„Ich brauche Identifikation für mein Leben“

„Ich bin angekommen“, sagt Marcell Jansen im Interview mit unserer Zeitung.
„Ich bin angekommen“, sagt Marcell Jansen im Interview mit unserer Zeitung.

HSV-Präsident und Aufsichtsrat Marcell Jansen über seinen Job an der Spitze des Traditionsklubs, Belastungen durch ein Ehrenamt und den Wunsch, etwas zurückzugeben

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07. Mai 2019, 10:23 Uhr

Zeitdruck gehört neuerdings zur Arbeitsplatzbeschreibung von Marcell Jansen. Es ist noch früher Morgen, als er mit leichter Verspätung zum verabredeten Gespräch mit Manfred Ertel ins Café in Hamburg-Eppendorf kommt. Aber für die Fragen rund um seine Passion Fußball und seinen Klub nimmt er sich alle Zeit, das ist ihm wichtig. Da ist er in seinem Element, das ist zu spüren. Danach muss er aber auch gleich weiter – ausnahmsweise mal nicht zum Fußball, sondern zur Produktionsstätte seines Sanitätshauses in Rellingen im Kreis Pinneberg.

Gab es in den ersten 100 Tagen als HSV-Präsident schon mal einen Moment, in dem Sie die Wahl bereut haben?
Überhaupt nicht, ich wusste vorher, dass wir nach unserer Vergangenheit in den letzten sechs, acht Jahren schon einige sehr, sehr große Herausforderungen vor uns haben. Klar, es ist viel Arbeit, es macht aber auch Riesenspaß, die Arbeit im Präsidium und mit den vielen Sportabteilungen, die Events, das Repräsentieren. Die Themen und Aufgaben in der Fußball-AG sind jetzt ja nicht so wirklich neu, das ist nur meine Rolle als größter Anteilseigner und Vertreter der Mitglieder.

Vor fast zwei Jahren konnten Sie sich eine Rückkehr in den Profifußball nur in einer „visionären Form“ vorstellen. Was ist beim HSV visionär?
(lacht) Ich bin ja kein klassischer Trainer oder Sportdirektor, sondern verstehe meine Rolle als übergeordnet: Ich möchte versuchen, Menschen zusammenzubringen und Eitelkeiten-Management zu betreiben. Und dabei immer für die Sache und die Gruppe einzustehen mit Ideen, von denen alle was haben. Da gibt es eine Menge Arbeit beim HSV. Das ist das, was mir liegt und was ich in meinem neuen Leben abseits vom Fußball gelernt habe und auch bei meinen wirtschaftlichen Beteiligungen oder als Mitgründer mache.

Führungsjobs im Fußball sindwie kaum ein anderer abhängig von sportlichem Erfolg oder eben Misserfolg. Habe Sie Angst vor dem Sprichwort „mitgefangen, mitgehangen“?
Das ist ja fast ein bisschen eine Glaubensfrage: Wie kommen die Ergebnisse, die Leistung der Spieler auf dem Platz da eigentlich hin? Weil alle 23 Spieler einigermaßen kicken können? Das ist in vielen Jahren etwas die HSV-Mentalität gewesen. Oder gibt es eine Grundidee, braucht es eine hanseatische Bodenhaftung, gibt es ein Konstrukt und Möglichkeiten, gemeinsam mit anderen Menschen den Verein weiterbringen zu können. Ich denke schon, da Qualitäten zu haben.

Zwei Spieltage vor dem Saisonende ist der Wiederaufstieg trotz vieler Chancen immer noch nicht ausgemacht und die finanzielle Lage ist, vorsichtig formuliert, nicht eben rosig. Schlafen Sie trotzdem gut?
Ich habe oft unruhig geschlafen, weil mir der Verein am Herzen liegt und es für mich das Wichtigste ist, den Fans, die unabhängig von Erfolgen oder Misserfolgen immer loyal und treu waren, wieder Stabilität für ihren Verein zurückzugeben. Mittlerweile schlafe ich deutlich besser, weil wir in den letzten Monaten ganz viele Themen umsetzen konnten, was vielen unerreichbar schien. Gerade jetzt die Einigung mit Klaus-Michael Kühne . . .
. . . über die Weiterfinanzierung des Stadionnamens und die Tilgung der Darlehen?
Vielen ist vielleicht gar nicht klar, wie wichtig das für den Verein ist. Da geht es um ein Gesamtpaket von 50 Millionen Euro. Das Volksparkstadion bleibt unter diesem Namen noch mindestens ein Jahr und alle Verträge mit Kühne aus den letzten Jahren wurden in ein Paket zu einer finalen Einmalzahlung zusammengepackt. Das ist der wichtigste Deal des HSV in den letzten zehn, elf Jahren, der bedeutet Stabilität: Dazu haben wir trotz vieler Unkenrufe anstandslos die Lizenz bekommen, wir haben die Anleihe zu hundert Prozent platziert, wir haben die Kaderkosten fast halbiert. Und wir haben die große Chance aufzusteigen, trotz schwieriger Rahmenbedingungen. Wir haben für diese Saison mit Khaled Narey schließlich nur einen neuen Spieler gekauft und alle anderen geliehen. Das heißt, unsere Transferausgaben lagen bei rund 1,7 Millionen Euro. Ich kann mich nicht erinnern, wann es das beim HSV zuletzt mal gegeben hat. Wir sind auf einem sehr seriösen und guten Weg. Der Vorstand macht einen echt guten Job.
In der Doppelfunktion als Aufsichtsrat der AG und Vereinspräsident sind Sie fast genauso viel unterwegs wie als aktiver Profi. Findet Ihre Freundin das ok?
Ich bin seit letztem Jahr Single, das hilft an dieser Stelle im Zeitmanagement extrem, die Balance pendelt sich gerade ein. Ich bin echt dankbar, dass ich vier Jahre nach meiner Zeit als aktiver Spieler beim HSV etwas gefunden habe, was mich genauso herausfordert wie meine Profi-Karriere. Ich bin angekommen.

