In Appen sagt man „Tschüß“

Die bunte Kinderschar des Heidewegkindergartens sang für die Erzieherinnen Angelika Brandt (links) und Margit Eikmeier ihre Lieblingslieder und überreichte je eine Rose zum Abschied in den Ruhestand.
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Die bunte Kinderschar des Heidewegkindergartens sang für die Erzieherinnen Angelika Brandt (links) und Margit Eikmeier ihre Lieblingslieder und überreichte je eine Rose zum Abschied in den Ruhestand.

Heidewegkindergarten verabschiedet Erzieherinnen nach rund 30 Dienstjahren / Kita-Chef will mehr als Integration

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18. Juli 2018, 12:23 Uhr

Zwei Erzieherinnen sitzen auf einer Blumengeschmückten Bank, vor ihnen singen und tanzen im Halbkreis Kollegen und Kinder. Einige davon sitzen im Rollstuhl, einige bewegen sich etwas anders als andere – aber alle haben eine Rose in der Hand. Nachdem der letzte Ton des „Flummiliedes“ verhallt ist, stürmen sie auf die zwei Erzieherinnen ein und überreichen stolz ihre Blumen. Denn der integrative Heidewegkindergarten in Appen-Etz hat gestern zwei langjährige Mitarbeiterinnen in den Ruhestand verabschiedet: Margit Eikmeier und Angelika Brandt begleiten die Entwicklung der Integrationsarbeit seit der ersten Stunde. Seit rund 30  Jahren sind beide Kolleginnen im Dienst für ein gemeinsames Lebenlernen von Kindern mit und ohne Behinderung.

Aktuell werden im Heidewegkindergarten 107 Kinder in sechs integrativen Gruppen, einer heilpädagogischen Kleingruppe für Kinder mit besonders hohem Förderbedarf und einer inklusiven Krippengruppe betreut. Eikmeier und Brandt haben den Weg dahin mit aufgebaut und begleitet. Nach 30 Jahren im Berufsleben sind sie praxiserprobte Expertinnen für Inklusion und Integration. „Die Arbeit im integrativen Kindergarten war auch persönlich für mich sehr bereichernd“, beschreibt Brandt ihren Beruf. „Die Familien, die ich kennenlernen durfte, sie zu begleiten bei der Akzeptanz der Lebensumstände bis hin zu Sterbe- und Trauerbegleitung – das hat mich persönlich weitergebracht.“ Allerdings sei im Bereich der Inklusion noch viel zu tun. „Ziel wäre eine optimale Betreuung der Kinder in jedem Kindergarten, das wäre echte Inklusion. Dafür sind wir aber in Ausbau und Personal noch meilenweit entfernt“, sagt Brandt. Hartmut Brodersen, Leiter des Heidewegkindergartens, bestätigt das: „Im kommenden Jahr haben wir 70 Prozent Kinder aus Pinneberg, weil sie dort kein Betreuungsangebot haben. Bei der Lebenshilfe hingegen wird kein Kind abgelehnt, egal wie schwer die Behinderung ist – wir trauen uns das zu.“ Ziel wäre es laut Brodersen, dass jedes Kind in jedem Kindergarten ein passendes Angebot finden kann: „Dann hätten wir echte Inklusion. Von einer frühen Exklusion behinderter Kinder haben wir bisher Integration erreicht. Irgendwann könnten sogar die Schubladen behindert und nicht behindert wegfallen.“

Eikmeier zeigt aber vor ihrem Erfahrungshorizont auch Grenzen der Inklusion auf: „Man kann Kinder nicht gleich machen. Sie sind unterschiedlich und sie brauchen auch ein ihnen angemessenes Gegenüber. Naturgemäß gehen die Interessen der Kinder so ganz unterschiedlicher Fähigkeiten auseinander“, erläutert sie. Ziel sei es also nicht, die Unterschiede – und damit auch die individuellen Bedürfnisse – zu leugnen, sondern als normal und unproblematisch zu betrachten. Das würden sie auch Berufsanfängern mit auf den Weg geben: „Seid offen für alles, begegnet den Kindern ohne Vorbehalte und seht einfach im Moment, was sie wirklich brauchen“, sagt Brandt. „Aber grenzt euch ab, nehmt nicht alles mit nach Hause.“ Auch Eikmeier sieht die vorurteilsfreie Begegnung mit jedem Individuum als entscheidende Voraussetzung an: „Und authentisch sollte man sein, nicht starr. Konsequent, aber herzlich.“ Das Umdenken in der Gesellschaft sei auf jeden Fall ein Prozess, der über mehrere Generationen fortschreiten müsse. „Das geht nie von heute auf morgen, die Wiedervereinigung ist ein Beispiel: Wir reden heute von von Ossis und Wessies.“ Deswegen möchte Eikmeier im Ruhestand auch an die Uni und als Gasthörerin Soziologie studieren. „Ach du auch?“ fragt die Kollegin überrascht. Offensichtlich werden sich die zwei auch weiterhin noch öfter sehen. Beide freuen sich auf den kommenden Lebensabschnitt: „Etwas Wehmut natürlich, aber in ein Loch werde ich nicht fallen“, prognostiziert Eikmeier. Freundschaftlich wollen beide mit dem Kollegenkreis verbunden bleiben.

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