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Jugendamt ächzt unter Ansturm : Immer mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Mitarbeiter kümmern sich um immer mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das Personal muss dringend aufgestockt werden.

shz.de von
erstellt am 19.Sep.2015 | 15:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Es ist ein Ächzen, aber noch kein Zusammenbruch: Das Jugendamt des Kreises Pinneberg kümmert sich um immer mehr minderjährige unbegleitete Flüchtlinge – und bat jetzt um Hilfe. Am Donnerstagabend legte Leiter Christoph Helms seine Situation während des Jugendhilfeausschusses dar. Ging man bisher von 60 Fällen aus, rechnet er jetzt mit mehr als 100 bis Ende 2015. Auch die Zahl für 2016 wurde bereits nach oben korrigiert: Statt 80 werden 200 Flüchtlingskinder erwartet, die ohne Angehörige ankommen und somit automatisch in die Obhut des Jugendamts fallen. „Wir versuchen derzeit, uns von Tag zu Tag zu retten, wir brauchen Verstärkung“, sagte Helms.

Diesen Appell richtete er an die Politik. Die zeigte Verständnis: „Die Meinung war einhellig, uns allen ist klar, dass schnell etwas passieren muss“, sagte Ausschussvorsitzende Helga Kell-Rossmann (SPD). Sie sprach von einer dramatischen Situation, die Mitarbeiter seien am Rande ihrer Leistungsfähigkeit oder darüber hinaus. „Wir sind froh, wenn wir kurzfristig Personal bereitstellen können“, so Kell-Rossmann. Die Verwaltung wolle bis Oktober eine Vorlage erstellen, über die dann abgestimmt werden könne. Der Kreistag muss sich dann mit dem Nachtrag im Doppelhaushalt beschäftigen. Rossmann hoffe, dass die Beschlüsse schnell erfolgen.

Im Jugendamt bündelt man derzeit seine Kräfte. Helms hat eine zentrale Stelle geschaffen, die die Fälle koordiniert. Gleichzeitig werden Gespräche mit Trägern von Jugendhilfeinrichtungen geführt. Denn das Hauptproblem ist: Die Unterbringungsmöglichkeiten sind ausgeschöpft. „Das Kinderschutzhaus ist weit über seine Kapazität ausgereizt“, sagte Helms. „Hinzu kommt, dass wir kaum stationäre Einrichtungen im Kreis haben.“ Jetzt werden Immobilien gesucht. Die Vormünder betreuen immer mehr Fälle: Drei Vollzeitkräfte kümmern sich derzeit um 175 Fälle, 29 sollen bis Ende des Jahres hinzukommen. Nebenbei liegen 2700 andere Jugendhilfefälle auf den Schreibtischen der Jugendamtsmitarbeiter. „Die alltägliche Arbeit darf nicht zurückstehen, wir haben einen Versorgungsauftrag, wann immer es um Kindeswohlgefährdung geht“, sagte Helms. Die knappeste Ressource außer Plätzen ist die Zeit: Alters- und Statusprüfung, Sprachbarrieren und die Angst vor Behörden machten die Inobhutnahme am Anfang schwierig und bedürften eines größeren Aufwandes, so Helms. Für den Jugendamtsleiter komme erschwerend hinzu, die richtigen Mitarbeiter zu finden. „Die Fachkräfte-Situation ist prekär“, sagte er. Außerdem: Um wie viele Mitarbeiter sollte die Behörde aufstocken? Wie viele noch kommen, sei gerade bei minderjährigen unbegleitenden Flüchtlingen kaum kalkulierbar.

Helms bleibe optimistisch. Alle seien sehr motiviert, die Jugendhilfeträger sehr engagiert. Jetzt hoffe er auf die Politik. Dass sie den Weg für mehr Stellen in seinem Amt freimacht. Für die Jugendlichen zähle jetzt erst einmal ein sicherer Ort. Aber Helms betonte auch, wie wichtig die Integration sei: „Unter ihnen sind großartige junge Menschen, die sehr dankbar sind. Diese Chance sollten wir nicht verpassen.“

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