Hat Sie der Fußball endgültig zum Hamburger gemacht?
Ich habe mich eigentlich immer so gefühlt seit meiner ersten Saison 2008/2009, die mit den zwei verlorenen Halbfinals in den legendären Werder-Wochen sehr emotional war. Alles was danach kam, hat es eigentlich nur bestätigt. Ich konnte mich als Mensch hier ausleben und mit meinen Facetten entfalten, das ging nirgends so gut wie in Hamburg.

Muss man bei dem Zeitaufwand für zwei Ehrenämter im positiven Sinne ein bisschen fußballverrückt sein?
Ja, aber das bin ich ja auch. Außerdem bin ich ein sehr loyaler Mensch. Wenn mir jemand was Gutes gegeben hat wie die Fans, die mich sieben Jahre lang gnadenlos unterstützt haben, oder wie die Stadt, dann will ich auch was zurückgeben. Ich brauche Identifikation für mein Leben und Identifikation bedeutet dann Leidenschaft. Und das bedeutet, dass es sich überhaupt nicht wie Arbeit anfühlt. Natürlich gibt es Tage, an denen man down ist, alles andere wäre gelogen. Aber die meisten Tage haben mir viel gegeben, ich konnte unheimlich viel lernen, manchmal war es wie in einem Jura-Crashkurs. Dafür bin ich sehr dankbar.
Wo sehen Sie den HSV in fünf Jahren?
Meine Vision und die vom Vorstand ist, dass wir ein etablierter Erstligist sind, der Ambitionen nach oben haben darf. Das bedeutet, ein gefestigter Bundesligist zu sein, für den alles möglich ist.

Wird sich der HSV auf lange Sicht neben dem Profi-Fußball mehr als 30 Vereinsabteilungen vom Spitzensport bis zum Breitensport noch leisten können?
Das ist schon eine Hausnummer und das ist auch gut. Aber es kommt immer darauf an, was der HSV ist und in welchen Sportarten viel HSV drin steckt. Wir haben über 7000 aktive Sportler im Verein, was super ist, ich bin selber einer von denen. Aber ich vergesse auch nicht, dass über 80 000 Mitglieder im Verein sind, weil sie den HSV im Fußball unterstützen. Deshalb müssen wir Infrastrukturen zum Beispiel in unserem historischem Zentrum Norderstedt so weiterentwickeln, dass sie für alle gut sind: für den Breitensport im Verein sowieso, aber auch für den Fußball von den Kleinsten in der E-Jugend bis zu C-Jugend, denn wir müssen die Fußball-AG mitentwickeln und fördern. Das Zusammenspiel von Fußball-AG und Verein ist die größte Aufgabe.

Der HSV e.V. finanziert Olympiagewinner und Spitzen-Leichtathleten, kürzt aber Gelder etwa bei den Rollstuhlbasketballern. Ist das die Realität im Vereinssport, in dem nur Leistung zählt?
Das sehen wir überhaupt nicht so. Aber wenn ein großer Sponsor von unserer BG Baskets seine Unterstützung stark reduziert, dann fehlt eine Riesenstange Geld. Das kann nicht immer nur der Verein allein auffangen und alles regeln. Uns ist wichtig, dass wir die BG Baskets, wo ich selber oft und begeistert war, weiter in der Bundesliga sehen. Aber wir sind ein gemeinnütziger Verein und haben auch andere Abteilungen, in denen HSV drinsteckt. Und wenn man für die Rollis praktisch weltweit Spieler einfliegen muss und gleichzeitig Sponsorengelder fehlen, muss man sich fragen, ob das alles noch so vernünftig ist. Aber wir werden alles tun und die Rolli-Basketballer nicht fallenlassen. Zum Beispiel auch durch Inklusionstage an Schulen und Unternehmen den Nachwuchs fördern und entwickeln und so auch das Projekt Bundesliga im Rollstuhlbasketball sichern.

Haben Sie eigentlich noch Zeit, immer mal wieder in der 3. Mannschaft der Fußballer mitzukicken?
Unbedingt, ich habe diese Woche wieder zweimal mittrainiert, davor die ganze Woche und auch 20 Minuten gespielt. Ich werde sicher wieder im Kader sein, aber ich will niemandem den Platz wegnehmen. Ich bin da völlig entspannt und fühle mich pudelwohl in der Truppe. Das ist halt Amateurfußball an den Wurzeln. Und das ist richtig geil.

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