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Kinder in Suchtfamilien : „Ich wollte Mama schützen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Montag startet die bundesweite Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien. Wir haben mit einem Betroffenen gesprochen.

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2014 | 16:00 Uhr

Tornesch | „Meine Mutter hat ein Alkoholproblem.“ Nach zweieinhalb Jahren professioneller Begleitung kann Dennis M. (Name geändert) das aussprechen. Es sei viel wirksamer, wenn jemand wie er darüber spreche, deshalb sei er da. Dennis ist noch im Teenager-Alter als er mitbekommt, dass mit seiner Mutter etwas nicht stimmt. Sie trinkt zu viel, öfter als andere Erwachsene in seinem Umfeld. Dennis übernimmt Aufgaben im Haushalt, die seine Mutter vernachlässigt. Manchmal, erinnert er sich, habe er gehofft, die Mutter trinke so viel, dass er den Notruf wählen kann. „Ich habe mich dabei so schlecht gefühlt, meiner Mama so etwas zu wünschen.“ Ein Gedanke, der zeigt, wie hilflos ein junger Mensch in einer solchen Situation ist. Einzelfall? Offizielle Zahlen sind alarmierend.

Cannabis, Alkohol, Drogen – Dennis ist eines von etwa 2,65 Millionen Kindern, die in einer Familie aufwachsen, in der ein oder beide Elternteile zumindest zeitweise Suchtkrank sind. Laut Statistiken betrifft das jedes sechste Kind in Deutschland. Das hat Konsequenzen: Untersuchungen zufolge entwickelte etwa ein Drittel von ihnen selbst eine Abhängigkeitserkrankung, ein großer Teil zeige psychische Auffälligkeiten wie Depressionen, Ängste oder agressives Verhalten, erklärt Dr. Hans-Jürgen Tecklenburg, Leiter der ATS-Suchtberatungstelle Tornesch-Uetersen. Eine andere Folge ist: Stillschweigen. „Kinder von Suchtkranken schämen sich häufig und versuchen, den Schein der Normalität zu wahren“, sagt Ronja Plew, Sozialpädagogin und Projektleiterin der Fachstelle „Kleine Riesen“.

Keiner spricht Dennis darauf an, aber auch er selbst wendet sich an niemanden – noch nicht einmal an die besten Freunde. „Ich wollte Mama schützen und nicht, dass andere schlecht über sie denken.“ Er macht sich Sorgen, aber bis er begreift, dauert es eine Zeit. „Viele wachsen damit auf und kennen das nicht anders“, so Plew. Dennis kann nicht einfach wegschauen. Er ist überfordert, wenn seine Mutter zu viel trinkt. Er will, dass sich etwas ändert, irgendetwas tun. Bei einer Internetrecherche findet er die Suchtberatungsstelle. Als er dort ist, ist er überrascht: „Ich bin davon ausgegenagen, dass meiner Mutter geholfen wird und nicht mir“, sagt Dennis. Er wird Mitglied der „Kleinen Riesen“. „Ich fand es toll, dass mir jemand zugehört und mich verstanden hat.“

Dennis war eins von etwa 30 Kindern und Jugendlichen, die im vergangenen Jahr regelmäßig in der Suchtberatungsstelle betreut wurden. „Sie müssen ein Geheimnis wahren. Es kann bis zu Vernachlässigung und Gewalt führen, sie brauchen sichere Orte“, sagt Plew. Sucht sei eine Familienkrankheit. Etwa ein Drittel gehe unbeschadet aus einer solchen Situation hervor. Einige brauchen dafür Unterstützung. Lange Zeit erhielten betroffene Kinder wenig Aufmerksamkeit. Dabei, betont die Sozialpädagogin, muss der Kreislauf frühzeitig durchbrochen werden.

Dennis fand eine Anlaufstelle. Jemanden, an den er sich jeder Zeit wenden konnte. Jemanden, demgegenüber er offen sein konnte. Und vor allem: „Ich stand im Mittelpunkt, nicht der Alkohol oder meine Mutter.“ Heute habe er verstanden, dass seine Mutter eine Krankheit habe, dass er nichts dafür könne. Er sei selbstbewusster geworden. „Die Mutter-Sohn-Beziehung besteht wieder“, sagt er. Seine Mutter hat nicht aufgehört zu trinken – aber Dennis hat gelernt, wie er damit leben kann.

Die Fachstelle „Kleine Riesen“ der ATS-Suchtberatungsstelle Tornesch-Uetersen (Bahnhofsplatz 4) lädt im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien für Donnerstag, 13. Februar, von 17 bis 19 Uhr zu einem Treffen unter dem Motto „Familie – Abhängigkeit – ich selbst“ ein. Es richtet sich an Kinder und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 24 Jahren, die sich informieren oder austauschen möchten. Mit einem Kurzreferat und Filmausschnitten werden die Auswirkungen von Drogenkonsum, Alkoholabhängigkeit und exzessivem Medienkonsum aufgezeigt. Mehr Informationen gibt’s unter (04122) 960040 oder per E-Mail an sucht.tu@ats-sh.de. Ziel der Aktionswoche vom 9. bis 15. Februar  ist es, auf die Situation von Kindern aus suchtbelasteten Familien aufmerksam zu machen. Auch die Fachstellen „Kleine Riesen“ in Quickborn und Norderstedt beteiligen sich mit Angeboten. Das Uetersener Burgkino zeigt in diesem Zeitraum vor dem Hauptfilm im Abendprogramm den Social Spot „Kleine Riesin“.
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