Schwer-in-Ordnung-Ausweis : Immer mehr sind schwer in Ordnung

Hannah Kiesbye präsentiert stolz den von ihr gestalteten Ausweis.
Hannah Kiesbye präsentiert stolz den von ihr gestalteten Ausweis.

Die Idee einer Halstenbekerin kommt bundesweit gut an. Nur die Landesregierung tut sich mit Neuerung für Menschen mit Behinderung schwer.

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30. Juli 2018, 14:00 Uhr

Halstenbek/Kiel | Ihre Idee hat bundesweit Anerkennung gefunden: Die von Hannah Kiesbye entwickelte Schwer-in-Ordnung-Ausweis-Hülle für den Schwerbehindertenausweis wird in immer mehr Bundesländern angeboten. Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz haben die Idee der Halstenbekerin inzwischen aufgegriffen und stellen den offiziellen Ausweis auf Wunsch in der Hülle aus. Auch ihre Heimat Schleswig-Holstein zählt zu den Ländern, in denen die Hülle erhältlich ist. Bekannt ist das aber nur den Wenigsten. Ein Hinweis darauf findet sich nicht einmal auf der Homepage des Landes. Selbst im Büro des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen musste man sich schlau machen, bevor man dazu Auskunft geben konnte.

Erst 20 Personen haben den Ausweis beantragt

Tatsächlich haben in Schleswig-Holstein erst etwa 20 Personen den Schwer-in-Ordnung-Ausweis beantragt. Das berichtete Dirk Mitzloff, Stellvertreter des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung, auf Anfrage unserer Zeitung. „Bisher gab es noch keinerlei öffentliche Mitteilungen, dass die Hülle in Schleswig-Holstein überhaupt erhältlich ist. Die Resonanz ist also erwartungsgemäß gering“, sagte Mitzloff. Warum die Heimat der Ideengeberin vergleichsweise zurückhaltend mit der Neuerung umgeht, ist Mitzloff nicht bekannt. Er selbst sei darüber verwundert. Auf Nachfrage im Sozialministerium in Kiel hieß es dazu: „Das Ministerium hat großen Respekt vor Hannahs Initiative und hatte ihren Impuls als Denkanstoß für den sprachlichen Umgang mit dem Thema Menschen mit Behinderungen aufgenommen. Das Landesamt für soziale Dienste hatte daher auch Hüllen mit dem Aufdruck Schwer-in-Ordnung-Ausweis beschafft, die auf Nachfrage kostenfrei ausgegeben werden“, teilte Pressesprecher Christian Kohl mit.

Schlichte Umbenennung reicht nicht aus

Mitzloff weiß, dass die Hülle von Menschen mit Behinderungen nicht nur positiv gesehen wird. Wichtiger sei vielen, welche Nachteilsausgleiche sie mit dem Ausweis bekommen und wie es mit der Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft insgesamt voranginge. „Ich selbst finde es aber großartig, dass durch den Schwer-in-Ordnung-Ausweis das Thema in die Öffentlichkeit gerückt worden ist“, sagte der stellvertretende Landesbeauftragte. „Die schlichte Umbenennung des Ausweises reicht jedoch nicht aus. Das ist Symbolpolitik – und die wollen wir nicht betreiben“, betonte Mitzloff. Er fordert, dass auf Bundesebene jetzt intensiver über die Teilhabe von schwerbehinderten Menschen an der Gesellschaft diskutiert wird. Wenn der Ausweis mit neuem Inhalt gefüllt sei, könne er auch umbenannt werden. „Und dann nicht nur auf einer Hülle“, sagte Mitzloff.

Neuerung im Kreis Pinneberg

Während es auf Landesebene och eher schwierig und nur auf gezielte Nachfrage möglich ist, einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis zu erhalten, können Menschen mit Behinderungen im Kreis Pinneberg bald ganz einfach an eine der Hüllen kommen. Geplant ist, diese über den Bürgerservice im Kreishaus in Elmshorn auszugeben, teilte Kreispressesprecher Oliver Carstens mit. Die Vorbereitungen dazu würden laufen.

Die Idee von Hannah Kiesbye hatte im vergangenen Herbst erstmals für Schlagzeilen gesorgt. Die Jugendliche mit Down-Syndrom hatte aus ihrem Schwerbehindertenausweis einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis gebastelt, weil sie sich diskriminiert fühlte.

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