154-mal die letzte Rettung : Immer wieder muss das Jugendamt Kinder aus Familien nehmen

154-mal griff das Jugendamt im vergangenen Jahr wegen Kindswohlgefährdung derart radikal ein. 2015 waren es 129 Inobhutnahmen.

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23. Januar 2017, 14:30 Uhr

Kreis Pinneberg | Es ist die härteste Maßnahme, die das Jugendamt bei Familien zum Einsatz bringt – die Ultima Ratio. Wenn die Mitarbeiter beim Besuch in einer Familie vermuten, dass die seelische oder körperliche Gesundheit eines Kindes in Gefahr ist, dann müssen die Jungen oder Mädchen ihre Eltern verlassen und werden in Sicherheit gebracht. 154-mal griff das Jugendamt im vergangenen Jahr wegen Kindswohlgefährdung derart radikal ein. 2015 waren es 129 Inobhutnahmen.

Florian Schlender vom Kreisjugendamt erläuterte im Gespräch, dass die Hinweise aus sehr unterschiedlichen Quellen kommen: „Mal sind es die Nachbarn, die Alarm schlagen, weil ein Kind seit Stunden schreit. Mal ist es eine Erzieherin, der auffällt, dass ein Junge ständig hungrig in die Kita kommt. Und manchmal kriegen wir auch einen Hinweis aus der Notaufnahme, weil den Ärzten dort auffällt, dass die Geschichte der Eltern nicht zu den Verletzungen des Kindes passt.“ Wenn die Mitarbeiter des Jugendamts dann vor Ort feststellen, dass das Kind tatsächlich in Gefahr ist, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Eltern stimmen entweder zu, dass ihr Kind aus der Familie genommen wird oder das Jugendamt muss den Umweg über einen Richter nehmen, der das Sorgerecht entzieht. In beiden Fällen kommen die Kinder entweder in das Kinderschutzhaus in Elmshorn, oder zu Pflegefamilien.

Inobhutnahmen durch das Jugendamt erfolgen nicht nur in Fällen von Kindswohlgefährung, sondern auch  bei allen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die in den vergangenen Jahren den Kreis Pinneberg erreichten. Auch sie werden unter Vormundschaft genommen. 2014 waren es 24, im folgenden Jahr 166 und 2016 dann 107. Insgesamt leben im Kreis Pinneberg derzeit 251 unbegleitete Flüchtlinge, die noch nicht 18 Jahre alt sind.

Eine klare Tendenz der Inobhutnahmen lässt sich beim Vergleich der vergangenen zehn Jahre nicht ausmachen: Zusammengerechnet – also Kindswohlgefährdung und minderjährige unbegleitete Flüchtlinge – gab es 2009 insgesamt 235 derartige Maßnahmen des Jugendamts, im Jahr 2011 dann 272, 2013 wiederum 221 und im vergangenen Jahr 261.

Wenn der sichere Platz nicht bei der Familie ist

Der entscheidende Hinweis kam von einem Mann, aus dem Umfeld der Familie. Die Mutter habe versucht, sich umzubringen. Es misslang. Aber was wird aus dem sechs Monate alten Baby, wenn es das nächste Mal nicht beim Versuch bleibt? Denn die Eltern hatten sich gerade erst getrennt und der Vater lebte in einer neuen Wohnung. Das Jugendamt musste schnell reagieren. Die Mitarbeiter fuhren in die Wohnung der Frau und trafen dort nicht nur Mutter und Tochter, sondern auch auf die Großmutter. Es wurde ein Gespräch mit vielen Tränen, an dessen Ende die Mutter eine Entscheidung traf: Das Kind sollte an einen sicheren Ort. Und dieser war nicht bei seiner Familie.

Auch Florian Schlender, stellvertretender Fachdienstleiter im Jugendamt des Kreises Pinneberg, war an diesem Tag dabei. Er erzählt die Geschichte als ein Beispiel für das, was im Behördendeutsch Inobhutnahme wegen Kindeswohlgefährdung heißt. 154 Mal wurden im Jahr 2016 mit diesem rechtlichen Hintergrund Minderjährige aus ihren Familien genommen: „Wenn die Eltern nicht zustimmen, muss ein Richter eingeschaltet werden.“ Dieser entzieht das Sorgerecht und die Kinder kommen zu Pflegefamilien oder ins Kinderschutzhaus in Elmshorn.

Im Falle der suizidgefährdeten Mutter wurden alle nötigen Schritte unternommen, um die Wahrscheinlichkeit für eine akute Gefahr so weit wie möglich zu verringern. Das sechs Monate alte Baby lebt in einer der Bereitschaftspflegefamilien des Kreises, die Mutter ist in der Psychiatrie. Ob das Kind jemals wieder bei einem seiner Elternteile leben kann, weiß derzeit noch niemand. Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung kann das Jugendamt – über die Kreisverwaltung unter Telefon (04121) 45020 – oder die Rettungsleitstelle über 19222 informiert werden. Die Kollegen des Kreisjugendamtes werden dann alarmiert.

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