Herausforderungen interkultureller Kommunikation“ verbarg sich ein lebhafter Austausch über Erfahrungen beim gegenseitigen Verstehen von Pinnebergern und Geflüchteten. Ehrenamtliche und Verwaltungsangestellte wurden von Flüchtlingskoordinatorin Katharina Kegel ins Ehrenamtszentrum „Hafen“ eingeladen und von der Kieler „Diffairenz“-Referentin mental in Bewegung gehalten. „Diffairenz“ macht Schulungen zur interkulturellen Öffnung und Antidiskriminierung. Es ist ein Teilprojekt des IQ Landesnetzwerkes Schleswig-Holstein.

Thematisiert wurden Eindrücke und Erfahrungen aus dem Alltag: Anhand von Beispielen diskutierten die Teilnehmer über Unsicherheiten und stellten Fragen zu Verhaltensweisen von Geflüchteten, die ihnen nicht vertraut sind. Es ging um Auseinandersetzungen in Unterkünften, um das Verhalten von Männern und Frauen zueinander oder auch um Bekleidung als Ausdruck einer bestimmten Haltung. Khuzhamatova: „Jede Situation ist individuell und muss auch individuell reflektiert werden.“ Im Besonderen gelte das, wenn Verhaltensweisen der Geflüchteten gegenüber Ehrenamtlichen, Verwaltungsangestellten oder Erziehern befremdlich wirkten.

„Es gibt nicht den Syrer oder den Iraker, genauso wenig wie es den Deutschen gibt“, sagte die studierte Ethnologin. Unterschiedliche Gewohnheiten sollten bestenfalls Neugierde darauf wecken, welche Regeln und Konventionen im anderen Land gelten. Die unterschiedliche Herangehensweise bei Essenseinladungen war ein Beispiel, das unter den Seminarteilnehmern besprochen wurde: Während die Deutschen üblicherweise nur einmal eine Einladung aussprechen und die Eingeladenen diese annehmen oder ablehnen, sei die Konvention vieler Geflüchteter eine ganz andere. Sie fragen öfter nach. Und aus Höflichkeit sei es üblich, dass der Eingeladene erst nach dem dritten Mal annimmt, denn erst dann sei die Einladung auch wirklich ernst gemeint.

Die Referentin warb dafür, sich in die Position des anderen hineinzuversetzen. Jedes Land hat unterschiedliche Systeme und Konventionen. Wer die Routinen des Alltags nicht kennt, fühle sich hilflos: „Interkulturelle Kommunikation ist nie auf Augenhöhe. Die Macht ist meist bei dem, der weiß, wie es läuft“, sagt sie. Auch die Behördensprache im Jobcenter sei den Geflüchteten fremd und könne Angst machen: „Migration geht mit einem Statusverlust einher. Viele kommen mit praktischer Berufserfahrung, aber in Deutschland zählen Zeugnisse.“ Tatsächlich seien Migranten überdurchschnittlich oft von Erwerbslosigkeit betroffen oder prekär beschäftigt. „Da helfen beratende Einrichtungen, die Tipps zur Integration auf dem Arbeitsmarkt oder zur Anerkennung von Qualifikationen geben können“, so Khuzhamatova.

Durch eine Übung kam heraus, dass ein Drittel der Seminarteilnehmer selbst Vorfahren aus anderen Ländern hat. Coachin Caitlin Griffiths (kleines Foto) sah sich erstmalig mit ihrem Migrationshintergrund konfrontiert: „Per Definition habe ich einen Migrationshintergrund. Das ist mir jetzt klar geworden. Gefühlt habe ich mich nie so.“ Sie hat einen englischen Vater und eine deutsche Mutter. „Probleme mit meinem Namen oder mit meinem Hintergrund gab es nie. Im Gegenteil.“

Khuzhamatova machte klar, dass die Welt im ständigen Wandel war, ist und sein wird. Durch Kriege, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder Hungersnöte bedroht, setzten sich ständig Menschen auf der ganzen Welt in Bewegung. „Wir müssen diesen Hintergrund verstehen und akzeptieren. Dann kann es auch mit interkultureller Kommunikation klappen.“Im nächsten Teil unserer Serie am Mittwoch, 14. März, geht es um zwei Willkommenshelfer.

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