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Pinneberger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 06:47 Uhr

Pinneberg : In Angst vor der Abschiebung

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Doe Diakonie kann Albaner und Kosovaren nicht mehr in Sprachkurse vermitteln. Flüchtlinge sind verunsichert. Innenminister: Keine Listen erstellt.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 11:00 Uhr

Pinneberg | Die Angst geht um unter Albanern und Kosovaren in Pinneberg, die als Asylbewerber nach Deutschland gekommen sind. Nachdem die Bundesregierung Abschiebungen im großen Stil angekündigt hat, fürchten viele, in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt zu werden. In Länder, wo ihrer Ansicht nach Korruption, Misswirtschaft und Diskriminierung Alltag sind. Am Dienstag hat der Diakonieverein Migration albanische und kosovarische Schüler aus Sprachkursen zusammengerufen und ihnen mitgeteilt, dass sie keinen Unterricht mehr besuchen können.

„Ich bin auf der Straße von mehreren Albanern angesprochen worden. Sie fürchten, dass sie nun sofort ihre Koffer packen müssen“, sagte Igballe Sylejmani. Die Kosovarin lebt seit 23 Jahren in Deutschland und gibt für die Diakonie Sprachunterricht. „Albanische Medien haben berichtet, dass heute ein Flugzeug mit 350 abgeschobenen Flüchtlingen in Richtung Balkan starten soll.“

Ein 24-Jähriger sagte: „Ich habe überhaupt keine Ahnung, was nun mit uns passiert.“ Der junge Mann, der innerhalb kürzester Zeit Deutsch lernte, hatte große Pläne. Er wollte in Deutschland studieren. Nun droht ihm die Abschiebung.

Die Schüler, die in einen Schulungsraum des Café Pino gekommen waren, haben fast alle eine akademische Vorbildung. In ihren Heimatländern haben sie Informatik, Französisch, albanische Landeskunde und Tourismus studiert. Doch auch ein Lkw-Fahrer ist dabei. Und viele der Albaner und Kosovaren hätten eine Handwerksausbildung, wie Karen Fischer, im Diakonieverein unter anderem für Sprachkurse zuständig, sagt. „Es ist unbegreiflich, warum ausgerechnet die Qualifizierten, die wir als Fachkräfte dringend brauchen, zurückgeschickt werden sollen“, sagt Fischer. Sie versucht mit ehrenamtlichen Helfern, private Sprachkurse auf die Beine zu stellen.

Auf dem Arbeitsmarkt gefragt

Ludger Fischer ist Geschäftsführer des Vereins. Er sagt: „Unserer Einschätzung nach ist der Anteil derjenigen, die gut in den Arbeitsmarkt integriert werden können, unter Albanern und Kosovaren deutlich größer als unter Syrern und Afghanen.“ Obwohl die Unsicherheit unter den Betroffenen groß ist, beurteilt er die Gefahr von Massenabschiebungen aus dem Kreis Pinneberg als eher gering: „Im Vergleich zu anderen Flüchtlingsgruppen gibt es nur relativ wenige Menschen bei uns, die vom Balkan kommen. Außerdem existieren rechtliche Abschiebehindernisse.“ Der Abschiebeparagraph im neuen Asylgesetz könnte sich auch als Ergebnis reiner Symbolpolitik erweisen. „Vom schleswig-holsteinischen Innenminister haben wir die Nachricht bekommen, dass es hier keine Abschiebelisten gibt.“

Eine 33-jährige Lehrerin aus Albanien ist vor zehn Monaten mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Seitdem wartet sie auf eine Befragung durch die Ausländerbehörden. Ihr bleibt etwas Hoffnung. „Ich habe von einem Anwalt erfahren, dass sie uns nicht ohne Befragung ausweisen können und dass politisch Verfolgte bleiben können“, sagt sie. Und noch vor vier Tagen hätten die Behörden ihr mitgeteilt, sie könne in den kommenden sechs Monaten bleiben.

Der Gedanke an eine erzwungene Rückkehr ist für die Schüler schwer zu ertragen. Viele Menschen in Albanien und im Kosovo sind arbeitslos, sie fürchten Korruption und Repression. In Albanien gebe es zwar eine Krankenversicherung. Doch wer sich behandeln lassen wolle, müsse Schmiergeld zahlen, übersetzt Sylejmani. Eine 40-Jährige sagt: „Ich bin Deutschland so dankbar. Bei mir wurde hier ein Tumor festgestellt. In meinem Heimatland habe ich keine Chance auf Behandlung.“

Karen Fischer sieht auch eine politische Aufgabe für Deutschland: „Die Kanzlerin hat gesagt, man müsse den Balkanstaaten helfen. Wenn wir den Flüchtlingen von dort keine Perspektive geben, haben wir in ein bis zwei Jahren das nächste Pulverfass, in dem Revolten drohen.“

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